Breitbandausbau in Deutschland: Was brauchen Unternehmen wirklich?

Die Konstellation beim Breitbandausbau erfordert eine „kreative Lösung“ zu folgenden Ergebnissen: Das wirtschaftliche und private Interesse an „Hyper-Connectivity“-Diensten steigt zusehends. Besonders aussichtsreich dabei erscheinen Dienste aus den Bereichen moderne Kommunikationsformen, intelligente Stromverteilung, intelligente Assistenzsysteme, Cloud Computing, soziale Netzwerke, Online-Spiele und Internet-Fernsehen. Einerseits eröffnen diese innovativen Dienste neue Geschäftspotenziale, andererseits lasten sie die vorhandene Kommunikationsinfrastruktur aber auch immer stärker aus. Schätzungen sprechen hier davon, dass sich das IP-Daten-Volumen seit 2008 weltweit verfünffacht habe und nun bei 700 Milliarden GByte liege. Heruntergebrochen auf Deutschland wird erwartet, dass das IP-Datenvolumen zwischen 2010 und 2014 um durchschnittlich 35 Prozent per annum wachsen wird.

Entsprechend diesen Wachstumspotenzialen werden viele Diskussionen um den richtigen Aufbau einer modernen Kommunikationsinfrastruktur recht emotional geführt. Dies zeigte sich zuletzt beispielsweise auch anlässlich der Koalitionsverhandlungen, insbesondere bei den mit dem Aufbau zusammenhängenden Aspekten Re-Monopolisierung, Netzneutralität, regionale Monopole und Preisdifferenzierung. Allerdings bleibt im Eifer des Gefechts der sachliche Austausch zwischen denjenigen, die Innovationspotenzial, wirtschaftliche Prosperität und Bürgerrechte grundsätzlich gefährdet sehen, und denjenigen, die nach der wirtschaftlichen Basis für die notwendigen enormen langfristigen Investitionen fragen, leider oft auf der Strecke.

Hier leisten zwei aktuelle Papiere wertvolle Hilfe. Die beiden Papiere arbeiten Vorschläge heraus, wie in Deutschland der Aufbau einer modernen Kommunikationsinfrastruktur entsprechend den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Notwendigkeiten hinreichend schnell gelingen könnte, ohne dabei allein auf staatliche Zuschüsse zu bauen. Diese Vorschläge haben allerdings nur dann eine Erfolgschance, wenn sie sowohl die länderspezifischen Besonderheiten als auch die vielfältigen Interessensgruppen (von den Nachfragern über die privatwirtschaftlichen und kommunalen Infrastrukturbetreiber bis hin zu den Diensteanbietern und den politischen Entscheidern) berücksichtigen.

Hier wird die Bedeutung des Wettbewerbs betont, aber auch die Nachfragelücke bei schnellen Breitbandanschlüssen erwähnt. So nutzte das Gros der deutschen Breitbandkunden eine Bandbreite von weniger als 10 Mbit/s – obgleich auch schnelle Verbindungen angeboten wurden. Demgegenüber verfügte jeder zehnte Breitbandkunde über eine Bandbreite von mehr als 30 Mbit/s.

In der Praxis zeigt sich, dass es die schnellen Angebote wohl bereits darum schwer haben, weil viele Kunden ihren Anschluss bislang nur für den E-Mail-Verkehr und das Internet-Surfen nutzen wollen. Dementsprechend ist die Mehrheit der Nutzer mit den ebenso attraktiven wie breitbandintensiven Services, etwa Bildtelefonie, Internet-Fernsehen oder Online-Spiele, bislang nicht vertraut und kann daher den Qualitätsvorteil einer schnellen Verbindung gar nicht wertschätzen.

Damit ist wichtig festzuhalten, dass die innovativen Dienste viele Chancen für Wirtschaft und Gesellschaft eröffnen. Bei dem dafür notwendigen Aufbau einer modernen Kommunikationsinfrastruktur besteht allerdings hinsichtlich Angebot und Nachfrage nach neuen Infrastrukturen und Diensten ein eklatantes Henne-Ei-Problem. Dementsprechend sind alle Beteiligten zum konstruktiven Dialog aufgerufen. Hierbei gilt es, eine Lösung zu finden, die zu den länderspezifischen Besonderheiten passt, das Kundeninteresse trifft und darüber hinaus auch einen tragfähigen Ausgleich zwischen dem Schutz von Investitionen sowie der Förderung von Wettbewerb und Innovation gewährleistet. Die Konstellation beim Breitbandausbau macht kreative Lösungen erforderlich.

Autor: Dr. rer. pol. Stefan Heng, Dipl. Volkswirt, ist seit dem Jahr 2000 in wachsender Verantwortung als Senior Economist bei Deutsche Bank Research tätig. Sein Aufgabenschwerpunkt liegt in der volkswirtschaftlichen Analyse des durch Innovationen getriebenen strukturellen Wandels. Von besonderer Relevanz dabei sind die Themenfelder Elektrotechnik, IT, Telekommunikation und Medien.
Vor seiner Tätigkeit bei Deutsche Bank Research arbeitete Dr. Heng in einem Schwerpunktprojekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft und als Koordinator des interdisziplinären Vertiefungsfaches „Ökologie“ der Universität Mannheim. Er promovierte an der Universität Mannheim mit einer umwelt- und verkehrsökonomischen Arbeit. Dr. Heng ist unter anderem Mitglied im Komitee des Zukunftspreises der Future Convention und Mitglied im strategischen Beirat des DVPT. Er verfasste mittlerweile mehr als 100 Studien und Buchbeiträge. 

Breitband: Politik kontra Lobbyisten

„Mehr Ehrlichkeit!“

Was würden Sie sagen, wenn Sie im Supermarkt eine Packung Milch kaufen, und diese ist mit „bis zu 1 Liter“ beschriftet und zu Hause stellen Sie fest, dass nur ein halber Liter in der Packung ist? Unvorstellbar? Bei Breitbandanschlüssen ist das heute jedoch üblich.

Deshalb wäre dringend Ehrlichkeit gefragt. Breitbandanschlüsse werden heute mit marketingtauglichen „bis zu“-Angaben vermarktet, ohne dem Endkunden zu sagen, welche Bandbreiten er tatsächlich erhält. Gerne wird dann auch vergessen, dass die „hohen“ Geschwindigkeiten oft nur in eine Richtung geboten werden.

Auch das Wort „Glasfaser“ oder „Fibre“ wird derzeit inflationär und oft völlig irreführend verwendet. Den Konsumenten soll so vorgegaukelt werden, sie würden bereits einen zukunftssicheren Glasfaseranschluss erhalten – selbst wenn die Glasfaser bereits weit außerhalb der eigenen Wohnung endet.

Dänemark ist eines der ersten Länder, in dem Breitbandanbieter neben den Marketing-Werten auch die tatsächlich zu erwartenden Geschwindigkeiten anführen müssen. Dies macht die Angebote vergleichbar und es verhindert, dass man erst nach dem Abschluss eines Vertrages mit 24 Monaten Bindung feststellt, dass man nur einen Bruchteil der erwarteten Bandbreite erhält.

Es wäre wünschenswert, wenn auch in Deutschland die Kunden schon bald erfahren würden, wie schnell ihr Breitbandprodukt tatsächlich ist. Damit sie sich darauf verlassen können, dass tatsächlich 100 Mbit/s drin sind, wo 100 Mbit/s draufstehen…

Autor: Hartwig Tauber ist Geschäftsführer der Industrieorganisation FTTH Council Europe. Er hat über 20 Jahre Breitband- und IKT-Erfahrung, leitete mehrere nationale und internationale Breitbandprojekte in Österreich und hält den Titel Professor (FH) für E-Business Management an der IMC Fachhochschule Krems. In seiner leitenden Position als Geschäftsführer des FTTH Council Europe ist Hartwig Tauber in mehrere europäische und globale Projekte involviert, die das Ziel haben, den Ausbau von Glasfaser bis zum Haushalt voranzutreiben. 2011 und 2012 war Hartwig Tauber auch der Vorsitzende der FTTH Council Global Alliance Group, die die Aktivitäten der fünf globalen FTTH-Organisationen koordiniert.

„Digitalisierung ist das Top-Thema in Bayern. Dazu gehört der Breitbandausbau.“

„Digitalisierung ist das Top-Thema in Bayern. Dazu gehört der Breitbandausbau, die Datensicherheit und den Ausbau von E-Government“, stellte Dr. Markus Söder, Finanzminister und neuer Chief Information Officer (CIO) von Bayern anlässlich seiner Bestellung fest. Als oberster Digitalisierer und Chef der Verwaltungs-IT will Söder die Digitalisierung in Bayern koordiniert vorantreiben und Bayern zur Leitregion des digitalen Aufbruchs machen.

 „Schnelles Internet und hohe Datensicherheit sind eine Voraussetzung für funktionierendes und effizientes E-Government“, stellte Söder fest. Zur Beschleunigung des Breitbandausbaus verzehnfachte Söder kurzerhand die Berater für Kommunen und will eine Verschlankung der teils sehr bürokratischen Förderrichtlinie bei der EU durchsetzen. Bayern will weiter bis 2018 ein flächendeckendes Hochgeschwindigkeitsnetz schaffen und das modernste Breitband zum Standard machen. „Drei Kernpunkte prägen das Konzept: das Verfahren wird vereinfacht, die Förderung verdoppelt und die Beratung verbessert. Wir wollen Datenautobahnen bauen und jede Gemeinde muss eine eigene Ausfahrt bekommen“, so Dr. Markus Söder, Finanzminister, zum Bayerischen Breitbandkonzept. „Mit einem Startgeld-Netz von 5.000 Euro wird den Kommunen außerdem der Einstieg in das Verfahren erleichtert.“

Der Arbeitsaufwand für die Kommunen soll sich durch die Vereinfachung der EU-notifizierten Breitbandrichtlinie um die Hälfte reduzieren. Der Vorschlag Bayerns zur Änderung der Förderrichtlinie sieht folgende Erleichterungen vor: Eine Kommune soll künftig selbst entscheiden können, wo der Ausbau erfolgt, die Beschränkung auf Gewerbe- und Kumulationsgebiete soll aufgehoben werden. Abschlagszahlungen werden ermöglicht; damit entfällt für die Kommunen die Notwendigkeit einer kompletten Vorfinanzierung. Von einem Bedarf für schnelles Internet ist auszugehen, daher soll auch auf die Bedarfsermittlung verzichtet werden. Die Klärung, ob ein Telekommunikationsunternehmen in einem Fördergebiet eigenwirtschaftlich in schnelles Internet investiert, soll beschleunigt werden. Statt wie bisher drei sollen sie künftig dafür nur noch ein Jahr Zeit haben. Auf die zweimalige Beteiligung der Bundesnetzagentur soll komplett verzichtet werden. Eine überarbeitete Richtlinie wurde der Kommission informell zugeleitet.

Außerdem soll die Förderung der Wirtschaftlichkeitslücke für die Gemeinden verbessert werden. Einzelne Kommunen können maximal eine Million Euro erhalten – das ist eine Verdoppelung der maximalen Fördersumme. Die Fördersätze sollen um 20 Prozentpunkte auf maximal bis zu 80 Prozent angehoben werden. In besonderen Einzelfällen ist sogar ein Fördersatz von bis zu 90 Prozent möglich. Die bisherigen Fördersätze lagen je nach Finanzkraft der Gemeinde zwischen 40 und 80 Prozent.

Autor: Dr. Markus Söder, Bayerischer Finanzminister

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