Cloud-basiertes Drop Ship Management

Cross-Sales-Potenziale ausschöpfen, mit Sortimentserweiterung nachhaltig Wettbewerbsvorteile erzielen oder einfach mithalten mit Amazon und seinem Warenuniversum – der Handel hat viele Gründe, ein eigenes Streckengeschäft aufzubauen. „Weniger Lager und Logistik, mehr Ware und Umsatz“: In der Theorie sind Drop-Ship-Geschäftsmodelle für Anbieter ohne Zweifel attraktiv. Damit das Kalkül auch in der Praxis aufgeht, müssen Drop-Ship-Partner schnell, in großer Zahl und möglichst nahtlos in den Vertrieb einbezogen werden. Hier beginnen allerdings die Schwierigkeiten.

Gut gedacht, schlecht gemacht: das Streckengeschäft ist kein Selbstläufer

Was Drop Shipping lukrativ macht, sind Kosteneinsparungen durch eine Übertragung von Beschaffungs-, Bevorratungs- und Lieferverantwortung an hochspezialisierte Partner. Wie jedes andere Outtasking auch ist das Streckengeschäft allerdings mit Risiken verbunden:

1. Servicequalität: Image, Wettbewerbsfähigkeit und Kundenzufriedenheit hängen letztlich davon ab, ob Lieferversprechen eingehalten werden. Sendungsausfall, Verspätungen oder Fehlzustellungen werden dem Händler direkt angelastet. Er trägt gegenüber dem Kunden die alleinige Verantwortung und haftet mit seiner Reputation für eine mangelhafte Performance der Lieferanten.

2. Prozesse: Da die beteiligten Partner zumeist sehr unterschiedliche Systeme für ihr Liefermanagement verwenden, ist die Konsolidierung von Prozessen, Datenkommunikation und -haltung schwierig. Die Folge der Heterogenität sind Prozessbrüche, die händisch überbrückt werden müssen. Als kleinster gemeinsamer Nenner zwischen Unternehmen muss dann häufig Outlook und Excel herhalten, was Lieferprozesse dann allerdings langsam, fehlerhaft und arbeitsaufwändig macht.

3. Kosten: Gelingt es nicht, alle Partner reibungslos in durchgängige, standardisierte und automatisierte Arbeitsabläufe zu integrieren, steigt der Verwaltungseinsatz in Liefermanagement und Prozessmonitoring. Die Personenstunden, um Bestellungen auf den Weg zu bringen und etwaige Fehlleistungen der Partner auszugleichen, wiegen die vermeintlichen Effizienzvorteile des Outtasking schnell auf.

4.Sicherheit: Heterogene Standards zwischen Händlern und Partnern und händisch improvisierte Datentransfers machen auditsichere Aussagen über das Wo,Wann und Wie der Datenhaltung und -verarbeitung nahezu unmöglich.

Um diese Risiken auszuschließen, müssten Händler jeden Partner einzeln in die eigene IT-Infrastruktur und Systemlandschaft integrieren, was bei teilweise mehreren 100 Drop-Ship-Partnern nicht praktikabel ist. Der Zeit- und Kostenaufwand wäre einfach zu hoch.

Lieferprozesse über System- und Unternehmensgrenzen hinweg konsolidieren

Alternativen dazu kommen heute aus der Cloud. Sie arbeiten mit Middleware-Technologien und Mapping-Verfahren zur Datentransformation beziehungsweise -mediation zwischen Händler und Streckenlieferant. Auch neue Partner lassen sich so unabhängig von ihrem Technologie-Stack und ohne Systemeingriff in den Online-Kanal eines Händlers einbinden. Der Vorteil der Datenkonsolidierung liegt für den Handel in der effektiveren Qualitätssicherung der Bestell-, Liefer- und Buchhaltungsprozesse. Mit durchgängiger Transparenz und Kontrolle des gesamten Waren- und Vertriebszyklus können dem Käufer zudem präzise Echtzeit-Rückmeldungen zum Lieferstatus kommuniziert werden. Gleichzeitig werden Serviceniveaus dadurch abgesichert, dass Lieferengpässe rechtzeitig erkannt und beseitigt werden können.

Mit Middleware und Daten-Mapping behält der Handel die volle Gestaltungs- und Steuerungshoheit. Das macht es ihm leichter, das Outtasking flexibel zu erweitern und Drop-Ship-Lieferanten zusätzliche Aufgaben zu übertragen. Das gelingt vor allem, wenn neben dem Lieferhandling auch das Portfolio-Management Cloud-basiert erfolgt und die entsprechenden Systeme für das Order Management (OMS) und Product Information Management (PIM) als Software as a Service (SaaS) genutzt werden. Dann können Lieferanten ihre Produkte in eigenen Formaten selbst einstellen, bevor die Datensätze teils automatisiert, teils mit bewussten Modifikationen (zum Beispiel Preispunkte) harmonisiert und dann „live“ geschaltet werden. Abgesehen von Einsparungen an Personenstunden bei der Sortimentserweiterung wird auf diese Weise die Aktualisierung der Angebote beschleunigt und das Time to Market für neue Produkte reduziert.

Delegieren, steuern und gestalten: der Dreiklang im Streckengeschäft

Während Mapping & Middleware qualitative Vorteile bringen, um Partner unabhängig von ihren IT-Standards reibungslos einzubinden, erweitert die Cloud vor allem die quantitative Flexibilität, indem nahezu unbegrenzt viele Lieferanten integriert werden können. Gleichzeitig erweitert der Handel seine Marktchancen, indem er neue Kooperationen zunächst mit wenigen, ausgewählten Produkten testweise startet, um Warenumfänge und Umsatzvolumina dann sukzessive nach oben zu skalieren. Sollte sich die Partnerschaft nicht bewähren oder nur saisonal lohnen, kann sie jederzeit wieder heruntergefahren oder gelöst werden. Anders als bei der Systemintegration müssen in diesem Fall keine Investitionen abgeschrieben werden.  Dadurch erweitert der Handel seinen Spielraum, um Aufgaben bei Bedarf zu delegieren, Prozesse zu steuern und die Geschäftsentwicklung mit neuen Lieferanten zu gestalten.

Autor: Manfred Siegl, General Manager Europe bei Virtualstock. Von Hause aus Diplom-Physiker, erwarb Manfred Siegl den Hernstein General Manager Degree und ist seit 20 Jahren für Unternehmen unter anderem aus den Bereichen IT, Retail sowie Energie in europäischer Führungs- und Managementverantwortung tätig.

 Dieser Beitrag erschien erstmals im e-commerce magazin 07/2014 im Schwerpunkt Big Data.

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