Crash-Test Dummies der IT aus der Cloud

„Gut gedacht, schlecht gemacht“ – wird sich so mancher Marketingleiter in den letzten Jahren gedacht haben, wenn teure Social-Media- oder Internetkampagnen Opfer ihres eigenen Erfolges wurden. Sobald stark gesteigerte Zugriffsraten und Lastspitzen die beworbene Landingpage außer Gefecht setzen und genervte Beinahe-Kunden zurücklassen, ist das für Unternehmen und ihre Dienstleister ein Fiasko. Ebenso strapazieren Warteschlangen im Webshop oder an der Online-Kasse die Geduld der Besucher und führen teilweise zum Abbruch der Konversionshandlung, was den Erfolg einer Produkteinführung oder den Start in das Saisongeschäft stark beeinträchtigen kann.

Künstliche Nutzer bringen Webanwendungen ans Limit

Damit die Landingpage, das aufwändig gestaltete Multimediaportal oder komplexe Shop- und Bezahlsysteme technisch halten, was sich Designer und Sales-Profis von ihnen versprechen, setzen Digital- oder Full-Service-Agenturen in ihrem Qualitätsmanagement auf Lasttests. Hierbei werden künstlich Zugriffe beispielsweise auf den Webstore und seine Angebote oder Funktionen generiert. Dazu werden realitätsnahe Nutzerprofile angelegt (zum Beispiel Käufer, Windowshopper, Sucher), zu dem auch ein bestimmtes Navigationsverhalten (etwa die Klickfrequenz) gehört. Die Browseranfragen werden von Lastgeneratoren erzeugt, also von Servern, die durch eine Lasttestsoftware gesteuert werden. In Testreihen mit skalierbaren Kundenparametern (zum Beispiel die Anzahl paralleler Nutzer) kann der gesamte Einkaufsprozess von der Landingpage über das Bestellformular und die Authentifizierung bis hin zur Anbindung von Payment-, Warenwirtschafts- und CRM-Systemen auf Performanz-Engpässe abgeklopft werden. Insbesondere wird gemessen, wie sich die Leistungsfähigkeit des Webshops und der hinterlegten Infrastruktur (Web-, Applikations- und Datenbankserver) im Verhältnis zum Besucheraufkommen entwickelt. Umsatzrisiken etwa durch schleppende Antwortzeiten mit Abbrüchen des Bestellvorgangs werden so im Vorhinein aufgedeckt.

Lasttests sind in großen Unternehmen seit langem etabliert, um die Reife von Webanwendungen (Fehlerhäufigkeit), ihre Fehlertoleranz (volles Leistungsniveau trotz auftretender Fehler), die Wiederherstellbarkeit bei Versagen sowie das Verbrauchsverhalten (benötigte Hardware für das erforderliche Leistungsniveau) zu testen und zu optimieren. Bislang waren dazu beträchtliches Fachwissen, ein hoher Aufwand an Personenstunden bei der Konfiguration der Lasttestsoftware sowie umfangreiche Serverkapazitäten erforderlich: So werden teilweise einige Dutzend Lastgeneratoren benötigt, um den Besucheransturm zum Launch einer Interaktionsseite oder eines Online-Angebots realitätsnah zu simulieren.

Mit der Option hoch skalierbarer Lasttests aus der Cloud entfällt dieses Handicap. Eine nahezu unbegrenzte Lasterzeugung, die 24/7-Verfügbarkeit, kaum Investitionen in Hard- und Software und der kurze Vorlauf geben externen Dienstleistern die Möglichkeit, Design-, Entwicklungs- und Testleistungen aus einer Hand anzubieten. Die einsatzgebundene Kostenflexibilität von Pay-per-Use-Modellen erhöht gleichzeitig die Transparenz in der Abrechnung der Agenturleistungen gegenüber dem Auftraggeber. Dabei schafft die Cloud auch methodisch einen Mehrwert: Sie liefert Resultate, die häufig realistischer sind als bei Testverfahren „hinter der Firewall“, also unter Laborbedingungen. Denn mit der Cloud wird die Last da erzeugt, wo auch die realen Nutzer sitzen und ihre Anfragen starten. Insbesondere können statistisch ermittelte oder erwartete Besuchergruppen mit regional entsprechend verteilten Lastgeneratoren in beliebigem Umfang generiert werden. Hat etwa ein Webshop tagsüber vor allem Kunden aus Europa, abends aus den USA, nachts aus Asien, können Cloud-basierte Lasttests die Zugriffe in der jeweiligen geografischen Verteilung und entsprechenden Größenordnung nachbilden. Sie können selbst ein regionalspezifisches (Kauf-)Verhalten und typische Surfgewohnheiten simulieren. Dabei werden Faktoren wie Bandbreite und Latenz so erfasst, wie der Nutzer sie erlebt. Gleichzeitig  werden alle durchlaufenen Stationen von der Browseranfrage bis zur erfolgten Datenübertragung (etwa DNS-Server, Internetdienstanbieter, Firewall) vollständig in ihrem Verhalten unter Last ausgemessen. Cloud-basierte Testverfahren gewinnen zusätzliche Realitätsnähe, da sie den Einfluss von Ad-Servern und weiteren, von externen Anbietern gelieferten Technologien auf die Verfügbarkeit der Webanwendungen erfassen.

Die Digitalagenturen ergänzt die Cloud zumeist Testläufe, die auf lokalen Servern hinter der Firewall aufgesetzt werden,  zu einem zweistufigen oder „hybriden“ Testverfahren: Der Test einer Umgebung beginnt mit einer vorsichtigen Lasterzeugung in geschützter Umgebung. Zunächst wird mit relativ wenigen virtuellen Nutzern die grundsätzliche Verfügbarkeit der Anwendungen sichergestellt. Steht die Infrastruktur für das Go-Live, starten die externen Zugriffssimulationen aus der Cloud. Dann ist es möglich, Webanwendungen im Blick auf DoS-Attacken, Worst-Case-Szenarien und Risikoprävention an ihr Maximum (und noch darüber hinaus) zu bringen oder durch plötzliche Lastwechsel zu stressen. Mit dem zweistufigen Testverfahren kann das Monitoring schon früh in der Entwicklungsphase einer Anwendung beginnen, um Fehler zu beseitigen, solange es noch einfach und kostengünstig ist. Eine ausschließliche Verwendung der Cloud würde den Beginn der Tests dagegen auf einen Zeitpunkt verschieben, an dem die jeweilige Umgebung bereits stabil eingerichtet ist.  

Die spezifischen Anforderungen einer Full-Service-Agentur

Eine Lasttestsoftware für Digitalagenturen sollte ihr spezifisches Geschäftsmodell und die sich daraus ergebenden Anforderungen unterstützen: Dazu zählen enge, unverrückbare Deadlines, eine hohe Effizienz- und Innovationserwartung der Auftraggeber sowie eine dokumentierte Präzision in der SLA-Umsetzung.

Kreativität in der Konzeption, Sicherheit in der Umsetzung

Online-Marketing zielt häufig darauf, den Kunden mit kreativen Formaten zu überraschen, ihm Neues zu bieten. „Experimentelles Marketing“ bedeutet aber gleichzeitig „keine Experimente bei der Umsetzung“. Daher benötigen Full-Service-Agenturen eine Lasttestsoftware, die technologisch auf der Höhe der neuesten Webentwickler-Tools ist und beispielsweise HTML5-basierte Anwendungen und moderne Entwicklertools wie Adobe Flex, MS Silverlight, Google Web Toolkit und Ajax Push unterstützt. Für die Qualität der Lasttests ist entscheidend, dass zwischen dem Release oder Update eines Framework und der Unterstützung durch eine jeweils kurzfristig aktualisierte Lasttestlösung keine Lücke entsteht.

Das gilt umso mehr für Flash-Animationen und Video-Streams, die Kampagnensites attraktiv gestalten, aber auch erheblich verlangsamen können. Flüssige Bilderfolgen auch bei Zugriffs-Peaks sicherzustellen, ist für Webentwickler nicht einfach. Eine moderne Lasttestlösung, die die hinterlegten Videoformate wie FLV, AVI, MPEG4 identifiziert, ihre Agilität anhand spezifischer Parameter (unter anderem Wartezeit bis zum Video-Start) ausmisst und Bottlenecks lokalisiert, kann diese Aufgabe zumindest deutlich erleichtern.

Mobile Marketing – zurück in das Internet der 90er?

Angesichts des Booms bei Tablets und Smartphones ist Mobile Marketing mittlerweile eine Selbstverständlichkeit. Für die Implementierung aufwändiger Konzepte gilt das nicht ohne Weiteres. Lasttester müssen mit originären Apps oder nachträglich für das Smartphone optimierten Webseiten anders umgehen als mit „normalen“ Webapplikationen. Das ergibt sich schon aus der Qualität des Mobilfunknetzes, das selbst beim HSDPA- (3,5G-) Standard Datentransfer-Raten von manchmal deutlich unter 100 kb/s bietet. Moderne Lasttestlösungen arbeiten mit „Netzwerk-Emulationen“, die den Datendurchsatz in den Testläufen bewusst limitieren. Wird eine Internet-App wie eine ganz normale Webanwendung getestet und bei der Simulation eine starke DSL-Verbindung genutzt, dann wird die Antwortzeit (Latenz) viel zu kurz gemessen. Testingenieure halten die Performanz für akzeptabel, da sie sich augenscheinlich im vordefinierten Toleranzbereich bewegt. Tatsächlich erlebt der reale Mobilfunkanwender mit 3G- oder GSM-Konnektivität das Warten auf die Internet-App als unbefriedigend, sodass er das Angebot als schlechten Service letztlich ablehnt. Lasttests kommt hier eine strategische Bedeutung zu, denn sie ordnen aufwändigen Internet-Apps jeweils ihre spezifische Antwortzeit zu und zeigen so, was zum Beispiel an Web-2.0-Formaten sinnvoll und wie viel Web 1.0 für eine flüssiges Surfen unvermeidlich ist.

Lasttestsoftware – vom Prüf- zum Entscheidungstool

Früher waren Lasttests in der Regel nachgelagerte Checks von nahezu fertig programmierten Anwendungen. Heute steht Lasttestsoftware als Entscheidungstool mehr und mehr am Anfang des Entwicklungsprozesses, um festzustellen, welches Anwendungsdesign in Frage kommt und wie hoch etwa der Hardware-Aufwand im Betrieb ist. Als Entscheidungstool ist Lasttestsoftware nicht ausschließlich Spezialisten vorbehalten, sondern auch eine Lösung für das (Projekt-) Management. Daraus ergibt sich, dass Automatisierung, ein Push-Button-Ansatz, Dokumentation und aussagekräftige Reportings ebenso wichtig werden wie die reine Funktionalität. 

Als Managementlösung für Digitalagenturen ist Open-Source-Lasttestsoftware daher nur bedingt geeignet. Denn hier müssen Nutzerprofile und Testszenarien durch das Scripting, also kleine Programme mit Lines-of-Code, erstellt werden. Effektiver und schneller ist ein anderes Verfahren; die so genannte „Aufzeichnung“ der Navigationswege von virtuellen „Testkunden“ im Webshop erfolgt allein mit Browser, Maus und Auswahlmenüs. Voreingestellte Konfigurationen und automatisierte Reportings sorgen dafür, dass umfassende Testläufe auf Knopfdruck gestartet und mit aussagekräftigen Resultaten abgeschlossen werden. Eine hohe Frequenz der Testläufe und kurze Durchlaufzeiten stellen sicher, dass sie über umfassende Resultate und Datenbestände verfügen. Sie sind die valide Basis für zügige Entscheidungsprozesse, eine reaktionsschnelle Problembehandlung und die professionelle Dokumentation des Qualitätsmanagements. Für Digitalagenturen, die Implementierungsleistungen mit gestufter Lasthärte anbieten, ist darüber hinaus relevant, Transparenz bei der SLA-Erfüllung zu schaffen. Testläufe, die zuvor definierte Performance-Standards (etwa die maximal zulässige Antwortzeit einer Anwendung) automatisch überprüfen, und Live-Reportings, die die Resultate wie in einem Leitstand direkt anzeigen, unterstützen sie dabei effektiv.

  • Alexander Kunz ist Business Development Manager bei Neotys. Zuvor war der Spezialist für Netzwerke und Softwareentwicklung in Führungspositionen u.a. bei Nextra, Tiscali und Daimler tätig.
  • Lasttests aus der Cloud messen die gesamte Frage-Antwort-Kette in der Server-Client-Kommunikation aus.
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