Bitcoin – das Geld des Internet-Zeitalters?

Als der Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek 1976 die „Entstaatlichung des Geldes“ forderte und einen freien Wettbewerb der Währungen vorschlug, konnte er von Bitcoin noch nichts ahnen. Das Internet wurde damals nur von wenigen Wissenschaftlern genutzt, Verschlüsselungstechnologien nur vom Militär. Heute haben wir alle technischen Möglichkeiten in der Hand, um Hayeks Vision zu verwirklichen. Es ist an der Zeit, dass wir das Geld aus den Klauen des Staates befreien und es dem freien Markt anvertrauen – also den vielen Millionen freiwilliger  Einzelentscheidungen freier Menschen.

Das staatliche Scheingeldsystem, das seit dem Ende der Golddeckung des Dollars im Jahr 1971 vorherrscht, hat zu einer Explosion der Staatsschulden, zu zahllosen Finanzkrisen und zum Auseinanderdriften der Schere zwischen Arm und Reich geführt. Die tiefere Ursache dafür ist das staatliche Privileg der Zentral- und Geschäftsbanken, aus dem Nichts Geld zu schaffen. Das führt zur Verwässerung des Geldwertes und zu einer ungerechten Bevorteilung derjenigen, die nah an der Quelle dieses „virtuellen Geldes“ sitzen, in erster Linie also Bankern und Politikern.

 Bitcoin ist digitales Gold

Bitcoin wurde von seinem Erfinder Satoshi Nakamoto hingegen mit denselben Qualitäten ausgestattet, die Gold über viele tausend Jahre zum beliebtesten Geld der Menschheit gemacht haben: es ist knapp, teilbar, fälschungssicher und unverwüstlich. Ohne den Zwang des Staates, es als „gesetzliches Zahlungsmittel“ anzuerkennen, würde wohl niemand für ein Stück bedrucktes Papier arbeiten. Gold und Bitcoin werden von den Menschen jedoch ganz ohne Zwang als Geld akzeptiert, eben wegen ihrer besonderen Qualitäten.

Während Mario Draghi auf Knopfdruck täglich ein paar Milliarden neue Euro erzeugen kann, ist der Zuwachs der Menge neuer Bitcoins durch die Bitcoin-Software streng reglementiert. So wie die Menge an Gold auf diesem Planeten sehr knapp ist, ist auch die Gesamtmenge an Bitcoins auf 21 Millionen begrenzt. Jedes Bitcoin ist wiederum in 100 Millionen Untereinheiten teilbar, die nach ihrem Erfinder „Satoshis“ genannt werden. Im Gegensatz zum Gold kann man Bitcoin in Sekundenschnelle und zu minimalen Kosten rund um die Welt schicken. Viele sehen daher in Bitcoin das perfekte Geld für das Internet-Zeitalter.

 Vom Experiment zum Liebling der Finanzbranche

Seit im Januar 2009 die ersten Bitcoins erzeugt und in Umlauf gebracht wurden, hat das Bitcoin-System eine erstaunliche Entwicklung erlebt. In den ersten Jahren beschäftigten sich nur einige wenige Computerfreaks mit Bitcoin, der Kurs lag bei Bruchteilen von Cents. Als im Mai 2010 der Programmierer Laszlo Hanyecz für zwei Pizzas 10.000 Bitcoins zahlte – die erste nachgewiesene Bitcoin-Transaktion für ein reales Gut – hielt er das vermutlich für einen guten Deal. Heute wären diese 10.000 Bitcoins über 2 Millionen Euro wert!

Der Preis eines Bitcoins, der Ende 2011 noch bei rund zwei Euro und im Januar 2013 bei rund zwölf Euro lag, ist auf über 200 Euro gestiegen. Ende 2013 kratzte er sogar an der 1.000-Euro-Marke. Der Bitcoinkurs geht heftig rauf und runter, wie es für ein noch junges Produkt mit geringen Umsätzen typisch ist. Doch die langfristige Tendenz geht deutlich nach oben. Das ist nicht weiter verwunderlich: das Angebot an Bitcoins nimmt nur sehr langsam zu, während die Nachfrage ständig steigt.

Über 100.000 Online-Shops akzeptieren heute Bitcoins, dazu viele Tausend Geschäfte in der realen Welt. Noch sind diese Zahlen vergleichsweise klein, doch viele Unternehmen arbeiten an der Weiterentwicklung von Bitcoin. Sie sind mit Millionen von US-Dollars an Venture Capital ausgestattet, denn Bitcoin ist zurzeit eines der heißesten Themen im Silicon Valley. Auch die große Finanzwelt hat Bitcoin und die darunterliegende Technologie mittlerweile für sich entdeckt. Goldman Sachs und die New York Stock Exchange haben in Bitcoin-Startups investiert, die NASDAQ wird Bitcoin-Technologie für den Handel mit Finanzprodukten nutzen.

Wie funktioniert Bitcoin?

Der Begriff Bitcoin bezeichnet zwei Dinge: ein weltweites Zahlungssystem, das ohne Banken oder sonstige Mittelsmänner auskommt; und die „digitale Münze“, die man braucht, um daran teilzunehmen. Um Bitcoins zu empfangen und zu versenden, benötigt man nichts weiter als eine kostenlose Software, die „Wallet“ („Brieftasche“) genannt wird. Es gibt viele verschiedene Bitcoin-Wallets für alle möglichen Endgeräte und Betriebssysteme, ob Windows, Mac oder Linux, Android oder iOS. Jeder kann sich eine Bitcoin-Wallet herunterladen, man braucht dafür keine Erlaubnis und keine Schufa-Auskunft.

Und wie kommt man an Bitcoins? Nicht anders als an anderes Geld: man kann sie verdienen oder eintauschen. Es gibt zahlreiche Online-Börsen und Marktplätze, auf denen man Bitcoins kaufen und verkaufen kann, in Deutschland zum Beispiel www.bitcoin.de. Man kann auch zu einem der zahlreichen Bitcoin-Treffen gehen, die es in vielen Städten gibt, und dort Bitcoins gegen Bargeld tauschen, zum Beispiel auf der Bitcoin Exchange Berlin (www.bitcoin-exchange-berlin.com). Oder man bietet ein Produkt oder eine Dienstleistung gegen Bitcoins an. Zum Beispiel kann man sich als Journalist beim neuen Nachrichtendienst Falconwing bewerben, der ausschließlich in Bitcoins bezahlt . Oder man akzeptiert Bitcoins in seinem Online-Shop. Dienstleister wie Bitpay  oder Coinzone  machen das einfach: sie bieten Plug-ins für alle gängigen Shoplösungen an, kümmern sich um die Erstellung von Rechnungen und tauschen einem die eingenommenen Bitcoins auch wieder gegen Euros, wenn man das wünscht.

 Das dezentrale Bitcoin-Netzwerk

Bitcoin-Zahlungen laufen direkt von Nutzer zu Nutzer, ohne dass man einem Mittelsmann wie einer Bank vertrauen müsste. Das ist im Prinzip so einfach wie das Versenden einer E-Mail. Man gibt in seine Wallet die Bitcoin-Adresse des Empfängers und den Betrag ein, klickt auf „Senden“, schon sind die Bitcoins unterwegs. Egal ob der Empfänger in der Nachbarschaft oder auf einem anderen Kontinent sitzt, die Gebühren und die Wartezeit sind immer gleich niedrig.

Ein dezentrales Netzwerk aus so genannten „Bitcoin-Minern“ überprüft, ob mit den Überweisungen alles seine Richtigkeit hat. Dazu nutzen alle Miner die so genannte „Blockchain“, ein weltweit verteiltes, öffentlich einsehbares Verzeichnis sämtlicher Bitcoin-Überweisungen. Etwa alle zehn Minuten wird sie durch einen komplizierten Berechnungsprozess auf den neuesten Stand gebracht. Weil alle Miner jeweils an der  neuesten Version der Blockchain arbeiten, ist sie im Nachhinein nicht mehr veränderbar. Miner benötigen heute spezialisierte Hochleistungs-Computer, denn die Überprüfung der Überweisungen ist sehr rechenintensiv. Als Ausgleich für ihren Einsatz werden unter den Minern die neu hinzukommenden Bitcoins verteilt. Je mehr Rechenleistung man einbringt, desto höher ist die Chance, neu erzeugte Bitcoins zu erhalten.

Bitcoin im E-Commerce

Zahlreiche Online-Händler, darunter große Namen wie Overstock, Dell oder Rakuten, akzeptieren mittlerweile Bitcoins. Im Vergleich zu Kreditkarten und anderen Zahlungsarten sind die Gebühren für Bitcoin-Transaktionen sehr niedrig. Die eigentlichen Gebühren für das Verschicken von Bitcoins liegen bei Bruchteilen von Cents. Wenn man einen Dienstleister wie Bitpay oder Coinzone dazwischenschaltet, liegen deren Gebühren meist bei einem Prozent oder darunter. Der Hauptvorteil von Bitcoins: man hat keine Probleme mit Kreditkartenbetrug oder Rückbuchungen. Bitcoin-Zahlungen sind unwiderruflich, es gibt kein „Chargeback“-Risiko.

Die Umsätze in Bitcoins sind derzeit allerdings noch bescheiden. Bitcoin ist nach wie vor ein neues Phänomen, das bisher nur wenigen Menschen bekannt ist. Zudem rechnen viele Bitcoin-Besitzer mit einem steigenden Kurs und horten ihre Bitcoins daher lieber, statt sie auszugeben. Dennoch nimmt die Zahl der Bitcoin-Transaktionen stetig zu. Pro Tag finden heute rund 120.000 Bitcoin-Transaktionen im Wert von rund 50 Millionen US-Dollar statt – eine Verdoppelung im Vergleich zum Sommer 2014.

Das größte Wachstumspotenzial hat Bitcoin in Entwicklungsländern, in denen nur wenige Leute über ein Bankkonto, geschweige denn eine Kreditkarte verfügen. Fast jeder besitzt jedoch ein Handy, was genügt, um an der weltweiten Bitcoin-Wirtschaft teilzunehmen. Insbesondere Heimüberweisungen von Migranten, für die Unternehmen wie Western Union heute horrende Gebühren verlangen, stehen daher im Fokus vieler Bitcoin-Startups. Auch andere Anwendungen der „Blockchain“-Technologie, etwa für Grundbucheinträge oder Handelsregister, sind ein spannendes Feld, in dem viele neue Unternehmen aktiv sind. Bis sich Bitcoin im Online-Handel durchsetzt, wird vermutlich noch einige Zeit vergehen. Doch sich heute nicht intensiv mit dem Phänomen Bitcoin zu beschäftigen, wäre ungefähr so klug, wie in den Neunzigerjahren das Internet zu verschlafen.

Autor: Aaron Koenig ist Autor des Buches „Bitcoin – Geld ohne Staat“ (Finanzbuchverlag München) und berät Unternehmen beim Einsatz von Bitcoin-Technologie.

Dieser Beitrag erschien erstmals im e-commerce Magazin 06/2015.

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