Fallbeispiel: Prototypen als Chance für die Intralogistik bei Versandapotheken

Mittelweg heißt: Versandhändler und Logistiker müssen natürlich auf automatisierte Lösungen setzen, wenn sie effizient sein wollen. Mittelweg heißt aber auch: Das Ziel zu verfolgen,,den Menschen zu unterstützen, nicht zu ersetzen. Gerade monotone Tätigkeiten wie Scannen oder Sortieren sind fehleranfällig – das ist normal und menschlich. Maschinen sind prozesssicherer und schneller. Das Personal spart Zeit, die es an anderer Stelle einsetzen kann – womöglich an einer weniger monotonen Stelle. An einem anspruchsvolleren Ort, an dem keine Automatisierung möglich oder gewünscht ist.

Um ein Vorher/Nachher-Beispiel zu nennen: Wir sind eine Versandapotheke. Bei uns geht es um große Stückzahlen überwiegend kleiner Waren von der Schmerztablette bis hin zur Nachtcreme. In der Regel erhalten wir die Ware direkt vom Großhandel und versenden sie sofort weiter. Arzneien, Beauty- und Wellnessprodukte kommen dabei meist lose in Wannen; zudem ist die Variantenvielfalt der Verpackungen und Einzelgebinde an kleinen Fläschchen, Kartons, Tuben und Tiegeln groß. Früher wurden die eingehenden Waren händisch gescannt und sortiert. Eine herkömmliche horizontale Sortieranlage kam aufgrund der beengten Raumverhältnisse (uns stehen weniger als 600 Quadratmeter für die Intralogistik zur Verfügung) lange Zeit nicht in Frage. Solche Anlagen haben üblicherweise eine Breite von 3 bis 4 Metern – das wäre räumlich nicht darstellbar gewesen. Also händisch erfassen und zu Fuß zum jeweiligen Sortierziel. Unsere Kommissionierer sind im Schnitt 10 Kilometer pro Tag gelaufen.

Heute werden die Kommissionierer durch ein zweistufiges automatisiertes System unterstützt. In der ersten Kommissionierphase werden die Großhandelsprodukte auf einem Förderband vereinzelt und unterlaufen einem Sechs-Seiten-Scan (er dient zugleich dem Wareneingangsscan und auch der Dokumentation laut Nachweisrichtlinie). Der Mitarbeiter muss nicht mehr den Barcode suchen. Nach dem Scan werden die einzelnen Produkte über eine Sortierkette weiterbefördert, die im Abstand von 40 Zentimetern aufklappbare Gondeln trägt. Die Gondeln bringen die Artikel einzeln zu ihren Zielstellen. Dann fahren sie kopfüber (also Platz sparend) zur Artikelaufnahme zurück. In der zweiten Kommissionierphase erfolgt der abschließende, Kunden-spezifische Sortierprozess. Dazu werden die vorsortierten Aufträge auf Rollwagen in den Warenausgangsbereich gebracht, wo sie in Regalen kurz zwischengelagert werden. Eine insgesamt ungewöhnliche Sortierarchitektur, zumal sie sich passgenau um die Arbeitsplätze der Kommissionierer schlängelt. In der Folge haben sich die Laufwege der Mitarbeiter etwa halbiert, die Arbeitsqualität hat sich entsprechend verbessert. Und die Effizienz: Der Zeitaufwand, um einen Artikel zu erfassen, lag früher bei 2 bis 3 Senkungen. Scannen und vorsortieren dauert heute nur noch 0,8 Sekunden. Personal eingespart haben wir nicht, aber eben Zeit.

Wie kam es zu der beschriebenen Sortierarchitektur? Auf einer Messe hatte der Logistik-Systemanbieter SSI Schäfer einen Scan-Tunnel vorgestellt. Für unsere Zwecke wäre ein solcher Tunnel grundsätzlich eine gute Lösung gewesen. Allerdings hatten wir Bedarf an mehr als nur einer Funktion: Die Maschine müsste idealerweise als Wareneingangsscanner, als Sortiereinheit, als Kommissioniersystem sowie der Auftragsüberprüfung und Fehlerreduktion dienen. Und sie müsste auf engstem Raum funktionieren. SSI Schäfer hatte nicht sofort eine fertige Lösung zur Verfügung, aber setzte alles daran, diese rasch umzusetzen.

Es wurde ein eigens entwickelter Prototyp gebaut. Gemeinsam mit uns und angepasst auf unsere Bedürfnisse. Wir waren uns bewusst, dass ein Prototyp gewisse Risiken mit sich bringt. Wir mussten im laufenden Betrieb umbauen, um den Versand aufrecht zu erhalten, insofern war eine kurze Installationsdauer entscheidend. Zudem musste die Maschine rasch reibungslos funktionieren, um den Warenausstoß nicht zu gefährden. Der Prototyp wurde entsprechend in einem Testcenter in Graz auf einem Grundriss realisiert, der unseren Flächen in Berlin entspricht.

Wenn die Gondeln Waren tragen – bei der Berliner Versandapotheke Aponeo stellte sich die Frage, wie mehrere Funktionen auf engstem Raum zu vereinen wären. Ein Prototyp war die Antwort.

Der erste Probebetrieb inklusive Steuerungs- und Kommunikationstests erfüllte die notwendigen Anforderungen noch nicht ganz. Die resultierenden Modifikationen wurden vor Ort vorgenommen. Erst, nachdem sich die Anlage bewiesen hatte, wurde sie abgebaut, zu uns nach Berlin gebracht und dann erstmals hier aufgebaut. Insgesamt hat sich eine Verzögerung von drei Monaten ergeben. Dafür hat aber die Inbetriebnahme inklusive mechanischem Aufbau, elektrischem Aufbau und Software-Inbetriebnahme nur 2 Wochen Zeit erfordert. Und es gab keine größeren Kinderkrankheiten nach der „echten“ Inbetriebnahme.

Wir versenden heute 3.000 bis 4.000 Pakete pro Tag, bis zu 20.000 unterschiedliche Artikel haben wir täglich im Wareneingang, die sofort wieder versendet werden. Bis zu 4.500 Pakete sind möglich – auf besagten 600 Quadratmetern. Und das, ohne auf Mehrschichtbetrieb umstellen zu müssen. Wir haben unsere Wareneingangs- und Sortierleistung auf engstem Raum mehr als verdoppelt. Viele Logistiker sind angesichts der Zahlen zuerst skeptisch und glauben es erst, nachdem sie den Prototypen vor Ort besichtigt haben.

Sicherlich gilt: Viele Unternehmen beider Seiten lehnen den gemeinsamen Weg der Prototypenentwicklung ab, und sie haben gute Gründe. Der Anwender braucht technisches Wissen und muss das Vertrauen haben, dass die neue Lösung sofort einsetzbar ist. Der Anbieter wiederum fürchtet Nachfolgekosten (wer trägt die Kosten, wenn es Reklamationen oder Nachbesserungen gibt?). Dennoch wage ich zu behaupten, dass der Weg weit häufiger möglich wäre, als er heute beschritten wird. Sofern er über eine Partnerschaft beschritten wird, bei der beide Seiten auch tatsächlich bereit sind, mehr Energie und möglicherweise auch mehr Kulanz aufzubringen als im Regelfall. Im Ergebnis steht eine Win-Win-Situation, die den Mut rechtfertigt: Der Anbieter erweitert sein Leistungsspektrum, der Versandhändler oder Logistiker hat eine passgenaue Lösung.

Autor: Von Patrick Luig, Technischer Leiter bei Aponeo

 

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