Geänderte Umsatzsteuer für elektronische Dienstleistungen

Gegenstand der Neuregelung sind entgeltliche TRFE-Dienstleistungen (Telekommunikations-, Rundfunk-, Fernseh- oder elektronisch erbrachte Dienstleistungen) an private Endverbraucher im EU-Ausland. Diese werden seit Jahresbeginn nicht mehr im Land des Dienstleisters besteuert, sondern individuell mit dem jeweiligen Steuersatz im Land des Endverbrauchers. Die Folge ist ein erheblicher  Aufwand für die IT und die Buchhaltung des betroffenen Unternehmens, das nunmehr verpflichtet ist, sich in jedem EU-Land, in dem es Kunden bedient, steuerlich registrieren zu lassen, Umsatzsteuererklärungen einzureichen und Rechnungen nach den dortigen Vorschriften zu erstellen. Prinzipiell gilt dies für alle B2C-Online-Dienstleister. Selbst Kleinunternehmer müssen die neuen Regelungen anwenden. Unter TRFE-Dienstleistungen fallen beispielsweise:

  • - Websites, Webhosting, Online-Fernwartung und Cloud-Lösungen
  • - Software-Downloads und -aktualisierungen, zum Beispiel Updates, Anti-Viren-Software oder Bannerblocker
  • - Downloads von Bildern, Texten und Informationen, etwa E-Books, Online-Zeitschriften, Informationsdienste oder Gebrauchsanleitungen
  • - Datenbanken, zum Beispiel Dating-Portale
  • - Streaming von Musik und Filmen, etwa Video-on-Demand
  • - Online-Spiele, auch Glücksspiele und Lotterien
  • - Online-Radio und -TV sowie Podcasts
  • - Online-Lehrgänge und virtuelle Klassenzimmer
  • - Online-Versteigerungen
  • - Bündelangebote wie zum Beispiel kombinierte Nachrichten-, Wetter- und Reiseinformationen

Doch zum Glück gibt es eine elegante Vereinfachung für betroffene Unternehmen: Für die Umsätze mit Endverbrauchern kann man das so genannte „Mini-One-Stop-Shop“-Verfahren (kurz MOSS) beantragen. Es erlaubt Anbietern, die anfallenden umsatzsteuerlichen Verpflichtungen auch über EU-Grenzen hinweg im eigenen Land zu erledigen. Die Vorteile von MOSS liegen auf der Hand: Einmalige Registrierung für bis zu 27 EU-Staaten, zentralisiert im Heimatland, ohne Sprachbarrieren und im Idealfall ohne die Notwendigkeit, auf lokale steuerliche Beratung in den betroffenen EU-Staaten zurückgreifen zu müssen.

Die Neuregelung und das MOSS-Verfahren sind zwar seit längerem bekannt, aber erst seit Januar kommt es verstärkt zu Nachfragen. Zentrale Herausforderung ist es aktuell, Lösungen zu finden, um den geänderten umsatzsteuerlichen Obliegenheiten gerecht zu werden. Die „Vogel-Strauß-Taktik“ ist an dieser Stelle gefährlich, da das Handeln der Steuerbehörden zwingend an den Neuregelungen ausgerichtet sein muss: Wer beispielsweise seit dem 1. Januar 2015 TRFE-Umsätze an polnische Endverbraucher erbracht hat und diese nicht dort zum geltenden Umsatzsteuersatz versteuert, begeht Steuerhinterziehung in Polen. Daran ändert sich auch nichts, wenn diese Umsätze „ersatzweise“ in Deutschland besteuert werden. Abgesehen davon, dass Steuerhinterziehung grundsätzlich kein Element der Risikoabwägungen eines redlichen Geschäftsgebarens sein darf (Stichwort „Kavaliersdelikt“), unterliegt diese gerade auch im Bereich der E-Dienstleistungen einem besonderen Entdeckungsrisiko: Weil online erbrachte Dienstleistungen weltweit immer wichtiger werden, ist deren Besteuerung verstärkt in den Fokus der Steuerbehörden gerückt und momentan Teil internationaler Bemühungen für mehr Steuergerechtigkeit und eine flächendeckende Steuererhebung (etwa „BEPS“-Initiative der OECD). Gerade E-Dienstleistungen stellen hier immer noch einen gewissen Graubereich dar, in dem steuerliche Belange oftmals mehr oder weniger stiefmütterlich behandelt werden.

Die neue Regelung hat übrigens nicht nur steuerliche, sondern auch handfeste betriebswirtschaftliche Auswirkungen. Ein Beispiel: Wurde eine E-Dienstleistung für 119 Euro vertrieben, erhielt der deutsche Anbieter bis Ende 2014 wegen des deutschen Steuersatzes von 19 Prozent 100 Euro netto, in denen auch eine Gewinnmarge von fünf Prozent enthalten war. Dies galt unabhängig davon, ob an einen deutschen oder an einen Endverbraucher im EU-Ausland geleistet wurde. Wird die Dienstleistung zum gleichen Preis 2015 erbracht, ergeben sich für Leistungen ins EU-Ausland jedoch kalkulatorisch entscheidende Änderungen. Bei einer Leistungsabnahme in Luxemburg mit einem Umsatzsteuersatz von 17 Prozent verbleiben dem Anbieter erfreuliche 101,71 Euro netto. Bei einer Leistungsabnahme in Ungarn mit einem Umsatzsteuersatz von 27 Prozent verbleiben dem Anbieter nur 93,70 Euro netto. Eine Chance auf eine kleine Margenverbesserung verspricht allerdings nur der Absatz in Luxemburg und Malta, da hier die Mehrwertsteuersätze niedriger sind als in Deutschland. Dies sind jedoch zwei EU-Staaten mit einem vergleichsweise geringen Abnehmerpotenzial.

Dagegen stehen Margeneinbußen oder -defizite aus dem Geschäft in den übrigen 25 EU-Staaten, die diese Verbesserungen schnell aufzehren können. Der deutsche Anbieter muss also genau prüfen, ob sein Geschäft unter den neuen Bedingungen insgesamt noch profitabel ist oder ob er zu einer landesspezifischen Preispolitik übergehen muss, die regelmäßig jedoch mit sehr viel Aufwand verbunden ist.

Wer fortan grenzüberschreitend elektronische Dienstleistungen anbieten will, sollte sich folgende Frage stellen: Will ich mich wirklich in bis zu 27 EU-Staaten steuerlich registrieren lassen? Ist die Buchhaltung meines Unternehmens dafür vorbereitet? Bestehen ausreichende Kenntnisse der internationalen Steuergesetze? Sind Preise und Rechnungen länderspezifisch angepasst und die AGB länderspezifisch formuliert? Wer eine dieser Fragen aktuell noch mit „nein“ beantwortet, sollte schnellstmöglich fachkundige Beratung in Anspruch nehmen.

Für alle „Nachzügler“ gibt es gute Nachrichten: Es ist weiterhin möglich, sich für das MOSS-Verfahren beim Bundeszentralamt für Steuern (BZSt) zu registrieren. Dabei gilt: Wer sich bis Ende März 2015 anmeldet, kann MOSS für alle ab 1. April 2015 erbrachten TRFE-Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Eine rückwirkende Registrierung ist leider nicht möglich, vorher erzielte Umsätze müssen individuell im Abnehmerland versteuert werden. Um Unklarheiten oder gar übermäßige umsatzsteuerliche Verwerfungen im In- und Ausland zu vermeiden, ist es auf jeden Fall empfehlenswert, seinen Steuerberater oder eine fachkundige Kanzlei, die möglichst international vernetzt ist, einzubinden. Generell gilt: Eine qualifizierte Beratung ist für das betroffene Unternehmen durch nichts zu ersetzen.

Autor: Dipl.-Kfm. Dr. Mario Wagner ist Steuerberater und Kanzleipartner bei der Hamburger Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft Schomerus & Partner. Dr. Wagner hat in Hamburg und den USA studiert und promovierte auf dem Gebiet der Internationalen Betriebswirtschaftlichen Steuerlehre an der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg. Seine Tätigkeitsschwerpunkte sind die steuerliche Beratung sowohl national ausgerichteter als auch grenzüberschreitend tätiger mittelständischer Unternehmen, die steueroptimierte Restrukturierung und Reorganisation sowie das Umsatzsteuerrecht.

Dieser Beitrag erschien erstmals im e-commerce Magazin 03/2015

Der Autor
Max Mustermann

Nam adipiscing. Nullam dictum felis eu pede mollis pretium. Aliquam erat volutpat. Lorem ipsum dolor sit amet, consectetuer adipiscing elit. Morbi mollis tellus ac sapien. Morbi vestibulum volutpat enim. Ut non enim eleifend felis pretium feugiat. Donec mollis hendrerit risus.

RSS Feed

Neuen Kommentar schreiben

Entdecken Sie die Printmagazine des WIN-Verlags