Honigtopf Onlinehandel Schweiz – Stolpersteine und Lösungsansätze

Verglichen mit den EU-Staaten ist das Schweizer Preisniveau sehr hoch. Liegt Deutschland laut Eurostat zwei Prozent über dem EU-Durchschnitt, so sind es bei der Schweiz satte 56 Prozent. Nun geraten die Schweizer Preise insbesondere dank des grenzüberschreitenden Onlinehandels zunehmend unter Druck: Während gemäß einer aktuellen Studie des Marktforschungsinstituts GfK der stationäre Schweizer Detailhandel stagniert, verzeichnet der Onlinehandel jährliche Wachstumsraten um die acht Prozent. Letztes Jahr wurden durch Onlinekäufe über fünf Milliarden Euro Umsatz erzielt. Der Warenwert des Importanteils betrug dabei 660 Millionen Euro. Legte der inländische Schweizer Onlinehandel 2013 um knappe sieben Prozent zu, waren es beim grenzüberschreitenden Onlinehandel 33 Prozent. Dank tieferen Lohn- und Lagerkosten im Ausland winken für ausländische Onlinehändler vermeintlich hohe Margen und Gewinne im Schweizer Markt. Bekanntlich ist die Schweiz nicht EU-Mitglied und somit auch kein Mitglied des EU-Binnenmarktes. Daraus ergeben sich einige Stolpersteine auf dem Weg zum erfolgreichen Markteintritt.

Gleiches Serviceniveau, keine zusätzlichen Kosten

Der Schweizer Kunde erwartet von ausländischen Onlineshops den gleichen Service, den er bei Käufen in einem Schweizer Onlineshop erhält. Kunden goutieren „versteckte“ Zusatzkosten im Zusammenhang mit der Lieferung (Zollabgaben, Verzollung, Rückporto) nicht und natürlich sollte die Ware bereits tags darauf angeliefert werden.

Damit eine Bestellung schnellstmöglich beim Schweizer Kunden ankommt, muss ein Onlinehändler seine Lieferkette optimieren und dabei diverse Punkte wie Cut-off-Zeiten im Abgangslager, Transitzeiten, Zollabfertigung und Fiskalthemen im Blick behalten. Zusätzlich gilt es, gesetzliche Bestimmungen und kulturelle Besonderheiten wie Mehrsprachigkeit und Währung zu berücksichtigen. Um all diesen Anforderungen gerecht zu werden, empfiehlt sich eine enge Zusammenarbeit mit einem international erfahrenen Logistikpartner.

Integrierte Verzollungslösung spart Zeit und Geld

Lange Wartezeiten oder gar blockierte Sendungen am Zoll verzögern die Zustellung und sind ärgerlich. Ist ein Onlinehändler bei den Deutschen Zollbehörden nicht als zugelassener Absender/Empfänger registriert, ist die Ware in der Regel durch eine sogenannte Interventionsfrist für 24 Stunden nach Zollanmeldung blockiert. Durch Zusammenarbeit mit einem Logistikpartner verkürzen sich diese Wartezeiten merklich, die Prozesse werden vereinfacht. So ist bereits eine große Hürde beim Grenzübertritt überwunden.

Will ein Onlinehändler in die Schweiz liefern, empfiehlt sich eine Registrierung bei den eidgenössischen Steuerbehörden. Dafür bieten sich ihm grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Ein eigener Firmensitz oder die Fiskalvertretung. Letztere wird durch den spezialisierten Logistikpartner übernommen. Während der Aufbau eines Schweizer Firmensitzes in der Regel mit großem finanziellen und administrativen Aufwand verbunden ist, bietet die Fiskalvertretung nicht zu unterschätzende Vorteile: Der Fiskalvertreter übernimmt für den Händler die mehrwertsteuerliche Vertretung gegenüber der Schweizerischen Steuerverwaltung und erstellt, basierend auf der Händlerbuchhaltung, die periodische Mehrwertsteuerabrechnung. Egal ob Fiskalvertretung oder eigener Schweizer Firmensitz, beide ermöglichen eine Sammelverzollung anstelle der Einzelverzollung auf Endkundenbasis. Die Zollabfertigungskosten fallen dadurch pro Sammeleinfuhr und nicht pro eingeführtem Paket an. Der Onlinehändler führt Einfuhrumsatzsteuer und anfallende Zölle dem Staat ab, weist die Schweizer Mehrwertsteuer auf der Rechnung aus und verrechnet sie dem Schweizer Endkunden. Für diesen ist somit kein Unterschied zum Kauf in einem Schweizer Onlineshop erkennbar: Er muss keine unvorhergesehenen Zusatzkosten bezahlen und die verrechnete Mehrwertsteuer beläuft sich auf den landesüblichen Prozentsatz. Diese kundenfreundliche Lösung ist ohne Registrierung nicht möglich.

Zusätzliche Herausforderung für die Großmöbellogistik

Der Multi-Channel-Vertrieb ist auf dem Vormarsch. Noch vor einigen Jahren nutzte mehrheitlich die Textil- und Elektronikbranche diesen Vertriebskanal. In der Zwischenzeit ziehen immer mehr Branchen nach. Handelt es sich bei der verkauften Ware um Möbel, insbesondere Großmöbel wie Schränke, Betten oder Sofas, dann ergeben sich zusätzliche Herausforderungen in der Logistik. Während Pakete in der Regel mit Hilfe von Kurier-, Express-, oder Paketdiensten an den Endkunden ausgeliefert werden, müssen Großmöbel mittels Zweimannlogistik bis in die Wohnung des Kunden gebracht, ausgepackt und oftmals fachgerecht montiert werden. Auf dem Schweizer Markt gibt es für solch komplexe und umfassende Aufgaben nur wenige spezialisierte Unternehmen. Hinzu kommt, dass ein Zweimann-Handling aufgrund des Schweizer Lohnniveaus im internationalen Vergleich teuer ist und Endkunden immer weniger bereit sind, die hierfür anfallenden Kosten vollumfänglich zu tragen. Diese Kosten gehen somit zumindest teilweise zu Lasten der Händlermarge. Kommt es zu einer Warenrücknahme, so können die anfallenden Kosten die Händlermarge rasch übersteigen.

Unkompliziertes Retouren-Handling stärkt Kundentreue

Eine aus Kundensicht einfache Warenrücknahme ist nicht bloß bei Großmöbeln ein entscheidender Faktor. Obwohl Onlinehändler in der Schweiz gesetzlich nicht verpflichtet sind, verkaufte Ware aufgrund von Nichtgefallen zurückzunehmen, hat sich dies in den meisten Branchen dennoch durchgesetzt. Der Kunde erwartet eine simple, unkomplizierte Warenrücknahme und eine schnelle Rückerstattung des Kaufpreises. Die Warenrücknahme und damit zwingende Retourenverarbeitung ist insbesondere beim grenzüberschreitenden Handel teuer. Wenn man nun bedenkt, dass die Rücknahmequote beispielsweise in der Textilbranche bis zu 50 Prozent beträgt, so wird das effiziente Retouren-Handling zentral für den Geschäftserfolg. Einerseits will der Händler die noch verkaufsfähige Ware so rasch wie möglich wieder im Bestand aufnehmen, andererseits erwartet der Kunde zeitnah sein Geld zurück. Der Händler kann zwischen zwei Möglichkeiten der Retourenabwicklung wählen: Mehrere regionale oder ein zentrales Retourenlager: Regionale Retourenlager sind teuer und Skaleneffekte durch zentrale Verarbeitung können nicht erzielt werden. Zudem sind die Verkehrswege in der Schweiz kurz. Die Retourenverarbeitung in einem Schweizer Zentrallager kann verschiedene Stufen beinhalten: Warenprüfung, -aufbereitung und -einbuchung können zeitnah geschehen. Geben Kunden bei den Retouren einen Grund an, sind diese Informationen für die Retourenanalyse und -optimierung des Onlinehändlers sehr hilfreich. Mitarbeiter vor Ort, die der Landessprachen mächtig sind, können bei der Datenverarbeitung weiterhelfen. Verfügt ein Händler, wie oben erwähnt, über eine Fiskalvertretung, lassen sich Retouren ohne großen Aufwand periodisch gebündelt an das Zentral- oder Regionallager des Onlinehändlers weiterschicken. Mit einer integrierten Zolllösung kann der Logistikdienstleister die entsprechende Rückerstattung bei der Wiederausfuhr aus der Schweiz bei den Zollbehörden beantragen und dafür sorgen, dass der Onlinehändler die Abgaben nicht doppelt (CH + EU) entrichten muss.

Erfahrener Dienstleistungspartner als Erfolgsfaktor

Für ausländische Online-Händler hält ein Schweizer Markteintritt einige Stolpersteine bereit. Es lohnt sich, diesen Schritt umfänglich zu planen und erfahrene Logistikdienstleister sowie einen Steuerberater frühzeitig an Bord zu holen. Eine ganzheitliche Logistiklösung, die sowohl Warenströme als auch Informationsflüsse optimal und maßgeschneidert auf den jeweiligen Händler sicherstellt, ist unabdingbar. Wenn nun noch die generellen Hürden beim Onlinehandel wie Benutzerfreundlichkeit, guter Service und einfacher Check-Out erfolgreich genommen werden, dann steht der Honigernte nichts mehr im Wege.

Autoren: Markus Müller, Head of Division European Landtransports Fiege Logistik (Schweiz) AG, ein international agierendes Logistikunternehmen. Müller begleitete innerhalb des Fiege-Expertenteams mehrere Versandhändler konzeptionell sowie bei der Implementierung der Logistikkette für den Markteintritt in der Schweiz. Er besitzt einen Bachelor of Arts in Business Administration FH, und ist Teilnehmer des Executive MBA der Hochschule Luzern – Wirtschaft.

Matthias Bucheli ist Leiter E-Commerce Micasa. Micasa ist das Möbelhaus der Migros, eines Detailhändlers in der Schweiz. Zuvor war er als Global Head of E-Commerce bei Bodum verantwortlich für den Auf- und Ausbau des B2C- und  B2B-E-Commerce. Bucheli ist Dipl. Betriebsökonom FH und Teilnehmer des Executive MBA der Hochschule Luzern – Wirtschaft.

  • Versandhandels- und Retourenlogistik in der Schweiz
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