Im Interview: Power-Bündel für den Onlinehandel

ECM:  Sie sind seit Mitte Juni der neue Präsident des BVDW. Was hat sich beim BVDW seitdem geändert und was möchten Sie in den nächsten Monaten in Angriff nehmen?

Matthias Wahl: Zwei Dinge sind uns vor allem wichtig: Zum einen wollen wir die Verbandsarbeit noch stärker an den Belangen und Bedürfnissen der BVDW-Mitgliedsunternehmen ausrichten. Ziel ist es, sie noch besser dabei zu unterstützen, die Herausforderungen wie aber auch die Chancen der Digitalisierung für ihre Unternehmen und Geschäftsfelder bestmöglich zu bewältigen bzw. zu nutzen. Zum anderen wollen wir die Position des BVDW als das native Kompetenzzentrum für die digitale Transformation in ihrer gesamten Breite und Tiefe weiter stärken und ausbauen. Das bedeutet, dass wir, wie in den vergangenen 20 Jahren, auch in Zukunft kontinuierlich neue und innovative Themen aufgreifen und im BVDW abbilden werden. Natürlich auch, um damit neue Mitgliedersegmente zu erschließen und weiter zu wachsen. Für beide Ziele ist die strukturelle Basis im Verband mit den Initiativen, Fachkreisen, Fokusgruppen und Ressorts ja schon seit geraumer Zeit angelegt. Das gilt es jetzt allerdings noch stärker zu leben, d.h. den gremienübergreifenden Austausch zu fördern und diesem ein entsprechendes Forum zu geben, um die Arbeitsergebnisse noch schneller ‚auf die Straße zu bringen‘. Daran arbeiten wir und dazu haben wir bereits erste interne Optimierungen vorgenommen.

ECM: Sie engagieren sich sehr in Branchengremien, waren mehrere Jahre Vorstandsvorsitzender der AGOF und Vorstand Online der agma, sind Vorstand des Online Vermarkter Kreises im BVDW und Sprecher des Deutschen Datenschutzrates Online Werbung (DDOW). Nun sind Sie auch noch Präsident des BVDW. Sind das nicht sehr unterschiedliche Richtungen? Wie bekommen Sie das unter einen Hut?

Matthias Wahl: Das ist gar nicht so schwer. Sowohl im OVK-Vorsitz als auch im DDOW bin ich Teil eines Teams, das sich die Aufgaben teilt. Dazu kommt, dass meine Funktionen in beiden Organisationen eine hohe thematische und inhaltliche Überschneidung haben. Natürlich erweitert sich dieses Spektrum jetzt durch die Verantwortung für die gesamte Themenbreite des BVDW in meiner neuen Funktion als Verbandspräsident. Aber hier habe ich ja fünf versierte Kollegen mit teilweise langjähriger BVDW-Gremienhistorie im Präsidium, mit denen ich mir die Themenbetreuung aufteile, sodass das nicht alles allein auf meinen Schultern liegt. Überdies versteht sich das Präsidium eher als eine Art Beirat und nicht als operatives Organ. Die konkrete Arbeit auf den Themen des Verbandes ist ja die Aufgabe der BVDW-Geschäftsstelle mit ihren Experten. Insofern lassen sich diese vielfältigen ehrenamtlichen Tätigkeiten recht gut mit meiner hauptberuflichen Verantwortung vereinbaren.

ECM:  Was dürfen sich Onlinehändler von Ihnen erwarten, erhoffen?

Matthias Wahl: Der Online-Handel hat seit jeher einen sehr hohen Stellenwert im BVDW. Das wird auch in Zukunft so sein. Im ständigen Dialog mit der Politik und der Öffentlichkeit setzen wir uns vehement und mit Nachdruck für praxisorientierte regulatorische Rahmenbedingungen ein, um auch die digitale Transformation des Handels weiter voranzutreiben. So behalten wir die von der EU-Kommission geplante Aufhebung eines ungerechtfertigten GEO-Blockings – gerade im Bereich Digital Commerce – genau im Blick und werden uns auch hier für eine praxisnahe Ausgestaltung der Regelungen aktiv in den Prozess einbringen. Auch inhaltlich bieten wir wichtige Orientierung im Markt: Unsere Fokusgruppe Digital Commerce begleitet die Digitalisierung des Handels in allen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Facetten. So diskutieren Digitalexperten aus allen Bereichen der Wertschöpfungskette auf dem Fokustag Connected Commerce im kommenden November, welche Chancen und Herausforderungen die digitale Transformation mit sich bringt, wie sich das gesamte Ökosystem Handel entwickeln wird und wie sich Händler zukunftssicher aufstellen. Parallel arbeiten wir an Publikationen unter anderem zu Multitouchpoint-Management und Online-Marketing für Connected Commerce.

ECM: Mit welchen Themen sollten sich Onlinehändler Ihrer Meinung nach in den kommenden Monaten befassen?

Matthias Wahl: Vor allem Connected Commerce, also die Verknüpfung des Online-Handels mit lokalen Geschäften, wird die gesamte Handelsbranche massiv verändern. Für Online-Händler gilt es, von der digitalen Transformation in diesem Bereich zu profitieren, indem sie die eigenen Stärken, etwa eine hervorragende Datenbasis oder die Angebotsvielfalt, sinnvoll mit den Vorzügen des stationären Einzelhandels zu kombinieren. Denn der moderne Konsument interessiert sich nicht für Kanäle und setzt ein unterbrechungsfreies Einkaufserlebnis voraus. In diesem Zusammenhang, besonders in Kombination mit Wearables, gewinnt auch das Thema Payment sehr stark an Bedeutung. Entscheidend für den Erfolg wird sein, dass es einfache und sichere Systeme gibt, die dem Verbraucher einen Mehrwert bieten und für den Händler kostengünstig und effizient sind. Payment birgt eine Menge Potenzial, aktuell stehen wir noch ganz am Anfang. Das Gleiche gilt für das Thema Fulfillment, wo insbesondere die datenbasierte Automatisierung und Optimierung der Prozesskette eine wichtige Rolle spielen wird.

ECM: Die Entwicklung der Online-Werbung hängt wesentlich von den gesetzlichen Rahmenbedingungen im Datenschutz ab. Ob bestehendes deutsches Recht (und damit die Rechtmäßigkeit des Cookie-Opt-out) für die E-Privacy-Richtlinie ausreicht, scheint ja weiterhin strittig. Wie wollen Sie sich als BVDW Präsident auch auf politischer Ebene mehr Gehör verschaffen?

Matthias Wahl: An Gehör mangelt es uns nicht – hier hat der BVDW in den letzten Jahren viel an Stimme und politischem Gewicht gewonnen. Jetzt geht es um die politische Durchsetzung auf europäischer Ebene. Und die Frage, ob Opt-In oder Opt-Out, betrifft ja nicht nur die Online-Werbung, sondern, wenn man Cookies als grundlegendes Steuerungsinstrument versteht, die Internetnutzung grundsätzlich. Wir haben in Deutschland mit der Pseudonymisierung und dem Opt-Out eine praxisnahe und effektive Lösung gefunden, Datennutzung und Datenschutz zu harmonisieren. Das hat auch die deutsche Regierung und Politik anerkannt und wird auch von der Europäischen Kommission vollumfänglich unterstützt. Dass die politisch motivierte Diskussion um die Umsetzung der E-Privacy-Richtlinie in Deutschland jetzt wieder aufflammt, ist kein Zufall. Die Kommission fängt diesen Sommer mit der Evaluierung der bereits bestehenden Richtlinie an, mit dem Ziel, diese zu überarbeiten. Darauf sollte sich die Bundesregierung konzentrieren, anstatt bereits geklärte Fragen wieder aufzuwärmen. Hier werden wir uns weiter mit Nachdruck für diese gesetzliche Regelung und einen freien, selbst-regulierten Markt einsetzen, der seinen Mitgliedern keine Nachteile im globalen Wettbewerb aufzwingt. Das gilt insbesondere auch für die Reform des europäischen Datenschutzrechts, wo gerade die entscheidenden Verhandlungen im Rahmen des Trilogs begonnen haben. Dazu stehen wir im kontinuierlichen engen Austausch mit den Entscheidungsträgern in Berlin und Brüssel.

Matthias Wahl, geboren 1959 in München, studierte  Betriebswirtschaft an der European Business School in Oestrich-Winkel, Paris und London. Nach dem Studium arbeitete der Diplom-Betriebswirt für Pepsi-Cola, Swatch-AG, A. Racke , Radio Marketing Service und cash-live, zuletzt als Vorsitzender des Vorstandes. 2004 wechselte Matthias Wahl in die Online-Branche als Geschäftsführer von AdLINK Deutschland. Seit 2009 ist er Sprecher der Geschäftsführung der damals neu gegründeten OMS Vermarktungsgesellschaft und seit 2011 auch Geschäftsführer der OMS Marketing Service.  Matthias Wahl engagiert sich aktiv in Branchengremien, war mehrere Jahre Vorstandsvorsitzender der AGOF und Vorstand Online der agma, ist Vorstand des Online Vermarkter Kreises im BVDW und Sprecher des Deutschen Datenschutzrates Online Werbung (DDOW). Seit Juni 2015 ist er Präsident des BVDW.

Dieser Beitrag erschien erstmals im e-commerce Magazin 06/2015.

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