Können biometrische Daten die Akzeptanz von E-Geld steigern?

Dabei sorgen E-Geld-Institute – Unternehmen, die auf das Geschäft mit E-Geld spezialisiert sind und die E-Geld ausgeben – mit innovativen Produkten für eine einfache Interoperabilität zwischen Konten und mobilen Endgeräten, beispielsweise in Form von E-Mail- und SMS-Benachrichtigungen zu Zahlungen und Kontozugriff über Apps. Darüber hinaus eröffnen sie Kunden die Möglichkeit, Onlinezahlungen von einem separaten E-Geld-Konto aus zu tätigen. Da das Giro-Konto dabei nicht involviert ist, ist der Kunde weniger dem Risiko von Identitätsdiebstahl oder Betrug ausgesetzt. Emittenten von E-Geld erfahren allerdings viel Gegenwind, wenn sie ihre Produkte auf Finanzmärkten mit einem dichten Netz von Banken einführen, die bereits eine große Fülle an Dienstleistungen bieten.

Wie bei allen Finanzprodukten müssen auch beim E-Geld bestimmte Sorgfaltspflichten gegenüber Kunden erfüllt werden. So sind Institute gesetzlich verpflichtet, neue Kunden einer Legitimationsprüfung zu unterziehen: Die sogenannte Know-your-Customer-(KYC)-Prüfung stellt für Finanzinstitute eine besondere Hürde dar, wenn es um die Vermarktung ihrer Produkte geht. Wenn sich aber bei E-Geld-Produkten, die ja für die Zahlung von Kleinbeträgen bestimmt sind, Kunden ausweisen oder einen Nachweis ihrer Adresse vorlegen müssen, verlangsamt das nicht nur den Verkaufsprozess, sondern beeinträchtigt auch die Nutzererfahrung. Wer beispielsweise einen Online-Geschenkgutschein an einen Freund verschickt oder mittels E-Geld sein Handyguthaben auflädt, möchte im Vorfeld keinen aufwendigen Identifikationsprozess durchlaufen. Aus diesem Grund beinhaltete die dritte EU-Geldwäscherichtlinie (3MLD) für E-Geld-Produkte gewisse Ausnahmen, bei denen Institute von einem vereinfachten Verfahren zur Kundenüberprüfung – Simplified Due Diligence (SDD) – profitiert haben.

Allerdings sind mit der im März 2014 verabschiedeten vierten Geldwäscherichtlinie (4MLD) Regelungen eingeführt worden, die eine derartige Anwendung des SDD-Konzepts einschränken: Unter 4MLD gilt SDD für E-Geld-Produkte nur in denjenigen Mitgliedsstaaten der EU, die sich gemäß ihrer eigenen Risikobewertung der E-Geld-Branche individuell dafür entscheiden. Doch selbst dann sind die Ausnahmen auf Zahlverfahren ohne Aufladefunktion und mit einer Höchstgrenze von 250 Euro beschränkt, die ausschließlich für den Erwerb von Waren oder Dienstleistungen genutzt werden. Typische Beispiele sind Prepaid-Tankkarten, Gutscheinkarten für Einkaufszentren, Prepaid-Kreditkarten zum Verschenken und Prepaid-Guthaben für den Online-Kauf wie etwa bei der Paysafecard. Nicht gültig sind die Ausnahmen dagegen bei Peer-to-Peer-Zahlung, bei der E-Geld von einem User an einen anderen User übertragen wird, und bei der Bareinlösung von E-Geld.

Biometrische Daten bieten intelligenten KYC-Ansatz

Die SDD-Änderungen unter 4MLD sind teilweise darauf zurückzuführen, dass bestimmte EU-Mitgliedsstaaten und Regulierungsbehörden im Zusammenhang mit E-Geld weniger tolerant sind als andere. Werden aber anstatt eines einheitlichen SDD-Ansatzes abweichende Vorgehensweisen der einzelnen Staaten gefördert, entstehen dadurch für E-Geld-Institute Markteintrittsbarrieren. Das trifft besonders auf diejenigen Institute zu, die innerhalb des europäischen Binnenmarktes grenzüberschreitend tätig sind. Abhilfe schaffen könnten KYC-Prozesse auf Basis von biometrischen Daten. In den meisten EU-Staaten werden inzwischen elektronische Personalausweise, biometrische Reisepässe (E-Pässe) oder Fingerabdruckscans verwendet. Ein E-Pass enthält einen Chip, auf dem die gleichen Informationen gespeichert sind wie auf der Datenseite des Reisepasses: Name des Eigentümers, Geburtsdatum, weitere personenbezogene Informationen sowie ein biometrischer Identifikator (digitales Lichtbild oder Fingerabdruck).

Der neue Personalausweis in Deutschland enthält auch einen kontaktlosen Chip (Radio Frequency Chip). Darauf befinden sich Lichtbild, Name, Tag und Ort der Geburt, Adresse und auf Wunsch des Inhabers ein Fingerabdruck. Um diejenigen Kunden zu erfassen, die noch keinen neuen biometrischen Ausweis besitzen, könnten Händler am Point of Sale beispielsweise Fingerabdruckscanner einsetzen. Viel effizienter wäre jedoch eine Scan-and-Pay-Technologie, bei der der Kunde sich über sein mobiles Gerät identifiziert. Scan-Technologien werden heute bereits in vielen Bereichen angewendet: Smartphone- und Computernutzer können ihr Gerät mittels Fingerabdruck entsperren und Flugpassagiere mittels Netzhautscan ihre Identität überprüfen lassen, wodurch sich die Wartezeit bei der Einreise verkürzt.

Mit der biometrischen Identifikation wäre der KYC-Prozess allerdings noch nicht abgeschlossen. E-Geld-Institute müssten immer noch sämtliche Kundenkonten laufend überwachen, um ungewöhnliche oder verdächtige Aktivitäten zu erkennen und zu überprüfen. Nun lassen sich beim Aktivieren und Nutzen eines elektronischen Bezahlverfahrens aber auch Informationen wie IP-Adresse, E-Mail-Adresse und Mobiltelefonnummer abfragen – erst aus der Kombination von diesen und den biometrischen Daten ließe sich ein Kundenprofil erstellen, das die gesetzlichen KYC-Vorschriften erfüllt. Gleichzeitig würden alle diese Daten dazu beitragen, die POS-Prozesse zu vereinfachen.

Compliance-Anforderungen und Nutzerfreundlichkeit vereinbaren

Als problematisch könnte sich die Weitergabe biometrischer Daten an private Unternehmen erweisen – allerdings gelten für E-Geld-Institute genau wie für alle anderen Finanzinstitute strenge Datenschutzbestimmungen. Bei bestimmten E-Geld-Produkten sind Kunden es bereits gewohnt, vor dem Kauf persönliche Daten preisgeben zu müssen, beispielsweise durch eine Personalausweiskopie oder einen Adressnachweis. Wenn es um E-Geld-Zahlungsmittel für Kleinbeträge geht, ist diese Vorgehensweise jedoch alles andere als elegant. Demgegenüber bietet die Überprüfung des Fingerabdrucks oder des E-Ausweises beziehungsweise -Passes eine einfache, schnelle und automatisierte Lösung. Sie erfüllt die KYC-Vorschriften, ohne den Verkaufsprozess zu beeinträchtigen oder das Vertriebspersonal mit der Überprüfung von Ausweispapieren zu belasten. Aufwendige Compliance- und Dokumentationsprozesse an den Verkaufsstellen werden dadurch ebenso ersetzt wie die Schulung des Personals zur Überprüfung von Ausweisdokumenten. Der Kunde profitiert dabei von einfacheren und effizienteren Prozessen. Dies fördert wiederum den Wettbewerb zwischen innovativen E-Geld-Produkten und -Technologien – genau das, was die EU mit der gesetzlichen Einführung von E-Geld erreichen wollte.

Autor:  John Fernandez ist Legal Counsel bei der PPRO Group und Experte für E-Geld-Recht und Compliance, speziell in den Bereichen E-Geld, E-Commerce, neue Bezahltechnologien und Online-Zahlungen. Bei PPRO, einem Lösungsanbieter für internationale elektronische Bezahlprozesse, verantwortet er die juristische Beratung des Unternehmenskundengeschäfts, zu marktregulatorischen Entwicklungen, Unternehmensbelangen, Board- und Shareholder-Prozessen sowie Partnervereinbarungen. Ebenso überwacht er die Einhaltung interner Compliance-Prozesse und beaufsichtigt die Lizenzierungsanträge an Behörden des europäischen Wirtschaftsraums.

Kommentare: Können biometrische Daten die Akzeptanz von elektronischen Zahlungen steigern?

 Für die Emittenten von elektronischem Geld würde eine einheitliche Regelung von KYC-Prozessen auf Basis biometrischer Daten vorteilhaft sein, aber auch bei den Konsumenten ist vorstellbar, dass E-Geld dadurch als sicherer und wertiger akzeptiert wird. Autor: Klaus Kuhlmann, Geschäftsführer/Consulting ConKred Inkasso, einem Spezialisten für Forderungsmanagement und Fraud Prevention im E-Commerce

Ja, biometrische Daten können die Akzeptanz steigern. Alles was bei Zahlungen zu einer schnellen und unkomplizierten Identifizierung führt, vereinfacht und steigert die Akzeptanz. Die Idee, biometrische Daten einzusetzen, ist nicht neu, jedoch dürfte sie erst jetzt durch Apple Pay eine größere Verbreitung finden. Wir gehen heute davon aus, dass weitere Hersteller biometrische Daten wie zum Beispiel Fingerprint in ihre Geräte integrieren. Die Identifikation durch biometrische Daten wird so ein fester Bestandteil des modernen Bezahlprozesses. Autor: Johannes F. Sutter, Head Distance Payment Germany bei SIX Payment Services , das Händlern und Finanzinstituten sichere, innovative Dienstleistungen bietet.

 Apple Pay, an deren Entwicklung Chase Paymentech maßgeblich beteiligt war, zeigt deutlich, wie die Einbeziehung von biometrischen Daten in Kombination mit Tokenisierungs- und Verschlüsslungstechnologie dazu beitragen kann, einen Nutzer schnell und einfach zu authentifizieren und somit E-Commerce-Transaktionen sicherer zu machen. Autor: Peiam Arad, VP Business Development bei Chase Paymentech, das als Tochterunternehmen von JPMorgan Chase E-Commerce-Unternehmen weltweit Lösungen für Kreditkarten Acquiring und Payment Processing bietet.

Ja, biometrische Authentifikationsverfahren können die Akzeptanz und die Nutzung von elektronischen Zahlungen wie Mobile Payment steigern. Die Nutzung von Fingerprint-Sensoren verbessert die Benutzerfreundlichkeit. Zum Beispiel kann der User schnell und einfach Daten eingeben und muss sich keine PIN-Codes, Passwörter oder Wischbewegungen merken. Gleichzeitig steigert die Funktion das Sicherheitsgefühl bei den Usern, da eine Zahlung mit dem Mobiltelefon nur nach Freigabe durch das Lesen des Fingerabdrucks getätigt werden kann. Benutzerfreundlichkeit und Vertrauen sind entscheidende Faktoren für die Akzeptanz von neuen elektronischen Zahlungsmitteln. Autor: Christian von Hammel-Bonten, EVP Telecommunications Wirecard , einem Anbieter von Outsourcing- und White-Label-Lösungen für den elektronischen Zahlungsverkehr.

Dieser Beitrag erschien erstmals im e-commerce Magazin 0372015

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