Payment & Risikomanagement: Experten äußern sich zu Risikomanagement bei Payment-Wearables

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ECM: Das Risikomanagement im Bereich Payment verändert sich ja immer wieder ein wenig. Was sind hier für Sie die derzeit interessantesten drei Aspekte?

Achim Himmelreich (Mücke, Sturm & Partner): Der wichtigste ist sicherlich der der Identifikation,  meist sogar vor der Bonität, denn was nutzt die Bonitäts-Info, wenn die angegebene Identität ein Fake ist. Darüber hinaus sind so genannte weiche Merkmale, die bei Fehlen von sonstigen harten Ablehnungsgründen doch eine kontrollierte Belieferung (zum Beispiel mit Ausschluss bestimmter Waren/Warengruppen oder adjustierten Kreditlimiten) erlauben, entscheidend für ein erfolgreiches Risikomanagement. Schließlich will der Händler Umsatz ja nicht ablehnen, sondern einen Kunden mit angemessenem Risiko beliefern; dazu passt auch die Frage, wie wichtig das Produkt für den Käufer ist, denn bei wichtigen Produkten zahlt er eventuell tatsächlich auch bei objektiv schlechter Bonität. Zu Guter Letzt spielt natürlich auch ein effektives Fraud-Management eine wichtige Rolle – die gestiegenen  Ausfälle bei Zalando zeigen ja, dass Fraud sozusagen „wieder auf dem Vormarsch ist.“

Carlos Häuser (Wirecard): Mit neuen Bezahlmethoden wird auch das Risikomanagement vor neue Herausforderungen gestellt. Deshalb sind jetzt mehrere neue Aspekte zu beobachten: Ein großes Thema wird in diesem Jahr – zumindest in den USA – die flächendeckende Anpassung auf EMV-Technologie sein. Diese Chiptechnologie ermöglicht einen sicheren Bezahlvorgang und eine kurze Transaktionsdauer, der Bezahlvorgang wird also immer schneller und sicherer. Ein weiterer Aspekt ist Digital Secure Remote Payments. Denn im Zusammenhang mit kontaktlosen NFC-Bezahlvorgängen über mobile Endgeräte wie Smartphone, Tablet oder Wearables und auch im Rahmen von Remote Payments (zum Beispiel In-App Payments) brauchen wir neue Sicherheitsstandards. Eine Möglichkeit, sicheres Bezahlen per Smartphone weiterhin zu ermöglichen, ist Tokenization. Mit diesem Verfahren werden die ursprünglichen Kartendaten gemäß PCI-DSS verschlüsselt und bei einer Transaktion lediglich in Form von Token weitergegeben. Die Ursprungsdaten verbleiben im sicheren Daten-Tresor. Das bedeutet aber auch: Wird eine mobile Zahlung via Tokenization abgewickelt, muss der Authentifizierungs-Prozess reibungslos und in Echtzeit funktionieren. Daher ist es für Anbieter ratsam, diese Dienstleistung auf spezialisierte Zahlungsabwickler zu übertragen.  Ein weiterer interessanter Aspekt ist alles rund ums Thema Digital-Fraud im E-Commerce. Das decken wir beispielsweise mit unserer Trust Evaluation Suite sehr gut ab: Sie ermöglicht es, dass jeder Händler seine Kunden einschätzen kann und weiß: Wo kommt der Käufer her und wie hat er sich bei vergangenen Transaktionen verhalten. So lassen sich Betrüger im E-Commerce rechtzeitig erkennen, bevor sie die Transaktion abschließen können. Globale Initiativen wie etwa die Secure-Pay-Direktive zeigen außerdem, dass die EU-Kommission grenzübergreifende Zahlungen schneller und sicherer machen möchte. Damit verbunden ist eine wirksame Methode, um den Datenklau über einen Malware-infizierten PC zu bekämpfen – die sogenannte 2-Faktor-Authentifizierung: Hier erfolgt die Abfrage und Kombination von zwei unterschiedlichen Kommunikationskanälen. So werden online beispielsweise nur Kartennummer und CVC-Code abgefragt. In einer zweiten Sicherheitsstufe erhält ein Kunde ein Einmal-3D-Passwort per SMS, mit dem er die Transaktion final bestätigt. Dieser einfache Medienbruch macht Angriffe durch Hacker deutlich schwerer und unwahrscheinlicher.

Marc Leske (Boniversum): Jeder Händler muss strategisch abwägen, ob er ein eigenes Risikomanagement betreibt oder sich für ein Factoring-Modell respektive einen Zahlungsgarantieanbieter entscheidet. Hier sind die Kosten pro Transaktion (siehe dazu auch Frage 2), aber auch Themen wie Hoheit über die eigenen Daten und bessere Justierbarkeit der Risikomanagement-Faktoren zu bedenken – wobei die letzteren beiden Aspekte für ein eigenes Risikomanagement sprechen. Die zunehmende Internationalisierung von Online-Shops macht die Anpassung der Zahlarten sowie der Risikomanagement-Faktoren (Bonitätsprüfung, datenschutzrechtliche Bestimmungen) je Land erforderlich. Um die gewünschte Conversion zu erzielen, sollte dem jeweiligen Kunden die gewohnte beziehungsweise gewünschte Zahlart angeboten werden. Beispielsweise gehört das Zahlverfahren „iDeal“ in den Niederlanden zu den beliebtesten Zahlarten, wohingegen es in Deutschland quasi unbekannt ist. Der Trend geht immer mehr in Richtung Vereinfachung beziehungsweise Verschlankung der Check-out-Prozesse, bei denen der Kunde nur noch möglichst wenige Angaben machen muss. Diese optimierte Usability soll es dem Käufer einfacher machen und so auch die Kaufabbruchquote verringern. Trotzdem muss eine Risikoprüfung machbar sein.

Sascha Breite (Six Payment):  Für mich sind die drei wesentlichen Aspekte: Die Berücksichtigung der unterschiedlichen Verkaufskanäle in ihrer Kombination für ein effektiveres Risikomanagement.  Der gezielte Einsatz von Zahlungsmitteln für mobile Endgeräte beziehungsweise den mobilen Konsumenten. Und das Risikomanagement als Enabler für Innovationen zu verstehen und entsprechend einzusetzen.

Bernhard Linemayr (Payolution): Risikomanagement lebt prinzipiell von kontinuierlicher Verbesserung. Daher ist die Kombinationen aus eigenen Zahlungserfahrungen und aktuellen, externen Datenquellen essentiell für eine Einschätzung in Echtzeit. Die wirtschaftliche Balance zwischen vertretbarem Risiko und unternehmerischem Erfolg ist entscheidend. Zu starke Hürden bei Bonitätschecks senken natürlich auch die Check-Out-Quote und somit den Umsatz. Außerdem ist es ausschlaggebend, das Risikomodell dynamisch an die jeweiligen Zahlungsprozesse anpassen zu können, das heißt, es müssen die Eckdaten des Käufers genauso berücksichtigt werden wie die Höhe des Warenkorbs, die jeweilige Branche oder der jeweilige Händler – nur eine gesamtheitliche Betrachtung führt schlussendlich zum Erfolg.

Jan Florian Richard (arvato Financial Solutions): Die Betrugsphänomene, mit denen Händler konfrontiert werden, ändern sich in immer schnellerem Wechsel und werden vielfach komplexer. Besonders häufig werden gestohlene Account-Daten für betrügerische Transaktionen eingesetzt. Außerdem sind der Diebstahl und die missbräuchliche Nutzung von Kreditkartendaten ein immer häufiger auftretendes Phänomen – ein Trend, der aus den USA zu uns herüberschwappt.

Neue Ansätze im Risikomanagement können dabei – neben der Risiko- und Betrugsprävention aus einer Hand – künftig durch innovative Technologien, zum Beispiel biometrische Verfahren und nutzerverhaltensbezogene Analysen (Behavioral Analysis), ermöglicht werden. Diese müssen natürlich den Datenschutzbestimmungen entsprechen. In gesetzlicher Hinsicht ist die Europäische Datenschutz-Verordnung eine Herausforderung. Das Recht auf Vergessen, das auf die wachsende Präsenz und die Dienstleistungen von Google und Facebook  ausgerichtet ist, stellt für Auskunfteien und andere Marktteilnehmer eine große Herausforderung dar. Die Bonität von Kreditnehmern kann dann gegebenenfalls nicht mehr zuverlässig beurteilt werden, weil sie die Möglichkeiten hätten, der Weitergabe ihrer Daten zu widersprechen, und dazu dürften Schuldner naturgemäß sehr geneigt sein. Dadurch drohen dem Handel Zahlungsausfälle in beträchtlicher Höhe.

Holger Seidenschwarz (ibi research): Es ist ein Trend zu beobachten, dass immer mehr Dienstleister mit eigenen, zusätzlichen Angeboten in den Markt eintreten: etwa mit an den E-Commerce angepassten Bezahlverfahren wie dem Ratenkauf oder neuen Checkout-Modellen. Immer mehr Händler nutzen auch die Möglichkeit, die dem Kunden angebotenen Bezahlverfahren auf Basis einer Risikoprüfung anzupassen: Mehr als die Hälfte der von uns befragten Händler tut dies bereits. Händler, die über eine ausreichend große Datenbasis verfügen, versuchen auch immer öfter, ihr eigenes Risikomanagement mit diesen internen Daten anzureichern und dadurch Kosten für externe Dienstleister zu sparen. Mit der Zunahme des grenzüberschreitenden E-Commerce wichtiger wird künftig auch das internationale Risikomanagement.

ECM: Auf welche Aspekte sollten Händler mehr achten, was wird oft etwas vernachlässigt?

Marc Leske: Grundsätzlich sind bei jeder Risikomanagement-Entscheidung in erster Linie auch die Annahmequoten zu bedenken. Es nützt nichts, wenn ein Händler beispielsweise bei einem Factoring-Modell nur auf die (auf den ersten Blick) niedrigen Gesamtkosten pro Transaktion achtet. Denn wenn bei diesem Modell zum Beispiel nur 50 Prozent der Kunden für den Rechnungskauf (immer noch eine der beliebtesten Zahlarten bei den Deutschen) angenommen werden, geht dies zugunsten der Kaufabbruchquote und zu Lasten des Umsatzes. Also wenn auch die Gesamtkosten im Risikomanagement anfänglich etwas höher sind, jedoch zu einer sehr hohen Annahmequote für den Kauf auf Rechnung führen, kann der Händler hier definitiv mit mehr Umsatz rechnen. Die höheren Kosten sind somit direkt amortisiert.

Sascha Breite: Oftmals werden vorhandene Daten zu wenig, wenn überhaupt, im Rahmen des Risikomanagements eingesetzt. Dabei kann ein Händler in Zusammenarbeit mit seinem Payment Service Provider durch das Einbringen von Informationen wie Verkaufskanal, Neu- oder Bestandskunde, oder Warenkorbinhalte die Betrugsprävention wesentlich verbessern. Natürlich muss man darauf achten, die Stellschrauben nicht zu eng zu ziehen. Hier sollte sehr vorsichtig getestet werden, wie sich veränderte Parameter auf Verkäufe und Kunden auswirkt.

Jan Florian Richard: Händler sollten auf Risiko- und Betrugspräventionslösungen aus einer Hand setzen, damit die vorhandenen Daten im gesamten Prozess eng verknüpft und optimal genutzt werden können (Smart Data). Außerdem ist es wichtig, die lokalen Platzhirsche der Zahlungsmethoden anbieten zu können, um eine hohe Conversion Rate zu sichern und die „Customer Experience“ so angenehm wie möglich zu machen. Hierbei kann ein spezialisierter Dienstleister mit entsprechendem Netzwerk wie arvato Financial Solutions wertvolle Unterstützung leisten.

Achim Himmelreich: Händler gehen oft zu starr an die Thematik ran – frei nach dem Motto „Bonität gut, dann Lieferung.“ Aber es ist auch möglich, dass ein Kunde mit objektiv schlechter Bonität tatsächlich zahlen würde, weil ihm zum Beispiel das Produkt ganz besonders wichtig ist. Und dazu muss man einen Kriterienkatalog aufstellen, der eben solche weichen Faktoren berücksichtigt.

Holger Seidenschwarz: Viele Händler führen überhaupt keine Risikoprüfungen durch! 47 Prozent von ihnen verzichten nach unserer letzten Umfrage darauf, obwohl bereits einfache Risikomanagement-Maßnahmen sich schnell lohnen können. Immerhin sind Zahlungsstörungen und -ausfälle für den Händler unangenehm und teuer. Im Schnitt verursacht ein einziger Zahlungsausfall Kosten von 66 Euro.

Carlos Häuser: Im Distanzgeschäft haben sich verschiedene Maßnahmen zum Identitätsnachweis etabliert, wie die 3D-Secure-Verfahren „MasterCard SecureCode“ und „Verified by Visa“. Händler sollten aber darauf achten, dass diese Verfahren zwar die Sicherheit erhöhen, sie aber wiederum auch zu Kaufabbrüchen führen können, weil diese für Konsumenten eine Hürde darstellen oder sie verunsichern. Händler, die auf spezialisierte Risikomanagement-Verfahren vertrauen, haben hingegen die volle Transparenz über die Entwicklung von Chargeback- und Betrugsquoten, ohne dass der Kunde davon etwas mitbekommt. Möglich machen dies übersichtliche Dashboards mit Funktionen wie „Fraud Prevention KPIs“.

Bernhard Linemayr: Normalerweise ist der Händler kein Payment-Spezialist. Daher kommt es auf die Qualität des jeweiligen Zahlungsmittel-Dienstleisters an, das Risikomanagement entsprechend zu steuern. Man muss einen Partner finden, der zur Grundphilosophie des Unternehmens passt – also wie wird mit dem Endkunden umgegangen, was ist die Service-Strategie, wie wichtig ist die Kundenbindung oder die Marke. Ein klassisches Scoring reicht da schon lange nicht mehr aus. Dagegen kann mit dem richtigen Partner an der Seite Payment vom Hygienefaktor zum Umsatzbeschleuniger werden.

ECM: Welche Einsatzszenarien sind für Wearables im Payment möglich und sinnvoll?

Holger Seidenschwarz: Wir sind bezüglich des Einsatzes von Wearables für das Payment skeptisch. In einer kürzlich erschienen Studie haben wir uns mit den Erfolgsfaktoren mobiler Bezahlverfahren auseinandergesetzt. Im Ergebnis kommt es kurzfristig auf den Zusatznutzen an, den ein Bezahlverfahren liefert. Auf längere Sicht sind neben dem Zusatznutzen die richtigen Kooperationen der Schlüssel zum Erfolg. Um eine hohe Verbreitung und Akzeptanz zu erreichen, kommt dem Vertrauen in den Anbieter eine sehr hohe Bedeutung zu, sogar eine höhere als der genutzten Technologie. Bislang konzentriert sich die Diskussion über mobile Bezahlverfahren vor allem auf das Smartphone. Wearables müssten hier erst ihren Mehrwert unter Beweis stellen und auch das Vertrauen der Kunden im Payment-Kontext beweisen.

Jan Florian Richard: Wearables haben Potenzial, wenn ihre Verbreitung steigt, und können die Payment-Abwicklung, die heute über Smartphones möglich und in manchen Ländern schon verbreitet ist, künftig in ähnlicher Weise steuern. Sinnvoll ist der Einsatz im Payment dann, wenn der Konsument solche Lösungen annimmt. Grundsätzlich besteht der klare Vorteil beim Einsatz von Wearables darin, dass der Konsument das Medium bei sich trägt; für Händler ist die Akzeptanz von kundenfreundlichen Zahlmethoden ein wichtiger Faktor, um Umsätze zu steigern.

Achim Himmelreich: Die Apple Watch mit Apple Pay verdeutlicht es ja schon. Payment-technisch sind Wearables die Extension der Smartphones und können den Prozess insgesamt schneller und bequemer gestalten. Sie werden aber kaum alleine den Durchbruch schaffen, sondern sozusagen „huckepack“ auf einem erfolgreichen, smartphone-basiertem Verfahren.

Sascha Breite: Ich sehe hier zwei Hauptaspekte: Jederzeit bequem bezahlen zu können und zur vereinfachten Überprüfung des Karten- oder Konto-Inhabers. Ersteres liegt ja auf der Hand durch den Einsatz von integrierter kontaktlos/NFC-Technologie in Wearables für Bezahlsituationen am POS oder im Unattended-Bereich. Zusammen mit biometrischen Verfahren wird die Authentisierung beziehungsweise Überprüfung eines Karteninhabers stark vereinfacht und damit wesentlich anwenderfreundlicher.

Bernhard Linemayr: Vor allem bei Smartwatches ist ein Mobile Payment denkbar – an der Kasse im Supermarkt, während eines Spaziergangs in der Altstadt, also unterwegs vorbei an Einkaufsimpulsen. Allerdings hat sich das bei den Konsumenten wie auch Händlern noch nicht auf breiter Basis durchgesetzt.

Jörn Leogrande (Wirecard): Wearables werden für Bezahlprozesse künftig vor allem dort genutzt, wo es um schnelle, unkomplizierte Transaktionen geht, etwa im Nahverkehr, bei Events, in Stadien, Skigebieten oder auf Kreuzfahrtschiffen. Da das Wearable unmittelbar am Körper getragen wird, kann der Nutzer sofort Transaktionen tätigen – gleichzeitig erhält er über das Device nützliche Zusatzinfos. Diese Bündelung von Funktionen und Nutzenszenerien ist das entscheidende Erfolgsrezept im Wearable-Bereich. Ein weiteres gutes Beispiel.

ECM: Werden Wearables Ihrer Meinung nach das Risikomanagement im Payment verändern und wenn ja, wie?

Achim Himmelreich: Das ist sehr schwierig, denn hier stellt sich die Frage der Identifikation, denn man kann ja schwer überprüfen, wer dieses Wearable gerade trägt. Es wäre kontraproduktiv, ein Wearable als eine Art Bonitätsausweis anzusehen (um damit eventuell Zugang zu einer Veranstaltung zu finden oder am POS damit zu bezahlen) wenn das Wearable verschenkt, verliehen, gestohlen werden kann und dann eine fremde Identität inklusive guter bestätigter Bonität auf Shopping-Tour geht. Wenn es allerdings um Risikomanagement im Health-Bereich geht, werden Wearables als Datenquelle eine ganz zentrale Rolle spielen, aber das ist ein anderes Thema.

Jörn Leogrande: Das Risikomanagement kann im Bereich Wearables tatsächlich eine Rolle spielen. Zwei Aspekte sind hier relevant: Zunächst einmal die biometrische Sicherung von Transaktionen. Wir reden von Technologien wie Touch-ID, aber auch vom biometrischen Verfahren, die etwa auf der Basis des Herzschlages funktionieren. In Zukunft werden wir wahrscheinlich auch immer mehr biometrische Verfahren sehen, die multi-modal sind – das heißt, die auf Kombinationen von biometrischen Sensoren als Sicherheitsmerkmal setzen. Dazu kommt: Produkte wie die Apple-Watch erkennen automatisiert, wenn das Wearable vom Arm genommen wird und können eine erneute Initialisierung über Touch-ID oder Pin verlangen.

Jan Florian Richard: Wearables bringen eine Entität mehr ins Spiel. Neben den bisher genutzten Daten zur Risikoprüfung wie Personen- und Anschriftendaten sowie Bankdaten wird es dann Möglichkeiten geben müssen, um zu prüfen, inwiefern auf Wearable-Ebene Betrug begangen wird. Die Geräte-ID der Wearables lässt hierzu vermutlich Rückschlüsse zu. Diese kann möglicherweise künftig auch zur bequemen und sicheren Zahlartensteuerung genutzt werden.

Bernhard Linemayr: Wearables werden vor allem den Aspekt der persönlichen Identifikation vor neue Herausforderungen stellen. Was natürlich auch ein Thema ist, ist die einfache Weitergabe des Datenträgers und damit verbundene schwache Bindung an einzelne Personen.

Sascha Breite:  Ja, auf jeden Fall. Beispielsweise können Wearables mit dem Girokonto oder einer Kreditkarte verknüpft werden. Dazu geben Banken entsprechende Tokens aus, die im Wearable sicher hinterlegt und für die Zahlungsabwicklung verwendet werden. Wie bereits erwähnt, kann in Kombination mit biometrischen Verfahren wie Fingerabdruck oder Pulsmesser das Betrugs- und Manipulationsrisiko stark reduziert werden.

ECM: Bis wann werden sich Wearables für Payment etabliert haben und was sind die Hürden?

Jan Florian Richard: Lokal ist die Nutzung von Smartphones im Payment-Prozess noch recht unterschiedlich. Nur wenige technische Vorreiter wie etwa gewisse Schichten im Silicon Valley oder die skandinavischen Länder nutzen entsprechende Gadgets als Zahlungsmittel. Auch der asiatische Raum ist oft Vorreiter in der Verbreitung neuer Zahlmethoden und Techniken. Solange die Verbreitung allerdings noch so divergent ist, wird die generelle Akzeptanz zur Nutzung im Zahlungsprozess sicher nicht wachsen. Mit steigender Akzeptanz von Smartphone als „Bezahlmittel“ und durch die Vernetzung mit entsprechenden Wearables können diese in Zukunft durchaus eine Rolle spielen. Wie dominant diese Rolle sein wird, bleibt abzuwarten.

Bernhard Linemayr: Zurzeit sind noch wenige Händler technisch soweit aufgestellt, dass damit Konsumenten erreicht werden können. Auf der anderen Seite gibt es aber auch nur einige early adoptors im Endkundenbereich, die eine entsprechende technische Affinität aufweisen, über Wearables zu bezahlen. Ich denke, es wird ähnlich lange dauern wie der Prozess des Mobile Payment, also so lange der Trend die kritische Masse noch nicht erreicht hat, bleibt es ein Nischenthema.

Holger Seidenschwarz: Eine Etablierung von Wearables für das Bezahlen im Einzelhandel ist derzeit nicht absehbar. Die größte Hürde wird wohl in der Kundenakzeptanz liegen. Zum einen sind die entsprechenden Geräte noch wenig verbreitet, zum anderen ist für die User in Deutschland ein hoher Sicherheitsgrad Voraussetzung für die Nutzung mobiler Bezahlverfahren. Das Vertrauen in die Sicherheit von Wearables als Bezahlverfahren muss aber erst geschaffen werden.

Jörn Leogrande: Mit Apple Pay auf der Apple Watch ist in den USA und in UK bereits ein entscheidender  Marktteilnehmer im Wearable-Payment-Bereich aktiv. Gleichzeitig integrieren auch die Hersteller von Fitness-Bändern oder klassische Uhrenhersteller vermehrt Payment-Funktionen. Die Entwicklung ist also im vollen Gange. Die wesentliche Hürde sehe ich im Moment in einem fundamentalen Wandel des Bezahlverhaltens. Das ist entscheidend für die Entwicklung hin zum Massenmarkt. Denn die breite Masse der Endkonsumenten wird die neue mobile Technologie nur dann einsetzen, wenn sie überall reibungslos akzeptiert wird.

Marc Leske: Aus unserer Sicht bleibt die Akzeptanz von Wearables im Bereich Zahlungsabwicklung abzuwarten. Der Markt wird dadurch mittelfristig sicherlich nicht revolutioniert. Selbst inzwischen etablierte neue Zahlmethoden haben sich bei der Masse bislang nicht durchsetzen können. Laut einer Erhebung von TNS Infratest in 2014 sind selbst unter Smartphone-Nutzern mögliche Mobile-Payment-Technologien oft wenig bekannt. So ist die so genannte NFC-Technologie (Near Field Communication) sogar bei fast der Hälfte der Befragten gänzlich unbekannt. Nur 17 Prozent kennen das Verfahren und könnten auch erklären, wie es funktioniert – was aber nicht bedeutet, dass sie es selbst auch verwenden. Die größte Hürde für die Akzeptanz ist sicherlich das mangelnde Vertrauen in die Sicherheit in Zusammenhang mit den sensiblen Daten.

Achim Himmelreich: Sie werden sich automatisch dann etablieren, wenn sich ein Smartphone-basiertes Verfahren im Massenmarkt durchgesetzt haben wird. Und da sind die Hürden seit langem bekannt: Man muss gleichzeitig eine kritische Masse an Händlern und Konsumenten gewinnen. Und das gelingt nur, wenn ihnen das Verfahren einen echten Mehrwert bietet. Für Händler sind dies Kosten und Geschwindigkeit, für Kunden ist es ein Zusatznutzen (etwa Loyalty-Punkte oder Financial Planning Tools) und Bequemlichkeit.

Sascha Breite: Wir befinden uns in einem sehr frühen Stadium der ersten marktfähigen Produkte. Bei Wearables soll es ja nicht nur bei Uhren und Armbändern bleiben. Es gibt viele Herausforderungen, seien es neue Materialien, längere Akku-Laufzeiten, flexible Display-Technologien usw. Der wichtigste Aspekt ist für mich jedoch, ob dem Anwender ein echter Mehrwert durch die Nutzung entsteht. Und das scheint oftmals nicht der Fall zu sein. Zudem sind noch viel zu wenig Akzeptanzstellen mit NFC ausgestattet, was den Einsatz eines Wearable für das Bezahlen wenig attraktiv macht. Es wird wohl in Deutschland noch einige Jahre dauern, bis wir eine flächendeckende Verbreitung erreicht haben werden.

Die Experten:

Bernhard Linemayr ist Geschäftsführer von Payolution. Das Unternehmen bietet seit 2011 Lösungen rund um „Kauf auf Rechnung“, „Ratenzahlung“ und „Monatsrechnung“ in der D-A-CH-Region an. Durch den sogenannten White-Label-Ansatz, bei dem zwar die Zahlungsabwicklung für den Händler übernommen, dem Kunden gegenüber aber weiterhin im Design des Anbieters begegnet wird, muss keiner Drittfirma vertraut werden.

Holger Seidenschwarz ist Diplom-Kaufmann und Consultant bei  ibi research an der Universität Regensburg GmbH. Seit 1993 bildet die ibi research an der Universität Regensburg  eine Brücke zwischen Universität und Praxis. Das Institut forscht und berät zu Fragestellungen rund um das Thema „Finanzdienstleistungen in der Informationsgesellschaft“. Zugleich bietet ibi research umfassende Beratungsleistungen zur Umsetzung der Forschungs- und Projektergebnisse an und ist Initiator und Herausgeber des E-Commerce-Leitfadens (www.ecommerce-leitfaden.de).

Jan Florian Richard ist Head of Payment Solutions bei arvato Financial Solutions. Nach seinem Abschluss an der  Wichita State University (USA) kehrte er nach Deutschland zurück und begann seine Laufbahn bei Bain & Company, bevor er zu arvato Financial Solutions wechselte. Sein Fokus liegt auf End-to-End Payment Solutions.

Achim Himmelreich ist Diplom-Kaufmann (Universität zu Köln) und war, bevor er 2006 zu Mücke, Sturm & Company kam, selbstständiger Berater und Dozent. Der Schwerpunkt seiner Tätigkeit liegt in den Feldern E- und M-Commerce sowie Social Media. Die umwälzenden Veränderungen durch die digitale Revolution hat er von Anfang an begleitet und in zahlreichen Projekten die Etablierung neuer Geschäftsmodelle vorangetrieben. Er ist Vizepräsident des Bundesverbands der Digitalen Wirtschaft (BVDW).

Sascha Breite ist Executive Director – Head Future Payments bei Six Payment Services: Er begann seine berufliche Laufbahn als Research und Development Assistent bei Siemens, war im Anschluss Softwareentwickler und Teamleiter bei EPC sowie Bereichsleiter Produktentwicklung bei Ingenico. 2004 bis 2009 war er Hauptgeschäftsführer (CEO) und Produkt Manager, SIX Card Solutions Deutschland, seit  2013 ist er Head Future Payments und Managing Director Germany, SIX Payment Services.

Marc Leske ist Senior Sales Consultant für den Bereich E-Commerce bei Creditreform Boniversum. Das Unternehmen ist Anbieter von Bonitätsinformationen über Privatpersonen in Deutschland und  Lösungsanbieter für ein optimiertes Risikomanagement.

Jörn Leogrande ist Executive Vice President Mobile Services bei Wirecard. Er war zuvor als Redakteur sowie freier Texter und Konzeptioner tätig. Im Jahr 2005 wechselte Leogrande zur Münchener Wirecard. Aktuell ist er beim Payment-Experten als Executive Vice President Mobile Services unter anderem für die Produktneuheit Mobile Card Reader verantwortlich. In seinen Verantwortungsbereich fallen außerdem Value Added Services zu NFC-Payments und Mobile Apps ebenso wie die White-Label-Lösungen der Wirecard rund um Mobile Card Acceptance.

Carlos Häuser ist Executive Vice President Payment & Risk bei Wirecard. Er studierte Informatik an der Münchener Ludwig-Maximilian-Universität (LMU), bevor er im Jahr 2000 seine berufliche Laufbahn als selbstständiger Softwareentwickler startete. Im Mai 2005 begann Carlos Häuser bei Wirecard als Software-Entwickler. Nach kurzer Zeit stieg er zum Projektleiter auf. Zusätzlich bildete er sich zum zertifizierten ScrumMaster weiter mit dem Ziel, die Softwareentwicklung agiler, flexibler und schlanker zu gestalten. Heute zeichnet er als Executive Vice President für die Bereiche Payment & Risk, Shared Services bei der Wirecard-Gruppe und als Geschäftsführer der Wirecard Technologies GmbH verantwortlich.

 

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