Umfrage Green Logistics & E-Cars – schon bereit für den Handel?

Ecm: In wieweit haben Sie bereits e-cars im Einsatz? Und welche Typen nutzen Sie?

Stefan Hinz (Hermes): Hermes gehört seit den 80er Jahren zu den Pionieren beim Einsatz alternativer Antriebe und hat seitdem diverse neue Antriebe, zum Beispiel Elektromobilität, Brennstoffzellen- und Erdgasantriebe getestet und, wo möglich, in seinen Zustelldienst integriert. Seit 2010 liegt für Hermes im Rahmen seines Nachhaltigkeitsprogramms Hermes-WE DO! ein besonderes Augenmerk auf dem Einsatz von Elektromobilität. Bei der Erprobung dieser Technologie ist Hermes seit Mitte der 80er Jahre ein ausgewählter Testpartner von Mercedes-Benz. Nach dem erfolgreichen Start der Serienproduktion des Vito E-CELL ist Hermes einer der größten Abnehmer von Fahrzeugen (insgesamt 20) im Rahmen des über vier Jahren angelegten Pilotprojekts zum Einsatz der Fahrzeuge in Berlin und in Hamburg. In der Zwischenzeit testet Hermes herstellerunabhängig auch weitere Prototypen im Bereich der Elektromobilität, beispielsweise elektrifizierte Renault Kangoo (unter anderem auf der für den konventionellen Verkehr gesperrten Insel Hiddensee), E-Smart und E-Fiat-500-Fahrzeuge. Die elektrisch betriebenen PKW stehen den Mitarbeitern für Dienstfahrten an der Hermes-Zentrale in Hamburg zur Verfügung und sind direkt über das Intranet buchbar. Neu im Einsatz: Sowohl im Hermes Einrichtungs Service (Möbel & Großgeräte) als auch im Paketdienst erprobt Hermes derzeit elektrifizierte 7,5-Tonnen-LKW. Hermes sieht darin eine wichtige Investition in die Zukunft. Der Praxistest dient auch dazu, Entwicklungsbedarf bei Fahrzeugtechnik, Reichweiten und Ladeinfrastruktur festzustellen und den Herstellern verfügbar zu machen. Aktuell unterstützt Hermes zudem das „Schaufensterprojekt Elektromobilität“ in Berlin- Brandenburg, an dem unter anderem die Bundesregierung beteiligt ist.

Gerd Seber (DPD GeoPost): DPD testet aktuell zehn rein elektrisch betriebene Zustellfahrzeuge. Dabei handelt es sich um Vito E-Cells von Mercedes-Benz. Schwerpunkt des auf mehrere Jahre angelegten Testlaufs ist der Großraum Stuttgart, auch in Hamburg sind Elektrofahrzeuge für DPD im Einsatz.

Wolfgang Lampe (BLG Logistics Group): Seit 2010 testet die BLG Logistics den Einsatz von Poolfahrzeugen in Zusammenarbeit mit Forschungseinrichtungen. Im vergangenen Jahr haben wir sechs E-Cars angeschafft und zwar im Rahmen des vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) geförderten Projekts „Unternehmensinitiative Elektromobilität“ (kurz: UI ElMo) der Modellregion Elektromobilität Bremen/Oldenburg. Im Rahmen dieses durch die Nehlsen AG koordinierten Projekts werden die Leasing-Raten mit 42 Prozent der Kosten gefördert. Über 100 Elektromobile fahren bereits in der Modellregion. Die BLG setzt vier Fahrzeuge des Typs Nissan Leaf, einen Mitsubishi iMiEV und einen Renault Kangoo Z.E. an verschiedenen Standorten ein. Ein weiterer Schwerpunkt des Projekts ist der Aufbau eines großflächigen Ladeinfrastruktur-Netzes in der Region Bremen/Oldenburg. Über 60 Säulen wurden in und um Bremen errichtet. Die BLG betreibt in diesem Netz zwei Ladesäulen in Bremerhaven und eine Ladesäule am Präsident-Kennedy-Platz in Bremen. Diese Ladesäule ist auch für den Privatnutzer zugänglich. Den Ökostrom stellt der lokale Energieversorger swb bereit.

Ecm: Für welche Tätigkeiten nutzen Sie E-Cars? Wie ist die Akzeptanz seitens der Händler?

Wolfgang Lampe (BLG Logistics Group): Wir nutzen die E-Cars überwiegend als Poolfahrzeuge für unsere Mitarbeiter, für Botenfahrten und für Fahrten zwischen den verschiedenen Standorten in Bremen und Bremerhaven.  Den Renault nutzen unsere IT-Mitarbeiter außerdem zum Transport von Werkzeugen und technischer Ausrüstung. Das sieht bei uns folgendermaßen aus: Wir haben 42 registrierte Nutzer und schon 251 Fahrten durchgeführt. Nach 18 Monaten Nutzung eines Nissan Leafist unsere Bewertung: wir nutzen es viel, es herrscht eine breite Akzeptanz im Haus und es zeigt sich eine ausreichende Reichweite für notwendige Fahrten. Abgesehen davon: E-Cars sind emissionsfrei und geräuscharm während der Fahrt (im Innenstadtbereich), umweltfreundlich (etwa 1,5 Tonnen CO2-Einsparung gegenüber Diesel, Ladung mit Ökostrom vorausgesetzt), die Ladeinfrastruktur ist gut zugänglich (Parkgarage und Ladesäule am Präsident-Kennedy-Platz) und wir fördern damit die gesellschaftlichen Akzeptanz alternativer Antriebe.

Stefan Hinz (Hermes): Wie oben bereits kurz skizziert, kommen die Fahrzeuge bei Hermes im Wesentlichen in drei Bereichen zum Einsatz: 1. Transporter: Bei der Paketzustellung in Berlin und Hamburg, und dabei vorrangig bei der Versorgung von Hermes PaketShops, da hier die Touren am besten planbar sind. Zusätzlich zur Paketzustellung auf der autofreien Insel Hiddensee. 2. PKW: Verschiedene elektrifizierte Modelle (E-Smart, E-Fiat 500, E-Renault Kangoo) zur optionalen Buchung für Dienstfahrten durch Mitarbeiter usw. 3. LKW: 7,5-Tonnen-LKW in Paketdienst und Einrichtungs-Service für den Lieferverkehr zwischen verschiedenen Hermes-Standorten. Unser Fazit: Technisch sind die Fahrzeuge sehr robust, es gibt praktisch keine technischen Ausfälle. Die E-Vito-Klasse zum Beispiel bewältigt in diesem Jahr bereit ihr viertes Weihnachtsgeschäft, das naturgemäß im Paketdienst die anspruchsvollste Jahreszeit darstellt. Die langen Ladezeiten von vier bis sechs Stunden sind für Hermes ebenfalls unkritisch, da die Fahrzeuge über Nacht in der Regel an den Hermes-Standorten geladen werden können. Wo keine öffentliche Ladeinfrastruktur zur Verfügung steht, wurden durch Hermes vor Ort eigene Ladestationen installiert. Verbesserungswürdig ist aus unserer Sicht als Anwender sicherlich nach wie vor das Servicenetz für diese Fahrzeuge. Hier sind wir im seltenen Fall eines Schadens auf schnelle Hilfe und die Bereitstellung von Ersatzfahrzeugen angewiesen. Leider gibt es vielerorts nicht ausreichend viele Vertragswerkstätten, die dann aktiv werden. Dadurch verzögern sich die Reparaturzeiten häufig unnötig.

Gerd Seber (DPD GeoPost): Elektrofahrzeuge setzt DPD vor allem bei der Zustellung von Paketen an private Empfänger in Ballungsräumen ein. Das passt ideal zu den Eigenschaften der Fahrzeuge: In den ausgewählten Wohngebieten müssen unsere Zusteller auf relativ geringer Fläche ziemlich oft anhalten. Und private Empfänger bekommen meistens nur ein oder zwei Pakete. Mit den E-Cells, die kleiner sind als die herkömmlichen Zustellfahrzeuge von DPD, funktioniert das wunderbar. Und die Empfänger sind auch von der rein elektrischen Zustellung angetan – schließlich ist sie vor Ort vollkommen emissionsfrei.

ECM: Was sind Ihrer Erfahrung nach noch die größten Hürden für einen Einsatz, etwa bei der Belieferung in Ballungsräumen oder auf dem Land?

Wolfgang Lampe (BLG Logistics Group): Es ist weiterhin ein Umdenken der Nutzer notwendig. Berührungsängste müssen teilweise noch überwunden werden. Das Ladeinfrastrukturnetz ist zum Teil mangelhaft. Die Reichweite für längere Strecken (über 70 Kilometer) ist unzureichend. Elektrofahrzeuge, die den spezifischen Anforderungen der BLG, zum Beispiel auf ihrem Autoterminal in Bremerhaven (Mehrschichtbetrieb, Bauhöhe, Personenbeförderungskapazität) genügen, sind noch nicht als Serienfahrzeuge auf dem Markt.

Stefan Hinz (Hermes): Die größte Hürde für den Einsatz von Elektromobilität sind nach wie vor die zwar sinkenden, aber immer noch sehr hohen Anschaffungskosten. Grundsätzlich erreichen die Fahrzeuge mit rund 100 Kilometern inzwischen eine passable, aber immer noch begrenzte Reichweite. Das heißt, dass logistische Touren sehr sorgfältig, zum Beispiel auch mit Blick auf den Zugang zu öffentlichen Ladesäulen, geplant werden müssen. Das prädestiniert die Fahrzeuge für den Einsatz im Stadtgebiet, wo sie dank Emissionsfreiheit etwa auch in verkehrsberuhigten Zonen eingesetzt werden können. Nicht geeignet ist Elektromobilität hingegen Stand heute für die Zustellung über weite Distanzen im ländlichen Gebiet. Dem entgegenzusetzen sind die im Vergleich zum Einsatz von Diesel deutlich geringeren Betriebskosten, die je nach Strompreis zwischen vier bis siebenmal geringer ausfallen.

Gerd Seber (DPD GeoPost): Bei der rein elektrischen Zustellung ist die begrenzte Reichweite eine große Herausforderung. Dezentrale Umschlagplätze können die möglichen Einsatzgebiete aber erhöhen, in Stuttgart gibt es dazu eine vielversprechende Kooperation mit unserem Kunden Lapp Kabel, bei dem ein Elektrofahrzeug fest stationiert ist. Denkbar wäre auch die Zusammenarbeit mit Kommunen, die Lagerflächen zur Verfügung stellen. Lange Zustelltouren auf dem Land sind mit Elektrofahrzeugen aber derzeit noch nicht drin. Hybridfahrzeuge könnten dafür eine Alternative sein, in diesem Bereich will DPD mit einem nachgerüsteten Sprinter Erfahrungen bei der Zustellung sammeln.

Ecm: Was ist Ihre Prognose für die nächsten fünf Jahre? Wie wird die Akzeptanz der Händler und die der Konsumenten aussehen und was könnte man unternehmen, um diese zu steigern?

Stefan Hinz (Hermes: Die Akzeptanz für den Einsatz von Elektromobilität ist bereits seitens unserer Auftraggeber und Kunden sehr hoch. Sie sehen, dass die Zustellung gewohnt zuverlässig erfolgt, und schätzen die positiven Auswirkungen auf die Umwelt. Bei der weiteren Entwicklung in diesem Bereich sind wir als Anwender maßgeblich auf den Fortschritt der Automobilindustrie angewiesen. Wir haben immer gesagt: Sobald alternative Fahrzeugtechnik in ausreichender Zahl und zu wirtschaftlichen Konditionen zur Verfügung steht, unterstützen wir die Forschung und Entwicklung aus unserer Organisation heraus. Es ist absehbar, dass die Verbreitung der Technologie im PKW-Segment mit inzwischen bereits vielen, etablierten Modellen schneller erfolgen wird als im gewerblichen Bereich. Da im Wirtschaftsverkehr die Kosten das wesentliche Kriterium darstellen, müssten die Anschaffungskosten noch deutlich sinken, um den flächendeckenden Einsatz rentabel zu machen. Insgesamt ist der Ausbau von Elektromobilität ein wichtiges Trend- und Zukunftsprojekt, das maßgeblich auf die Zusammenarbeit von Wirtschaft, Politik und Wissenschaft angewiesen ist. Nicht zuletzt ist die Politik gefordert, den Einsatz von Alternativen stärker zu incentivieren, etwa indem die Busspuren in Großstädten für den elektrisch mobilen Lieferverkehr freigegeben werden. Dafür hat Hermes zuletzt öffentlich plädiert.

Wolfgang Lampe (BLG Logistics Group): Wir planen weiterhin den Einsatz von E-Cars als Poolfahrzeuge und stellen uns darauf ein, verstärkt Dienstleistungen für die E-Mobilität anzubieten – zum Beispiel eine „Servicestation für Elektrofahrzeuge“ als Antwort auf immer mehr Elektrofahrzeuge, die für den Im- und Export bestimmt sind. Dafür haben wir die notwendigen Zulassungen und Qualifikationen. Insgesamt erwarten wir eine Verbesserung der Batteriekapazität zugunsten einer größeren Reichweite, eine Verbesserung des Ladeinfrastrukturnetzes, geringere Anschaffungskosten und Vorteile für E-Cars im öffentlichen Raum wie kostenlose Parkplätze oder eine mögliche Nutzung der Busspur. Solange die Preise für Elektrofahrzeuge sich denen herkömmlicher Fahrzeuge nicht deutlich annähern, wird sich die Anzahl an E-Cars nur langsam erhöhen. Ein Netz aus Schnellladestationen, Plug-in-Hybridfahrzeuge und E-Cars mit Range-extender sind mögliche Antworten auf die Reichweitenproblematik.

Im Interview:

  • Wolf Lampe, Leiter Nachhaltigkeit und neue Technologien bei der BLG Logistics Group: „Der entscheidende Vorteil der Elektrofahrzeuge ist, dass am Einsatzort keinerlei Abgase entstehen – deshalb setzen wir innerhalb von Gebäuden schon jahrzehntelang elektrisch angetriebene Flurfördergeräte ein. E-Cars sind ein Beitrag dazu, sowohl im städtischen Raum als auch im Hafen oder in der Logistikniederlassung die Schadstoffbelastung zu senken.“
  • Stefan Hinz, Nachhaltigkeitskoordinator bei Hermes: „Die Akzeptanz für den Einsatz von Elektromobilität ist bereits seitens unserer Auftraggeber und Kunden sehr hoch. Sie sehen, dass die Zustellung gewohnt zuverlässig erfolgt, und schätzen die positiven Auswirkungen auf die Umwelt.“
  • Gerd Seber, Group Manager Sustainability & Innovation bei DPD GeoPost (Deutschland): „Bei der rein elektrischen Zustellung ist die begrenzte Reichweite eine große Herausforderung. Dezentrale Umschlagplätze können die möglichen Einsatzgebiete aber erhöhen, in Stuttgart gibt es dazu eine vielversprechende Kooperation mit unserem Kunden Lapp Kabel, bei dem ein Elektrofahrzeug fest stationiert ist. Denkbar wäre auch die Zusammenarbeit mit Kommunen, die Lagerflächen zur Verfügung stellen.“
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