Versand von sperrigen Gütern: So diskutieren Logistiker

ECM: Oft machen Logistiker beim Transport sperriger Güter gewisse Vorgaben, etwa indem sie eine Mindestversandmenge oder eine Gewichtsobergrenze festlegen. Ende vergangenen Jahres wurden diese Vorgaben von einigen Logistikern gelockert. Wird  diese Lockerung ein Zwang auch für andere Logistiker, weil der boomende Onlinehandel dies erforderlich macht?

Wolfgang Lammers (Fraunhofer): Der „klassische“ Spediteur transportiert in der Regel fast alles. Bei besonders sperrigen oder schweren Gütern wird üblicherweise ein konkreter oftmals individueller Preis für die Lieferung zwischen Versender und Transporteur vereinbart. Hier spielen auch noch weitere Transportbedingungen wie zum Beispiel frei Haus, bis zur Borsteinkante usw. eine Rolle. Seit einiger Zeit drängen auch die KEP-Dienstleister, die für den Paketbereich standardisierte Preise und Bedingungen hinsichtlich Abmessungen und Gewicht haben, in den Markt der Stückgüter mit ihren Dienstleistungen.  DHL etwa bietet für den Bereich sperriger und/oder schwerer Güter das sogenannte „Zwei-Mann-Handling“ an. Ob und in welchem Umfang sich auch in diesem Marktsegment „standardisierte“ Dienstleistungen auf breiter Front etablieren, wird der Markt entscheiden. Falluntersuchungen, zum Beispiel im Bereich der Möbellieferungen, zeigen, dass eingespielte Systeme zwischen einem Händler und seinen Vertragsspediteuren durchaus konkurrenzfähig zum  „Zwei-Mann-Handling“ von DHL hinsichtlich Kosten und auch Servicegrad sind.

Ole Nordhoff (DHL Paket): Der Onlineversand für Möbel, Haushaltsgeräte und andere Großgüter wächst stark. Das ist mit vielen Chancen für die Händler verbunden und erfordert auch entsprechende Lösungen von Paketdienstleistern, die genauso einfach und unkompliziert sind wie der Versand eines Standardpakets.

Martin Wieland (Hermes Einrichtungs Service): Wenn ein Händler ins Onlinebusiness einsteigt, hat er in den ersten Wochen und Monaten geringe und nur langsam wachsende Versandmengen. Und es gibt viele Onlinehändler, die dauerhaft nur wenig im Zwei-Mann-Handling versenden möchten. Das sind zum Beispiel Shops, bei denen die großen und schweren Artikel nur einen geringen Anteil des Sortiments ausmachen. Weiterhin gibt es Händler, die als Standardlösung für Großgeräte den Stückgutversand frei Bordstein anbieten und deren Kunden gegen Aufpreis die Zwei-Mann-Lieferung bis in die Wohnung buchen können.

ECM: Welche Schwierigkeit erwachsen hier den Transportunternehmen und wie kann sich der Onlinehandel Ihrer Meinung nach darauf besser einstellen?

Wolfgang Lammers (Fraunhofer): Regionale Transportunternehmen und Lieferanten haben durch diese Aufhebung große Konkurrenten hinzubekommen. Hierbei ist jedoch zu berücksichtigen, dass DHL und Hermes andere Versandstrukturen haben als ein Spediteur. Es ist nicht zu beziffern, wie häufig die Ware bei DHL und Hermes für einen Sperrgutversand umgeschlagen werden muss und welche Zeit hierdurch aufgewendet wird. Dafür besitzen diese Unternehmen ein gut ausgebautes Netz und eine große Fahrzeugflotte. Zu unterscheiden ist auch hinsichtlich der unterschiedlichen Händlerstrukturen im Online-Handel. Für den reinen Online-Händler, der in der Regel von einem zentralen Standort aus operiert, ist ein Dienstleister, der ein bundeweites oder auch europaweites Liefernetz hat, natürlich gegenüber einem lokalen Spediteur im Vorteil. Für den stationären Handel wiederum, der über ein breites Filialnetz verfügt und dieses auch geschickt als Multichannel-System für den online-Handel zu nutzen imstande ist, ist oftmals der lokale Spediteur vorteilhaft. Wer hinsichtlich Versandzeit und -kosten Vorteile für den Onlinehandel besitzt, ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschätzbar.

Martin Wieland (Hermes Einrichtungs Service): Als Logistikpartner müssen wir für den Händler flexible und bezahlbare Lösungen schaffen. Der Endkunde erwartet kurze Lieferzeiten. Folglich kann der Händler nicht einfach tage- und wochenlang Bestellungen sammeln, bis sich die Frachtkosten für komplette Wechselbrücken rechnen. Die kurzfristige Abholung auch einzelner Sendungen zu preislich attraktiven Konditionen ist daher ein großer Vorteil, den wir unseren Auftraggebern bieten.

Ole Nordhoff (DHL Paket): Die Erwartungen an den Versand von sperrigen Waren sind auf Empfängerseite sehr vergleichbar mit den Erwartungen, die es an den Paketversand gibt: die Ware muss schnell und zuverlässig ankommen und der Kunde wünscht maximale Transparenz und bei Bedarf auch Einflussnahme auf den Sendungsverlauf. Ein Onlinehändler kann durch die Auswahl eines entsprechenden Logistikers diesen Erwartungen entsprechen.

Klaus Dotzler (Hellmann E-Commerce): Das Handling von zunehmend sperrigen Gütern in Umschlagslägern der Transportdienstleister stellt oftmals – unabhängig davon, ob Paketversender oder klassische Spedition – eine Herausforderung dar, da viele Packstücke unzureichend verpackt, gekennzeichnet beziehungsweise nicht palettisiert und somit mit herkömmlichen Flurförderfahrzeugen schwierig händelbar sind.

ECM: Wie kann das Zusammenspiel von Onlinehandel und Logistiker bei sperrigen Gütern besser laufen?

Marcus Gropp (Fiege): Dazu müssen sich beide Partien vorher intensiv mit dem Produktspektrum und den Kundenerwartungen auseinandersetzen. Was ist die Erwartung der Endkunden: Lieferzeit, Kosten, Service, etwa Aufbauservice. Wie ist die Produktverpackung gestaltet: Vermeidung von Bruch und Beschädigung…

Marc Rapp (Flöter Verpackung): Sperrige Güter können nicht in Normkartonagen verpackt werden. Da bedarf es cleverer Lösungen wie Horizontalwickler, Luftpolstermatten und Kantenschutz. Die Kombination von etablierten Verpackungslösungen erlaubt aber hier viel Flexibilität, vor allem wenn es um Lang-Gut geht.

Wolfgang Lammers (Fraunhofer): Für ein gutes Zusammenspiel ist eine organisierte Kommunikation zwischen den Beteiligten unabdingbar. Hierfür sollte schon im Vorhinein geklärt sein, welche Produkt- und Verpackungsdaten der jeweilige Logistiker benötigt. Darunter sind etwa die Stammdaten wie Abmessungen, Gewicht, Form, aber auch Empfindlichkeiten des Produkts und insbesondere der Verpackung zu verstehen. Die Übertragung und Speicherung dieser Daten könnte durch den Einsatz von RFID erfolgen, wodurch die Verpackung, wie in der Industrie 4.0 gefordert, dem Logistiker „sagen“ könnte, wie er sie zu transportieren hat. Für eine bessere Transportier- und Unterfahrbarkeit können möglichweise Ladungsträger verwendet werden oder aber Griffe beziehungsweise Greifmöglichkeiten in die Verpackung integriert werden. Restriktionen wie „nicht überstapeln“, „zerbrechlich“ oder „hier oben“ sollten mit Aufklebern oder gedruckten Kennzeichen an/auf den Verpackungen verdeutlicht werden. Wichtig hierbei ist wieder die Kommunikation zwischen den Partnern, sodass diese Vorgaben auch von den Logistikern befolgt werden. 

Klaus Dotzler (Hellmann E-Commerce): Die Frage hat zwei Facetten. Zum einen in der physischen Verpackung des Versandgutes, das heißt der Onlinehändler sollte die Transportverpackung den Transportanforderungen so optimal wie möglich anpassen und im Vorfeld abstimmen. Im Stückgutverkehr wäre eine Palletisierung optimal, im Paketversand sollte man zum Beispiel auf Trageeingriffe achten. Nicht minder wichtig ist jedoch der durchgängige, automatisierte Datenaustausch zwischen der Systemen der Onlinehändler sowie der Logistikdienstleister und Frachtführer. Gerade bei sperrigen Gütern und insbesondere bei Zwei-Mann-Ware ist eine lückenlose Datenkommunikation von Onlineshop, Lieferavisierung, Abstimmung Zustellzeitfenster, gegebenenfalls Retourenabholung, ausschlaggebend. Sind diese Prozesse nicht im Griff, hat dies erhebliche Auswirkungen auf die Kundenzufriedenheit sowie auf dadurch entstehende manuelle Zusatz- und Folgekosten.

ECM:Was ist bei der Verpackung von sperrigen Gütern – auch mit Blick auf Retouren – besonders zu beachten?

Marc Rapp (Flöter Verpackung): Retouren sind im Bereich der sperrigen Güter besonders heikel. Wenn der Kunde die aufwendige Verpackung öffnet, fällt es ihm meist schwer, die Ware wieder fachgerecht zu verpacken. Flexible Verpackungen helfen hier, ein Merkblatt für die Retouren-Verpackung ist aber unbedingt empfehlenswert.

Ole Nordhoff (DHL Paket): Die Auswahl des Materials und der richtigen Verpackungsgröße sind natürlich wesentliche Faktoren für optimalen Schutz der Waren. Aber auch die Entsorgung der oft sperrigen Verpackung ist für den Empfänger ein Convenience-Kriterium. Für den Fall einer Retoure managet DHL Paket selbstverständlich ebenfalls den vollständigen Prozess.  Das bedeutet: Abholung beim Empfänger,  Rückführung der Sendung zum Retourenlager sowie Aufbereitung der Ware für den Rücktransport.

Martin Wieland (Hermes Einrichtungs Service):  Trotz manuellem Handling und möglichst warenschonender Behandlung sind Ecken und Kanten eines schweren Packstücks hohen Belastungen ausgesetzt. Gerade im Möbelbereich ist die vom Hersteller als Standard gebotene Verpackung unzureichend und muss für den Versand angepasst werden. Wer hier an solidem Verpackungsmaterial spart, zahlt letztlich – aufgrund teurer Retouren – drauf. Allerdings lässt sich festhalten,  dass die Transportschadensquote im Zwei-Mann-Handling insbesondere durch geeignete Verpackung fast auf Null gebracht werden kann. Besonders zum Thema Verpackung sollte sich der Onlinehändler also gut von seinem Logistikpartner beraten lassen.

Marcus Gropp (Fiege): Die Verpackung muss E-Commerce-fähig sein. Starke Kartonage, Verpackungsmaterial, Kantenschutz usw. ist bei Möbeln ein wichtiges Thema! So kann Retouren vorgebeugt werden…

Wolfgang Lammers (Fraunhofer): Das ist ein schwieriges Thema. Verpackungen für sperrige Güter sind in der Regel nur für den einmaligen Transport ausgelegt. Insbesondere Verpackungen, die nur aus Folienhauben oder Wickelfolie bestehen, zum Beispiel bei Sofagarnituren, dienen nur zum Schutz vor Feuchtigkeit, Staub und Oberflächenbeschädigungen. Sobald die Folie aufgerissen beziehungsweise zerstört wird, ist eine Retoure schwierig. Vor diesem Hintergrund ist auch die vergleichsweise verhaltene Entwicklung des Online-Marktes für diese Güter, etwa Möbel, zu verstehen. Der Händler, der beschädigte Ware retourniert bekommt, übernimmt in der Regel den Schaden, da eine verursachungsgerechte Schadensermittlung in den meisten Fällen kaum möglich ist.

 

Die Interviewpartner:

  • Marcus Gropp, Mitglied der Geschäftsleitung/Managing Director  Fiege Commerce Solutions
  • Marc Rapp, Geschäftsführer bei Flöter Verpackungsservcie
  • Martin Wieland, Bereichsleiter Marketing und Geschäftsfeldentwicklung beim Hermes Einrichtungs Service
  • Ole Nordhoff, Senior Vice President Business Customers bei DHL Paket
  • Klaus Dotzler, Sales Manager bei Hellmann eCommerce
  • Dipl.-Ing. Wolfgang Lammers, Abt. Verpackungs- und Handelslogistik AutoID-Technologien, Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik

 

Dieser Beitrag erschien erstmals im e-commerce Magazin 03/2015.

 

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