Kaufmann im E-Commerce: Brauchen wir einen neuen Ausbildungsberuf?

Ab August 2018 ist es in Deutschland möglich, sich im Bereich E-Commerce ausbilden zu lassen. Der Handel freut sich über die künftigen neuen Fachkräfte, aber es gibt auch einige kritische Stimmen, die sich fragen, ob ein neuer Ausbildungsberuf wirklich sinnvoll ist.

Vor über 22 Jahren starteten die ersten Onlinehändler wie Amazon und eBay. Inzwischen gehören Onlineshops zu unserem Alltag; dort vergleichen wir Preise, informieren uns über Produkte und kaufen verschiedenste Dinge. Dass E-Commerce nicht zu missachten ist, zeigen die Umsätze des letzten Jahres. 2016 setzte der Onlinehandel 62,45 Milliarden Euro um, 2015 waren es noch 19,45 Milliarden weniger und für 2017 liegen die Schätzungen bei etwa 73 Milliarden Euro.

Großer Bedarf an qualifizierten Fachkräften

Im Vergleich zum Einzelhandel, mit einem geschätzten Umsatz von 491,9 Milliarden Euro für 2017, ist der Handel im World Wide Web noch recht klein, aber er wird in den nächsten Jahren weiter wachsen. Laut Schätzungen der IFH Köln gibt es derzeit in Deutschland 120.000 Onlinehändler und 280.000 Händler, die keinen eigenen Onlineshop besitzen, aber ihre Waren über Amazon und eBay vertreiben. Auch die Anzahl der Einzelhändler mit eigenem E-Commerce-Angebot ist im letzten Jahr auf 73 Prozent angestiegen, 13 Prozent mehr als im Jahr 2015.

Das derzeitige Wachstum des Onlinehandels plus die dadurch entstehenden Aufgabengebiete schaffen einen großen Bedarf an qualifizierten Fachkräften in dieser Branche. Ein Potenzial, das bisher kaum ausgeschöpft wurde, da es bislang keine Möglichkeit zur zertifizierten Ausbildung auf diesem Gebiet gab. Die meisten Onlinehändler sind Autodidakten und beziehen ihr Wissen aus der Praxis. Viele Händler nutzen auch private Weiterbildungsangebote, zum Beispiel die Ausbildung zum E-Commerce-Manager vom Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland e.V. (bevh) und der Rid-Stiftung. Auch verschiedene Hochschulen, unter anderem die FH Wedel, bieten Studiengänge im E-Commerce bzw. Cross-Channel-Management an. Allerdings gibt es bei all diesen Angeboten keine abgestimmten Anforderungen an die Qualität der Aus- und Weiterbildung, außerdem sind die Kosten dafür mitunter sehr hoch.

Dieses Problem wollte der Handelsverband Deutschland, die Deutsche Industrie- und Handelskammer, sowie der bevh lösen. Sie trafen sich dazu im August letzten Jahres für Antragsgespräche mit dem Bundesinstitut für Berufsbildung. Ab August 2018 wird es nun möglich sein, sich als Kauffrau/-mann im E-Commerce ausbilden zu lassen. Die dreijährige Ausbildung erfordert keinen bestimmten Schulabschluss und soll neben kaufmännischen Grundlagen wie Controlling und Rechnungswesen vor allem IT-Inhalte abdecken.

Forderung nach eigenständiger Ausbildung mit Schwerpunkt E-Commerce

Nun stellt sich die Frage, ob die Schaffung eines eigenständigen Berufes wirklich erforderlich ist oder die Ausbildung zum Kaufmann/zur Kauffrau im Einzelhandel weiterhin ausreicht. Ein Großteil der Handelsunternehmen unterstützt die Ausbildung im E-Commerce-Bereich, da sie mit geschultem Personal auf technische Neuerungen flexibel reagieren können. Die Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann oder zur Kauffrau beschäftigt sich zwar inzwischen schon vermehrt mit webbasierten Themen, etwa IT-Wissen, E-Business, sowie E-Commerce, doch bislang fehlte eine Ausbildung, die alle relevanten Themen für die Onlinebranche ausreichend abdeckt. Darüber hinaus unterscheiden sich die Anforderungen im E-Commerce von denen im Offlinehandel. Hinzu kommt, dass reine Onlinehändler Einzelhandelskaufleute bisher nicht ausbilden können, sondern Ausbildungen bei Online- und Versandhandelsunternehmen nur in kaufmännischen Berufen wie Marketingkommunikation, Groß- und Außenhandel, Dialogmarketing, Büromanagement, Logistik und IT möglich sind. Die Lehrpläne sowie die Ausbildungsverordnungen dieser Berufe decken aber die typischen Handlungsfelder im E-Commerce nicht ausreichend ab. Deswegen forderten die Vertreter der Handelsbranche nach einer eigenständigen Ausbildung mit Schwerpunkt E-Commerce, die mehr auf die technologischen Entwicklungen wie auch auf die veränderten Kundenanforderungen eingeht.

Die neue Ausbildung wird deswegen web-relevante Themen wie Onlineshop Management, Online- und Social Media Marketing und Kundenbindung im E-Commerce beinhalten. Weiterhin werden Kundenverhaltensanalysen im Onlineshop, ebenso Keyword-Recherchen und -Analysen Teil der Ausbildung sein.

Viele IT-Fachkräfte übernehmen im Moment überwiegend fachfremde Aufgaben, für die später die E-Commerce-Kaufleute zuständig sind. Dazu gehört das Fotografieren und Veröffentlichen von Produktbildern, das Verfassen sowie die Auswertung von Newsletter-Kampagnen, die Erstellung von Verkaufsanalysen, die Bearbeitung von Retouren sowie der Kundenservice über soziale Medien. Für all diese Aufgaben sind keine Programmierkenntnisse nötig und somit sind momentan etliche E-Commerce-Posten mit einer IT-Fachkraft nicht ideal besetzt.

Ein weiteres Argument für die neue Ausbildung ist, dass E-Commerce-Kaufleute nicht nur in Online- und Versandhandelsunternehmen arbeiten können, sondern auch in der herstellenden Industrie, im Tourismus, in der Versicherungswirtschaft, bei Produzenten von Konsumgütern, im Handwerk sowie bei Großhändlern und Importeuren. In all diesen Bereichen sind E-Commerce-Kompetenzen nötig und werden in Zukunft immer wichtiger.

Es gibt aber auch einige Stimmen, die der neuen Ausbildung kritisch gegenüberstehen, da sie befürchten, dass in Zukunft nur noch ausgebildete E-Commerce-Kaufleute Onlineshops betreiben können. Die Befürchtung ist jedoch unbegründet, weil auch im stationären Handel jeder ein Ladengeschäft eröffnen kann – auch ohne eine kaufmännische Ausbildung. Die künftig ausgebildeten E-Commerce-Kaufleute sollten nicht als Bedrohung, sondern als Chance gesehen werden, da sie als Fachkräfte die meisten Kompetenzen für diesen Beruf mitbringen.

Bestehende Ausbildungsberufe um Online-Themen erweitern?

Ein anderes Gegenargument war der Vorschlag, dass die bereits vorhandenen kaufmännischen Ausbildungsberufe um die Onlinethemen erweitert werden. Dies ist jedoch nicht möglich, da es die Ausbildungen zu sehr aufblähen würde und Ausbildungsbetriebe ohne E-Commerce-Angebot nur noch bedingt zur Ausbildung fähig wären. Gelernte Einzelhandelskaufleute sollen aber die Möglichkeit bekommen, sich neben dem eigenständigen Ausbildungsberuf auf E-Commerce zu spezialisieren.

Die Digitalisierung der Wirtschaft wird in den nächsten Jahren dazu führen, dass wir unser Kaufverhalten nach und nach verändern. Dies wird zur Folge haben, dass sich auch der Einzelhandel verändern und weiterentwickeln muss. Genau diese Veränderung fordert auch eine Weiterentwicklung unserer Berufsbilder. Die Frage, ob ein neuer Ausbildungsberuf nun sinnvoll und notwendig ist, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Für den Moment ist der neue Beruf sinnvoll und notwendig, da dringend Kompetenzen im E-Commerce-Bereich benötigt werden und der E-Commerce-Fachkräftemangel behoben werden muss. Weiterhin sorgt er für eine einheitliche wie auch verbesserte Ausbildungsqualität und bietet Auszubildenden sowie Unternehmen gleichermaßen vielversprechende Chancen und Möglichkeiten für die Zukunft.

Wenn man sich das schnelle Wachstum des Onlinehandel-Marktes und dessen Potenzial ansieht, dann überrascht es durchaus, dass so lange auf die Modernisierung der Berufslehrgänge gewartet wurde. Genau an dieser Stelle liegt auch das Problem, warum der neue Ausbildungsberuf im E-Commerce-Bereich nur bedingt sinnvoll ist. In Zukunft wird es zu einer Verschmelzung des Off- und Onlinehandels kommen. Für diese Entwicklung benötigen wir Fachkräfte, die in beiden Bereichen Kompetenzen haben. Daher sollte das Bundesinstitut für Berufsbildung die Inhalte der Ausbildung perspektivisch an die Marktbedürfnisse anpassen.

autor

Über den Autor: Maximilian Gaar verantwortet bei Inventorum den Marketing Bereich und betreut als Head of Marketing ein Team von acht Mitarbeitern. Er bringt jahrelange Erfahrung in der strategischen und operativen Umsetzung von Online-Marketing-Maßnahmen aus den verschiedensten Branchen mit.

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Kommentare

Guter Bericht. Es sollte meiner Meinung nach aber keinen separaten Beruf in dem Bereich geben, da die Funktionsbereiche meist übergreifend funktionieren. Außerdem könnte es womöglich später Probleme geben, wenn ein - sagen wir mal Kaufmann für eCommerce - in einen anderen Bereich wechseln möchte. Viele der klassischen Marketingbereiche würden dieser Person fehlen. Ich sehe diese öfter bei reinen Onlinedienstleistern. Da fehlt m.E. oft der erweiterte Denkansatz in den klassischen Marketingbereich hinein, der aber in keinem Fall verzichtbar ist, um allumfassende Strategien zu verfolgen oder integrierte Konzepte umzusetzen. Es sollte eher eine Erweiterung der aktuellen Ausbildungspläne geben, bei denen das Theme eCommerce etwas allumfassender betrachtet wird, insbesondere KPI und Strategien.

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