PSD II: Retail-Markt mit neuen Spielregeln

Ab 2017 werden Finanzinstitute in ganz Europa die überarbeitete Zahlungsdienstrichtlinie (PSD II) umsetzen. Bereits mit der Umsetzung der Payments Service Directive I in deutsches Recht im Jahr 2009 wurde die Voraussetzung für einen einheitlichen Rechtsrahmen für alle Arten von Zahlungsaufträgen geschaffen. Gleichzeitig entstand so die Basis für die Harmonisierung des EU-weiten Zahlungsverkehrs im Rahmen des SEPA-Prozesses. Bereits die PSD I und SEPA schufen einen Payments-Markt mit rund 450 Millionen Konsumenten und bieten außerdem einen sehr attraktiven Wachstumshintergrund für neue Geschäftsmodelle. Mit der neuen PSD-II-Richtlinie werden vier Handlungsfelder zur Harmonisierung des Wettbewerbs in Europa eröffnet:

  • -Öffnung Kontozugang
  • -Haftungsverteilung Händler/PSP
  • -Transparenzzuwachs vor allem bei Gebühren
  • -Kundenauthentifizierung

Verbraucherschutz wird ausgeweitet

Auch die Einführung von PSD II ist Teil der umfassenden Nachkrisentradition und soll gemeinsam mit der bereits umgesetzten PSD-I-Richtlinie dazu beitragen, ein eigenständiges  – von Banken unabhängiges – Payment-System zu etablieren. Sie stellt damit sicher, dass Unabhängigkeit und Widerstandsfähigkeit der Zahlungssysteme auch im Krisenfall gewährleistet sind.

Allerdings soll nun der Verbraucherschutz gestärkt werden, was vor allem im Bereich E-Commerce Veränderungen nach sich ziehen wird. So werden strengere Sicherheitsanforderungen für das Auslösen und die Verarbeitung elektronischer Zahlungen eingeführt. Gleichzeitig wird der Schutz der Verbraucher-Finanzdaten ausgeweitet. Ab 2017 gilt eine Verringerung der Haftung für nicht autorisierte Zahlungsvorgänge und die Einführung eines bedingungslosen Erstattungsrechts bei Lastschriften in Euro.

Ringen um die Kundenschnittstelle

Die elementare Frage für das Banking der Zukunft wird sein, wer zentraler Dienstleister für den Kunden wird und dessen Daten aggregieren darf. Besonders groß ist derzeit die Besorgnis der Branche, dass sogenannte Fintechs, Start-up-Unternehmen für digitale Finanzdienstleistungen, den etablierten Geldinstituten ihren Rang ablaufen könnten. So ist schon heute zu beobachten, dass insbesondere klassische Retail-Kunden die alltäglichen Dienstleistungen ihrer Hausbank durch digitale Apps ersetzen. Die markteintretenden Player sind dynamisch und unvorbelastet. Fintechs investieren im Verhältnis 3:1 im Gegensatz zu den etablierten Häusern in den Bereich Zahlungsverkehr. Somit ist es vielen Fintechs gelungen, einen technologischen Vorsprung zu erreichen, der bereits bemerkenswerte Erfolge bewirkt hat.

Die neuen Rahmenbedingungen von PSD II werden dieser Entwicklung zusätzlichen Vorschub leisten. Es dürfte für Banken in naher Zukunft nicht mehr selbstverständlich sein, den direkten Kontakt zum Kunden zu bewahren und sich bei Finanzthemen als erster Ansprechpartner zu positionieren (siehe Infobox). Gerade was die digital zunehmend affinere Kundschaft angeht, besteht die Befürchtung, das Geschäftsmodell langfristig per Disintermediation zu gefährden. Aggregationskompetenz von Kontoinformationen und darauf aufbauende Dienste inklusive Beratungsdienstleistungen werden zum differenzierenden Service von morgen. Für alle etablierten Spieler steht ein schmerzhafter Prozess des Umlernens bevor, bei dem eine Neuausrichtung der eigenen Stärken notwendig ist. Nur wer über eigene Aggregationskompetenz verfügt, wird in der Lage sein, profitable Mehrwertdienste rund um die Kundenkonten zu etablieren.

Drei mögliche Szenarien – warum es diesmal anders wird

Aufgrund der hohen Dynamik und der vorhandenen Unsicherheit ist es hilfreich, die Folgen von PSD II in drei Szenarien zu skizzieren. Nach Capcos Einschätzung liegt die Wahrscheinlichkeit für Szenario I bei etwa 10 Prozent, für Szenario II bei etwa 30 Prozent und für Szenario III bei etwa 60 Prozent.

  1. Szenario I – „Es passiert zunächst wieder einmal nichts oder nicht viel“: In der Vergangenheit schienen bahnbrechende Veränderungen schon sicher ihren Lauf zu nehmen. Aber dann passierte außer kleineren Entwicklungen – oder um fünf bis zehn Jahre verzögert eintretende Effekte nichts. Ein gutes Beispiel dafür ist die Diskussion über die Kontoaggregation im Jahr 2000.
  2. Szenario II – In einigen Bereichen wie den Internet-Bezahldiensten wird sich etwas ändern, aber das Retail-Banking selbst ist in der Folge nicht betroffen: Eine ganze Reihe der Schwerpunkte zielen in der Tat auf Internet-/Mobil-Bezahldienste. Dort wird es entsprechende Regulierungseffekte geben (zum Beispiel Haftung, Transparenz, Identitätsmissbrauchseindämmung).
  3. Szenario III – Es wird dieses Mal eine stärkere Rückkopplung in das Retail-Banking mit deutlichen Marktanteilsverschiebungen (etwa 25 bis 40 Prozent des Markts) in den mobilen und mehrwertorientierten Kundensegmenten geben. Die parallel vorangetriebenen Geschäftsmodell-Innovationen von Aggregatoren, Robo-Advisern, PSP-Dienstleistern mit Mehrwertangeboten für Kunden aus dem kapitalstarken FinTech-Sektor, innovationsstarken Finanzdienstleistern, Internet-Plattformen (etwa Google), Smartphone-Anbietern (zum Beispiel Apple Pay) bis hin zu den Serviceunternehmen des Einzelhandels stellen eine breite, kapitalanziehende Bewegung mit viel Momentum und mehreren Speerspitzen dar. Trotz möglicher Fehlschläge dürfte sich die Konsumentenwelt deshalb insgesamt gravierend verändern.

Resümee und Fazit

Insgesamt bedeuten die neuen Regulierungen für den Bereich E-Commerce zunächst eine verbesserte Sicherheit für Nutzer. Dies wird schon mittelfristig zu einer höheren Akzeptanz von Zahlungsauslösediensten als Alternative zur Kartenzahlung führen. Für Online-Händler steigt durch die verschärften Auflagen teilweise der Verwaltungsaufwand für die Zahlungsabwicklung. Händler haben ein Interesse daran, einfache Zahlverfahren anzubieten, um ein Einbrechen der so genannten Conversion Rate, also des Prozentsatzes der Online-Marktplatz-Besucher, die den Kaufvorgang tatsächlich abschließen, zu verhindern.

Autor: Dr. Hans-Martin Kraus ist Partner bei Capco und leitet und verantwortet als Head of Payments EMEA das grenzüberschreitende Payments-Geschäft. Er ist Experte für den Bereich Zahlungsverkehr sowie für Bankenregulierungsthemen. Darüber hinaus ist er Mitglied des deutschen und europäischen Managementteams von Capco. Über ein Jahrzehnt war er bei der Deutschen Bank in Senior-Management-Positionen beschäftigt. Zuletzt war er als COO Wealth Management in der neu aufgestellten Asset- und Wealth Management Division unter anderem für den Komplettumbau einer Privatbank-Tochter in Deutschland verantwortlich. Capco, ein FIS-Unternehmen, ist ein weltweit tätiger Anbieter von Beratungs-, Technologie- und Transformationsdienstleistungen, die speziell für die Finanzdienstleistungsbranche entwickelt wurden.

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