Update: Die neuen Top-Level-Domains

Im Juni 2011 hatte die „Internet Corporation for Assigned Names and Numbers“ (ICANN) als oberstes Gremiun der Internetverwaltung mit der Verabschiedung des neuen Programms zur Einführung neuer Domain-Endungen den Weg frei gemacht.

Am 20. April 2012 schloss sich das erste Bewerbungsfenster für neue Top-Level-Domains. Mit Spannung wird nun die Liste der Bewerbungen erwartet, die ICANN ab dem 1. Mai 2012 veröffentlichen will. Dann wird sich zeigen, wie viele neue Domain-Endungen beantragt wurden, wie sie lauten und welches Unternehmen sie betreiben will. Derzeit ist nur bekannt, dass sich 839 Benutzer bei ICANN registriert haben, die jeweils bis zu 50 Domain-Endungen beantragen konnten.

Die ersten Domains unter neuen TLDs werden im Frühjahr 2013 registrierbar

Die Dauer des Prüfungsverfahrens wird von der ICANN in einfachen Fällen mit sieben Monaten angesetzt, bei komplizierteren Fällen mit durchschnittlich 20 Monaten. Daher ist erst ab November 2012 mit den ersten positiven Entscheidungen für neue TLDs zu rechnen. Für den Abschluss des Vertrages zwischen ICANN und der neuer Registry sowie die Eintragung der neuen TLD in das DNS (Domain Name System) werden weitere drei Monate veranschlagt. Damit dürften frühestens ab Februar 2013 die ersten Domains unter neuen TLDs zu registrieren sein. Da in der Regel zuerst Inhaber von Namensrechten in der Sunrise-Phase registrierungsberechtigt sind, wird der reguläre Registrierungsbetrieb frühestens ab dem Frühjahr 2013 erwartet.

ICANN lüftet das Geheimnis um die Liste der TLD-Bewerbungen

Mit der Veröffentlichung der Bewerberliste am 1. Mai 2012 wird man nun erstmals einen guten Überblick darüber bekommen, mit welchen Endungen zu rechnen ist. Ein Blick auf die Liste offenbart auch, welche Marken- und Firmennamen sich für eine eigene TLD entschieden haben, wie aktiv bestimmte Branchen beim Thema neue TLDs sind und vor allem, ob nur mit ein paar hundert, über tausend oder vielleicht gar mehr als 2.000 neuen Domain-Endungen zu rechnen ist. Die Anzahl der TLDs wird als Indikator dafür gesehen, wie gut sich die neuen TLDs etablieren werden.

Wichtig ist für Unternehmen beim Blick auf die Bewerberliste natürlich auch die Frage, ob eigene Namensrechte durch neue Domain-Endungen anderer verletzt werden könnten. Für diesen Fall sieht die ICANN ein eigenes Widerspruchsverfahren („Legal Rights Objection“) zum Schutz der Rechte vor, dass von der WIPO (World Intellectual Property Organization) durchgeführt wird.

Ein Blick auf die „Neuen“

Während die meisten Firmen- und Marken-TLDs erst mit der Veröffentlichung der Bewerberliste bekannt werden dürften, sind eine Reihe von neuen TLDs und den Ideen dahinter bereits im Vorfeld bekannt gegeben worden. Grundsätzlich lassen sich folgende drei Kategorien unterscheiden. Die genauen Registrierungsbestimmungen sind jedoch noch nicht bekannt, da sie erst nach der Zuteilung der ICANN verbindlich öffentlich gemacht werden können. Das ist auch der Grund dafür, warum zurzeit Bestellungen für Domains unter neuen TLD-Endungen nur als „unverbindliche Vormerkungen“ abgeboten werden.

  • Regionale oder geographische TLDs: Hier steht der Bezug zu einer Stadt, einer Region oder einem Land im Vordergrund. Das kann zum Beispel für Unternehmen wie Restaurants oder Handwerksbetriebe sinnvoll sein, deren Leistungen in einem lokalen Bezug stehen. Bekannte TLDs sind unter anderem .berlin, .hamburg, .koeln, .bayern, .nrw, .saarland
  • Firmen- und Marken-TLDs: Unternehmen werden sehr genau auf die Inhalte achten, die unterhalb ihres Namens im Netz zu finden sind. Wahrscheinlich sind daher in erster Linie Domains für Produkte, Dienstleistungen, Niederlassungen und Franchise-Nehmer. Bekannt sind TLD-Bewerbungen für zum Beispiel .sap, .rwe, .linde,  .canon oder .sony
  • Generische Begriffe als TLD: Hier ist die Bandbreite von TLD-Konzepten am weitesten, denn jede neue TLD muss mit einem eigenen Konzept überzeugen. Dies kann etwa über Vorgaben zu den Inhalten geschehen oder strenge Vorschriften zur Identität des Domain-Inhabers. Dadurch lässt sich die Qualität der Angebote unterhalb einer TLD für den Internet-Nutzer steigern. Bekannte Begriffe, für die es zum Teil mehrere Bewerber gibt, sind unter anderem .shop,  .web, .gmbh, .sport, .versicherung oder .reise.

Unterschiedliche Registrierungsvoraussetzungen beachten

Da die neuen TLDs in der Regel einen spezifischen Zweck erfüllen sollen, müssen sich Interessenten für eine Domain-Registrierung die Registrierungsbestimmungen genauer anschauen. Der Kreis der Registrierungsberechtigen kann eingeschränkt sein, so dass etwa nur Mitglieder einer Berufsgruppe oder einer Branche berechtigt sind. Auch Vorgaben zu den Inhalten einer Website, die über eine Domain unter einer neuen TLD aufgerufen werden können, sind möglich. Um ihre „Mission“ zu erfüllen, werden sich einige der neuen TLDs bei zwei Kriterien stark von den bisher gewohnten TLDs unterscheiden:

  • Registrierungsberechtigung: Hier wird die Bandbreite von „jedermann“ bis „keiner“ reichen. Bei den meisten Firmen- und Marken-TLDs wird erwartet, dass außer dem Inhaber niemand anderes berechtigt sein wird, Domain-Namen unterhalb der TLD zu registrieren. Damit sinken die Missbrauchsmöglichkeiten für diese Firmen- und Marken-Domains auf nahezu null. Bei einer Reihe von TLDs wird erwartet, dass der Domain-Inhaber bestimmte Anforderungen erfüllen muss, um den Zweck der TLD zu unterstützen. Dies kann die Zugehörigkeit zu einer Branche sein oder ein Sitz in einer Region.
  • Inhalte:  Auch bei der Frage, welche Inhalte über die Domain einer neuer TLD zu finden sein werden, gehen die „Neuen“ möglicherweise neue Wege. Bislang gab es für die Inhalte einer Website in der Regel keine Vorgaben der Registry. Mit den neuen TLDs kann sich das ändern, wenn eine TLD als Spezialist für ein Thema etabliert werden soll und die Registry deshalb Wert darauf legt, dass keine themenfremde oder unerwünschte Inhalte eingestellt werden. 

Die neuen TLDs können nicht ignoriert werden

Auch wenn man sich selbst nicht für eine eigene TLD entschieden hat, die Einführung zahlreicher neuer Domain-Endungen betrifft die meisten Unternehmen in der Frage, ob es sinnvoll ist, eigene Firmen- oder Markennamen oder generische Begriffe als Second-Level-Domain unterhalb einer neuen TLD zu registrieren. Hierzu ist zunächst zu beobachten, welche TLDs es gibt und welche den Zuschlag der ICANN erhalten. Dann müssen die Registrierungsvoraussetzungen geprüft und die Relevanz der TLD für das Unternehmen bewertet werden. Daraus leitet sich ab, ob und in welcher Phase Domain-Registrierungen erfolgen sollten.

ICANN stärkt die Abwehrmöglichkeiten bei Rechtsverletzungen

Markennamen müssen aber nicht von den Unternehmen zwangsweise als Domain registriert werden. ICANN hat im Zuge der Einführung neuer TLDs bewusst auch neue Verfahren zum Schutz von Namensrechten eingeführt. So können Inhaber von Namensrechten das von der ICANN neu ins Leben gerufene Instrument „IP-Clearinghouse“ nutzen. Entsprechende Namensrechte werden hierbei kostenpflichtig in einer Datenbank erfasst. Alle neuen TLD-Registries sind verpflichtet, die Prozesse von IP-Clearinghouse zu unterstützen. Dazu zählt, dass jeder Registrierungsauftrag mit dem Bestand bei IP-Clearinghouse abgeglichen werden muss und im Falle einer Übereinstimmung von Domain- und Markenname der Registrant und der Markeninhaber per E-Mail informiert werden. Aber auch nach der Sunrise-Phase stehen weitere Verfahren Markeninhabern zur Wahrung ihrer Rechte zur Verfügung:

  • Uniform Rapid Suspension (URS) – eine erfolgreiche URS-Beschwerde führt zur Sperrung der Domain.
  • Uniform Domain Name Dispute Resolution Policy (UDRP) – unabhängiges Schlichtungsverfahren zur Übertragung einer Domain als Alternative zu einer gerichtlichen Lösung.
  • PDDRP (Post-Delegation Dispute Resolution Procedure) – Anspruch auf Entschädigung für Markeninhaber, wenn Registry-Betreiber böswillig von der Registrierung unrechtmäßiger Domain-Namen profitieren.

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Experten rechnen damit, dass eine erfolgreiche Einführung der neuen TLDs 2013 einen Nachhol-Effekt auslösen wird, denn bei Firmen- und Marken wird erwartet, dass die eigene Domain-Endung in der Werbung und in der Unternehmenskommunikation eingesetzt wird, so dass sich die Internet-Nutzer relativ bald an die Existenz neuer TLDs gewöhnen werden. Je schneller sich die neuen TLDs etablieren, um so wichtiger wird das nächste Bewerbungsfenster der ICANN, mit dem frühestens 2014 gerechnet wird.

Die Zeitspanne sollte aber nicht überschätzt werden, denn die Erfahrungen aus der ersten Bewerbungsrunde zeigen, dass Unternehmensentscheidungen und die Vorbereitung der ICANN-Bewerbung ein gutes halbes Jahr und länger dauern können und auch ein TLD- oder Marketing-Konzept seine Zeit braucht.

Autor: Peter Hupfauer ist Geschäftsführer bei registry.net. Das Münchner Unternehmen aus der InterNetWire Firmengruppe hat sich auf den technischen Betrieb neuer Top-Level-Domains spezialisiert und berät bei der ICANN-Bewerbung.

Dieser Beitrag erschien erstmals im Schwerpunkt Usability & Webseiten-Gestaltung, e-commerce Magazin 04/2013

 

 

 

 

 

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