Wohlstandstreiber Business-App

Die deutsche Gesellschaft teilt mit den meisten anderen Industrienationen ein Merkmal, das sich auf die weitere Entwicklung des Wohlstands negativ auszuwirken droht: Sie altert rapide. Das bedeutet bekanntlich: Immer weniger Arbeitskräfte stehen zur Verfügung, um die vielen Nicht-Arbeitenden mit zu versorgen.

Aus dieser Situation gibt es wohl nur einen wirksamen Ausweg: Wir müssen unsere Produktivität spürbar steigern. Derzeit sieht es jedoch in dieser Beziehung nicht allzu rosig aus, denn in den letzten zehn Jahren hat sich die Produktivität in Deutschland mit einer anämischen Rate von nur 0,9 Prozent im Jahr erhöht – nach Ansicht der meisten Experten viel zu wenig, um in Zukunft das für den Erhalt des Wohlstands nötige Wachstum zu schaffen.

Erschwerend kommt hinzu, dass deutsche Unternehmen derzeit noch zögern, die Chancen zu ergreifen, die der Hauptproduktivitätstreiber von heute bietet: die Digitalisierung. Trotz aller Popularisierung des Themas mit dem Schlagwort „Industrie 4.0“ hinkt insbesondere der Mittelstand dem internationalen Trend hinterher. Dabei trauen Technologieexperten der digitalisierten Wirtschaft eine enorme Steigerung von Effizienz und Produktivität zu. So meint etwa Philipp Weirauch, CEO von CheckMobile, einem Anbieter von Cloud-basierter Business-Software: „Wir stehen vor einem Produktivitätsschub, der nur noch mit dem der Nutzung des Internets Anfang des neuen Jahrtausends vergleichbar ist: Durch die Zusammenführung von eigentlich unabhängig entwickelten Technologien – nämlich mobilen Endgeräten mit zugehörigen Business Apps, dem Cloud Computing und Big-Data-Lösungen – können kleine und große Unternehmen völlig neue Geschäftsprozesse aufsetzen, ihre bereits bestehenden in ihrer Produktivität stark verbessern und selbst ohne großes Know-how die exakt auf ihren Betrieb abgestimmte Business-Software entwickeln. Die digitalisierte App-Economy ist dabei, unter Einsatz von immer mehr künstlicher Intelligenz die gesamte Wertschöpfungskette ohne Prozessbrüche zu automatisieren, von Büroarbeiten über App-gesteuerte Produktion bis hin zur komplett digitalen Lieferkette. Nur: Aktiv werden müssen die Unternehmen natürlich schon selbst. Zögern und Durchwursteln hat noch nie zum Fortschritt beigetragen.“

Einzigartige Technologiekonstellation

In der Tat: Mit mobilen Business Apps auf der Basis einer flexiblen Infrastruktur tun sich für dynamische Unternehmen völlig neue Perspektiven auf. Zu verdanken ist dies der weiten Verbreitung mobiler Endgeräte (Smartphones und Tablets) in den Unternehmen, die Mitarbeitern erlauben, jederzeit und von jedem Ort auf wichtige Applikationen zuzugreifen. In Verbindung mit intelligenter Business-Software, die Informationen aus dem Backend schnell verarbeiten und nutzerfreundlich aufbereiten kann, lassen sich Prozesse beschleunigen und auch von Mitarbeitern mit geringerer Qualifikation zuverlässig ausführen. Entscheidend dabei ist, dass die Prozesssoftware nicht mehr in Form großer Pakete in der IT-Abteilung der Unternehmen liegen muss, sondern als besonders einfach zu bedienende App über das Internet genutzt werden kann – idealer Weise direkt über eine Cloud-Lösung, die die Prozesssteuerung und –abwicklung übernimmt. Moderne Lösungen hierzu erlauben eine schnelle Anpassung der Apps an neue Situationen, ohne dass der Nutzer dabei nennenswerten eigenen Programmieraufwand erbringen muss.

Hierin liegt der entscheidende Fortschritt der App-Entwicklung: Backend und Mobilgerät kommunizieren über die Cloud und sind dabei mit intelligenter Business-Software verbunden, die Datenerfassungs-, bearbeitungs- und -auswertungsprozesse verschlankt und beschleunigt, Entscheidungen fundiert unterstützt und neue Informationen wieder an das Backoffice meldet. Die Nutzung der Cloud erweitert das Konzept auf sehr einfache Weise von rein unternehmensinternen Prozessen auf das gesamte Netz von Partnern, Lieferanten und Kunden und führt damit zu einer hoch integrierten, intelligenten und dynamischen Infrastruktur, die blitzschnelles Reagieren auf neue Marktanforderungen oder sonstige Änderungserfordernisse ermöglicht. Große Prozessketten (wie etwa die Disposition von Fahrern in der Logistik, das Verwalten und Durchführen von Serviceaufträgen, das Überwachen von Wartungsintervallen, die Abwicklung von Wareneingangs- und Auslieferungsprozessen oder Retourenhandling und Dokumentation) lassen sich damit präzise steuern, dokumentieren und web-basiert von jedem mobilen Endgerät aus nutzen.

Was scheinbar so schnell einleuchtet, ist dennoch keine triviale Entwicklung, sondern das Ergebnis anspruchsvollster IT-Intelligenz. Denn das Zusammenspiel dieser Technologien kann seine Effizienzwirkung nur entfalten, wenn es gelingt, die Komplexität aller beteiligten Prozesse derart zu reduzieren, dass alle Abläufe so schnell und simpel ablaufen können wie nötig, wie sovanta-Vorstand Michael Kern hervorhebt: „Die entscheidende Frage lautet demnach, wie sich bei der Entwicklung mobiler Apps die Komplexität intelligent verbergen und dadurch die Nutzung der Anwendungen vereinfachen lässt.“

Die Entwickler haben längst Wege gefunden, den Nutzer von der Komplexität der Prozesse abzuschirmen. Bei den wohl intelligentesten Ansätzen werden die Steuerungsabläufe von der Infrastruktur abgekoppelt und auf eine eigene, getrennte Ebene verlagert, so dass individuelle Anpassungen und schnelle Prozessveränderungen keinen Eingriff in die Betriebsabläufe erfordern und so in Echtzeit und ohne Störung des Betriebs vorgenommen werden können. Die Komplexität moderner Businesssoftware lässt sich dadurch auf eine tiefere IT-Ebene beschränken, während die Prozesssteuerung auf recht einfache Abläufe (etwa simple Abfragen) innerhalb einer getrennten Anwenderebene umgeleitet wird. Wenig qualifizierte Mitarbeiter können nun Prozesse steuern, für die bisher profundes IT-Wissen erforderlich war – etwa indem sie Materialflüsse mobil überwachen und Daten mit der Business-Software im Backoffice austauschen oder indem sie bei Service- und Wartungsarbeiten Informationen aus den Unternehmensdatenbanken in Echtzeit abrufen und Updates zurück übermitteln. Individuelle Änderungen in den Prozessen können ebenfalls ohne Aufwand und Störung des laufenden Betriebs direkt in neue Transaktionen abgebildet werden.

Höhere Ebene der Produktivität

Welcher konkrete Nutzen sich daraus ergibt, lässt sich am Beispiel der Logistik demonstrieren: Bisher wegen ihrer Komplexität nur Spezialisten offen stehende Prozesse wie etwa die SAP-Welt werden mit Hilfe von App, Smartphone und Cloud-Technologie auch „ganz normalen“ Anwendern zugänglich: Der LKW-Fahrer und der Mitarbeiter an der Rampe eines Logistikunternehmens sind in der Lage, direkt mit dem SAP-System zu kommunizieren, ohne jemals direkten Zugriff auf die diesbezügliche Kernsoftware zu haben und die entsprechenden Datenprozesse zu beherrschen. Aber noch weit dramatischer: In einem Produktionsbetrieb hat beispielsweise ein Sensor der Produktionslinie ein Problem gemeldet, das eine mehrstündige Verzögerung bei der Produktfertigstellung verursachen wird und automatisch die zuständige Prozessebene vorgewarnt. Durch die App-gestützte Vernetzung mit den Partnern gehört aber zu dieser Ebene nicht nur die unternehmensinterne Prozesssteuerung und -verwaltung, sondern auch der Logistikservice-Partner, der die fertigen Produkte an der Rampe abholt. Direkt nachdem er automatisch vom Produktionsstopp informiert worden ist, kann dessen Disponent den betreffenden LKW zu einem anderen Einsatz umdirigieren – ein mehrstündiges unproduktives Herumstehen von LKW und Fahrer an der Rampe wird vermieden.

Ein weiteres Beispiel für die weitreichenden Vorteile der App-Economy sind Lösungen für den Handel, die die Geschäftsprozesse verschiedener Lieferketten (beispielsweise Ladengeschäft und E-Commerce) zu einem Prozess zusammenführen und so die Voraussetzung für erfolgreiche Multi-Channel- oder Cross-Channel-Modelle schaffen. Per Cloud und App lässt sich eine zentrale Stammdatenverwaltung realisieren, die alle Vertriebskanäle konsistent mit Informationen über Filialen, Produkte, Kunden und Fulfillment-Prozesse versorgt. Dies ermöglicht eine einheitliche Lieferstrategie, indem z.B. die Kunden-Bestellungen aus dem Onlineshop an den nächstgelegenen Händler oder die nächste Filiale übermittelt werden. Die online bestellten Produkte lassen sich dann per mobiler Prozesssteuerung auf dem kürzestmöglichen Weg effizient und schnell an die gewünschte Adresse liefern.

Bereits diese wenigen Beispiele machen deutlich, dass Cloud und intelligente Apps das allgegenwärtige Smartphone zur Business-kritischen Infrastruktur erhoben haben: Start-ups und kleine Unternehmen, die sich keine eigene IT-Infrastruktur und kein vertieftes IT-Know-how leisten können oder wollen, sind auf diese Weise in der Lage, ohne lange Anlaufzeiten und großen finanziellen Aufwand individuell gestaltete Geschäftsmodelle anzubieten, deren Prozessvielfalt sonst nur größere Konkurrenten mit ihren IT-Abteilungen bewältigen können. Besonders mittelständische Unternehmen dürften davon profitieren, einfach und schnell neue Geschäftsmodelle umzusetzen oder vorhandene kundenfreundlicher zu gestalten. Smartphone, Apps und Cloud sind das Handwerkszeug für die dynamischen Unternehmen der Zukunft, die alle Kompetenz in den Dienst ihres Geschäftsmodells stellen wollen, ohne erst über die Hürden ausufernder IT-Infrastrukturen springen zu müssen.

Was unternehmensintern beginnt, hat schnell makroökonomische Auswirkungen, wie Claudia Linnhoff-Popien vom Institut für Informatik der Ludwig-Maximilians-Universität in München anmerkt: „Produktivitätssteigerung und Prozessbeschleunigung sind seit jeher Treiber für Wachstum und Wohlstand. Business-Apps schaffen durch die Mobilisierung der Geschäftswelt die Voraussetzungen für bessere und schnellere Abläufe und eine effektivere Nutzung der Arbeitszeit. So leisten sie einen wichtigen Beitrag zur volkswirtschaftlichen Entwicklung.“

Nur: Sie allein schaffen leider überhaupt nichts. Es sind die Wirtschaftsunternehmen in Logistik, Handel, Service oder Produktion, die durch intelligente Nutzung der Technologie und Entwicklung eigener Geschäftsmodelle diese Technologie fruchtbar machen – oder dies eben aus Trägheit versäumen. Denn, wie Philipp Weirauch richtig anmerkt: „Aktiv werden müssen die Unternehmen natürlich schon selbst.“

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