Zukunftsphilosophien: Die Welt wird flach

Die Digitalisierung wird die größte Revolution des 21. Jahrhunderts. Es gilt, die Chancen und Herausforderungen zu erkennen und proaktiv zu managen. Viele Unternehmen sind durch die Digitalisierung aufgeschreckt. Sie hören von der Gefahr neuer Business-Modelle, lesen von Unsummen, die für Start-up-Unternehmen gezahlt werden, obwohl noch kein einziger Euro Gewinn erzielt wurde, befürchten, dass sich ihre Branche im Big Change zu Industrie 4.0 befindet oder durch E-Business ersetzt wird. Unumstößliche Tatsache ist, dass der Angriff auf das Bestehende begonnen hat.

Verzögern oder behindern wir die Nachfrage nach digitalen Diensten, werden in Deutschland auch weniger Start-ups oder bestehende Unternehmen als Anbieter dieser Dienste entstehen. Vielmehr werden sie in aufgeschlosseneren Ländern entwickelt. Neben dem entgangenen wirtschaftlichen Effekt bedeutet dies auch, dass wir die Entwicklung nicht mitgestalten können. Ich bin überzeugt davon, dass in der Digitalisierung der Wirtschaft große Chancen liegen, die es zu nutzen gilt. Erfolgreich wird der sein, der die besonderen Herausforderungen identifiziert und annimmt:

Nur neue Organisations- und Business-Modelle machen Technologie erfolgreich.

Erst die Erfindung der Fließbandorganisation hat der ersten industriellen Revolution durch die Massenproduktion zum Erfolg verholfen. Die Geschäftsprozessoptimierung in den 90er Jahren ließ den Computereinsatz lohnend werden. Personalisierung und Selbststeuerung von Maschinen treiben nun den Nutzen der weiteren Digitalisierung.

Digitalisierung schafft Smart Services. Mit jeder Investition in Digitalisierung wird das Fünf- bis Siebenfache für Organisationsentwicklung und Ausbildung benötigt. Der Zugang zu Leistung wird wichtiger als das Eigentum an den sie erzeugenden Produkten und schafft neue Mobilität. Digitale Dienstleistungen ergänzen und ersetzen materielle Produkte.

Konsumenten werden zu Produzenten. Im Konzept „Open Innovation“ arbeiten Konsumenten durch Vorschläge und frühes Testen an der Entwicklung neuer Produkte mit. Benutzer von Facebook konsumieren und erzeugen Inhalte. Im Internet kann jeder sein eigener Musik- oder Literaturverleger sein.

Big Data ändert Quantität und Qualität. Der Zugriff auf  und die Auswertung von Daten erzeugen neue Möglichkeiten. So wird Sprachübersetzung etwa anstelle der Nutzung komplizierter Regeln durch das Durchsuchen ähnlicher Dokumente statisch betrieben.

Der Innovationsprozess entscheidet. Die Unternehmen werden gewinnen, die nicht nur ihr altes Business-Modell verwalten, sondern „out oft the box“ zu disruptiven Innovationen fähig sind.

Innovator`s Dilemma als Hemmschuh: Ein Risiko für bestehende Unternehmen liegt darin, dass sie zu lange an ihrem alten Geschäftsmodell festhalten, weil sie dessen Kannibalisierung durch Einstieg in ein digitales Geschäftsmodell befürchten.

Die Welt wird flach. Durch die direkte Kommunikation von Personen und Dingen werden immer mehr hierarchische Organisationsstrukturen unterlaufen oder es bilden sich Parallelorganisationen.

„Hybride Konsumenten“ bestimmen den B2C-Markt. Zunehmende Mobilität hat zu einem veränderten Konsumentenverhalten geführt. Die steigende private Verfügbarkeit von mobilen Endgeräten und des Internets verstärken den Trend. Im Ergebnis kann der Handel das „beste Angebot“ nicht mehr fest einem Kunden zuordnen. Situativ bedarfsgerechte Angebote über unterschiedliche Absatzkanäle sind gefragt!

Autor: Prof. Dr. August Wilhelm Scheer (im Bild) ist einer der prägendsten Wissenschaftler und Unternehmer der deutschen Wirtschaftsinformatik und Softwareindustrie. Seine Bücher gehören zu den Standardwerken des Geschäftsprozessmanagements; die von ihm entwickelte Managementmethode ARIS für Prozesse und IT wird in nahezu allen DAX-, vielen mittelständischen Unternehmen und auch international eingesetzt. Zur Förderung des anwendungsorientierten Forschungstransfers hat er 2014 das AWS Institut für digitale Produkte und Prozesse gegründet. Als Unternehmer und Protagonist der Zukunftsprojekte „Industrie 4.0“ und „Smart Service World“ der Bundesregierung arbeitet er aktiv an der Ausgestaltung der Digital Economy. Seit September 2015 ist Prof. Scheer zusammen mit Bundesministerin Prof. Dr. Wanka Vorsitzender der vom BMBF gegründeten IT-Gipfel-Plattform „Digitalisierung in Bildung und Wissenschaft“.

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