Zwei Seiten einer Medaille: Diversity und Innovationskraft

Um neue Ideen generieren, Prozesse optimieren oder Servicedienstleistungen implementieren zu können, benötigen Teams verschiedene Sichtweisen auf unterschiedliche Problemstellungen. Der weiße Mann Mitte fünfzig hat im Regelfall ganz natürlich Schwierigkeiten, sich in die Befindlichkeiten der Generation Y hineinzudenken. Wer noch nie eines der Länder der Emerging Markets besucht und auch keinen Kontakt zu Menschen aus diesen Teilen der Welt hatte, wird den wirtschaftlichen Hunger und Ehrgeiz dieser Menschen nicht verstehen. Wer die Alltagsherausforderungen alleinerziehender Mütter nicht am eigenen Leib erfahren hat, wird ihre Herkules-Aufgabe der Vereinbarkeit von Beruf und Familie nie wirklich wertschätzen können.

Homogenität führt in die Sackgasse: Monokulturen scheitern aus drei Gründen

  • Monokulturelle Teams haben einen eingeschränkten Beobachtungsbereich. Ihnen fehlen unterschiedliche Blickrichtungen auf Probleme, Ideen und Produkte.
  • Monokulturelle Teams haben ähnliche Routinen und Verhaltensmuster und nehmen Dinge daher nur eingeschränkt wahr.
  • Monokulturelle Teams zeichnen sich durch ähnliche Denkstrukturen aus.

In einer Zeit, in der Wandlungsfähigkeit über die Zukunft von Unternehmen entscheidet, in der der globale Wettbewerbsdruck zunimmt, ist eine vielfältige Belegschaft die elementare Grundvoraussetzung für die Zukunftssicherung des eigenen Unternehmens. Eine vielfältige Belegschaft bietet den Nährboden für Innovationen, denn je größer der Reichtum an Lebenseinstellungen, Kenntnissen und Erfahrungen innerhalb der Belegschaft ist, desto größer ist das (kreative) Potenzial, das eine Firma entfalten kann.

Decken Unternehmen innerhalb der Mitarbeiter nicht die gesamte Bandbreite der Bevölkerung ab – sei es in Bezug auf Alter, Herkunft, Religion oder Gender – wächst folglich die Gefahr, dass Innovationspotenzial unentdeckt bleibt und Produkte an den Zielgruppenbedürfnissen vorbei entwickelt werden.

Haribo macht’s vor

Ein hervorragendes Beispiel dafür liefert die Firma Haribo. „Haribo macht Kinder froh – und Erwachsene ebenso“ – das ist der Werbeslogan, der schon seit Jahrzehnten den Verkauf der kunterbunten Goldbären ankurbeln soll – und das bis heute auch sehr erfolgreich tut. Doch, hat Haribo wirklich alle Kinder frohgemacht?

Taucht man in die Produktspezifikation der putzigen Gummibärchen ein, stößt man sehr schnell auf die Hauptzutat der Süßigkeit: Gelatine. Gelatine wird hierzulande im Regelfall aus dem Bindegewebe von Schweinen hergestellt. Nun haben wir in unserer christlichen Werte-Gesellschaft kein Problem mit dem Verzehr von Schweinefleisch. Wohl aber unsere muslimischen Mitbürger, denen es strikt untersagt ist, Produkte vom Schwein zu verzehren.

Mit den damals bestehenden Goldbären-Produkten schloss Haribo konsequent also die Zielgruppe der muslimischen Kinder und Erwachsenen aus. Offensichtlich gab es bei Haribo jemanden, der dieses Problem erkannt hat. 2001 kamen die Gummibärchen nämlich erstmals als Halal-Produkt auf den Markt. Anstelle der Gelatine vom Schwein wurde nun Gelatine vom Rind verwendet. Farbe, Aussehen und Verpackung blieben gleich. Haribos Entscheidung, eine Produktkomponente zu verändern, um tatsächlich „alle Kinder froh“ zu machen, war sicherlich keine altruistische – auch wenn es schön wäre, das anzunehmen. Vielmehr dürfte dahinter betriebswirtschaftliches Kalkül gesteckt haben. Mit der Veränderung nur einer einzigen Produktkomponente konnten Halal-Gummibärchen nämlich nun zusätzlich in weiteren 46 Ländern vertrieben werden. Die potenzielle Käuferzielgruppe wuchs quasi über Nacht um geschätzte 1,6 Milliarden Menschen.

Ob Haribo die muslimischen Märkte erobert hat, kann nur Haribo selbst beantworten – aber an dem Beispiel wird klar, dass es wirtschaftlich sehr interessant sein kann, Produkte unter verschiedenen Diversity-Gesichtspunkten zu betrachten.

Nicht-Denken oder Denken nur in eine Richtung hat wirtschaftliche Folgen

„Wo alle dasselbe denken, wird nicht viel gedacht“, sagte Karl Valentin einst – und hat damit das Problem von Homogenität perfekt auf den Punkt gebracht. Nicht-Denken oder Denken nur in eine Richtung hat wirtschaftliche Folgen. Die Zeitschrift „The Economist“ veröffentlichte vor einiger Zeit das Zitat: „Vergessen Sie Indien. Vergessen Sie China. Haben Sie Respekt vor der größten Weltmacht: den Frauen.“ Frauen stellen weltweit geschätzte 50 Prozent der Gesamtbevölkerung dar. Aus rein wirtschaftlicher Sicht ist nicht sinnvoll, den „Wirtschaftsfaktor Frau“ zu unterschätzen oder aus ökonomischen Top-Entscheidungen herauszuhalten. Das bestätigen renommierte Studien weltweit:

  • Catalyst ermittelte bei einer Analyse der 500 größten börsennotierten Unternehmen in den USA eine bis zu 53 Prozent höhere Eigenkapitalrendite bei Unternehmen mit Frauen an der Führungsspitze.
  • Die Vereinten Nationen fanden heraus, dass Großfirmen mit weiblichen Vorständen 42 Prozent höhere Verkaufsgewinne und deutlich bessere Renditen aus Investitionen erzielen.
  • Die Unternehmensberatung Ernst & Young bestätigte diese Ergebnisse 2012: Unternehmen mit weiblichen Vorstandsmitgliedern haben sich im Zeitraum 2005 bis 2010 bei den Kennziffern „Umsatz“, „Gewinn“ und „Börsenwert“ deutlich besser entwickelt als Unternehmen ohne weibliche Vorstandsmitglieder.
  • Die Studie „Woman Matter“ der Unternehmensberatung McKinsey belegt, dass Firmen mit einem hohen Frauenanteil im Vorstand um 48 Prozent höhere Gewinne erwirtschaften als der Branchendurchschnitt.

Je stärker Frauen in Unternehmensentscheidungen eingebunden werden, umso vielfältiger ist der Ideenpool, aus dem geschöpft werden kann. Diversity Management und Innovationfähigkeit sind zwei Seiten einer Medaille.

Terminhinweis: women&work am 8. Juni in Bonn

Frauen liefern ein enormes Potenzial an Ideen, Kreativität und Innovationskraft und tragen entscheidend zur Wertschöpfung in den Unternehmen bei. Die Zukunftsfähigkeit unserer Wirtschaft und eines jeden Unternehmens hängen nicht nur von den Frauen ab – aber Frauen spielen eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, das gesamte Innovationspotenzial einer Gesellschaft zu nutzen. Denn dieses ist zur Hälfte weiblich.

Auf der women&work, einem Messe-Kongress für Frauen, wird das Thema im Rahmen des Kongress-Forums „Future Management“ aufgegriffen. Im Fokus von Diskussionen und Vorträgen stehen dabei die Themen „Innovation“ und „Zukunft der Arbeit“.

Weitere Informationen zur women&work gibt es unter www.womenandwork.de. Der Messebesuch ist kostenfrei.

  • Melanie Vogel ist Geschäftsführerin der AoN – Agentur ohne Namen GmbH. Ziel der „Andersdenker“ ist es, in den Unternehmen das maximale Innovationspotenzial freizusetzen durch die Förderung von Vielfalt innerhalb der Belegschaft, durch eine zielbezogene Führung und durch eine Unternehmenskultur, die die Potenziale und Talente eines jeden Mitarbeiters gewinnbringend einsetzt und damit die Kreativität und Wertschöpfung des gesamten Unternehmens stärkt. Als Initiatorin der women&work, einem Messe-Kongress für Frauen, wurde die AoN 2012 mit dem Innovationspreis „Land der Ideen“ ausgezeichnet.
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