Der Kunde ist König

Interview

Der Online-Supermarkt MyEnso geht im April online und er hat große Ambitionen: Die Gründer möchten die Branche mit einem genossenschaftlich organisierten Geschäftsmodell revolutionieren, bei dem der Kunde wirklich König ist.

02 2018

e-commerce Magazin 02/2018

Genosse Kunde

➥ Als Amazon im vergangenen Jahr seinen Lebensmittellieferdienst Fresh auch in Deutschland startete, war die Hoffnung groß, dass der Onlinehändler dem zögerlich anlaufenden Segment Leben einhauchen könnte. Groß war aber auch die Sorge der bereits vorhandenen Lebensmittel-Lieferdienste, von dem Ressourcen- und finanzstarken Logistikboliden einfach plattgemacht zu werden. Beide Erwartungen haben sich nicht erfüllt. Am Lebensmittelhandel ging der Onlineboom bislang relativ spurlos vorbei. Der Marktanteil der Online-Bestellungen bei Lebensmitteln liegt nach wie vor bei nur rund einem Prozent.
Zurückhaltend sind derzeit die großen deutschen Handelsketten, was den weiteren Ausbau ihrer Online-Aktivitäten angeht. Beim Vorreiter Rewe stagniert die Zahl der belieferten Regionen schon seit geraumer Zeit. Auch Konkurrent Edeka beschränkt sich bei dem von Tengelmann übernommenen Lieferdienst Bringmeister nach wie vor auf Berlin und München. Und Kaufland hat den im Oktober 2016 mit viel Enthusiasmus gestarteten Testbetrieb Ende 2017 schon wieder eingestellt. Ein Lieferservice im Lebensmittelbereich lasse sich „auf Sicht nicht kostendeckend betreiben“, so die Begründung.
Die logistischen Herausforderungen sind immens, und noch scheint der Konsument nicht überzeugt. Amazon aber wird trotz eines vergleichsweise geruhsamen Ausbaus seines Frische-Angebots weiterhin einen langen Atem bewahren. Schließlich kann es sich das Unternehmen leisten, mehrere Jahre auf Profite zu verzichten, um sich die künftige Marktführung zu sichern. Bislang ist Amazon Fresh nur in Berlin, Hamburg und München verfügbar. Doch wuchs die Zahl der angebotenen Artikel immerhin von etwa 85.000 beim Start in Berlin auf inzwischen mehr als 300.000 in München.
Angesichts der schleppenden Nachfrage und mit einem scheinbar übermächtigen Gegner wie Amazon einen Online-Supermarkt zu eröffnen, erscheint ein gewagtes Unterfangen. Zum April startet der Online-Supermarkt MyEnso seinen Testbetrieb mit vorerst 25.000 Produkten. 100.000 sollen es bis Ende 2019 werden. Das Rezept von MyEnso? Konsequente Kundenzentrierung bis hin zur Beteiligung der Käufer in einem Genossenschaftsmodell. Der Konsument bestimmt darüber, welche Produkte gelistet werden sollen, und er gibt auch vor, wie er online einkaufen will. Nämlich genauso wie im Supermarkt vor Ort. MyEnso hat es sich deshalb zum Ziel gesetzt, typische Einkaufsabläufe auch online abzubilden.
Ob das Geschäftsmodell aufgeht? Zumindest die Nachfrage insgesamt scheint größer zu werden. Über 40 Prozent der Deutschen wollen in den kommenden zwölf Monaten Lebensmittel online einkaufen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Befragung von 1.000 deutschen Konsumenten durch die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC. Das Online-Lebensmittelsegment wird mittelfristig, davon sind die Consulter überzeugt, Erfolg haben. Ob sich hier der längere Atem oder die bessere Kundenzentrierung auszahlen werden, wird sich zeigen.
Apropos Kundenzentrierung:
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