Ausländische Arbeitnehmer in Deutschland: Modernen Mythen auf den Zahn gefühlt

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Ausländische Arbeitnehmer in Deutschland: Modernen Mythen auf den Zahn gefühlt

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Die Marktforscher von TNS Emnid erfragten im Mai 2012 für SAS Institute, wie es um die Beteiligung der ausländischen Arbeitnehmer und Unternehmer und ihren Beitrag zur deutschen Wirtschaft steht. Nahezu jeder vierte Beschäftige ein Ausländer? Im Durchschnitt, so glauben die über 1.000 Befragten, beträgt der Anteil ausländischer Arbeitnehmer in Deutschland knapp 23 Prozent (22,9 Prozent). Hierbei weichen die Ansichten zwischen Ost und West und zwischen den Altersklassen von 14 Jahre bis über 60 Jahre nicht besonders weit voneinander ab. Frauen liegen in ihren Schätzungen (27,0 Prozent ) etwas höher als der Durchschnitt; Männer bleiben darunter (19,3 Prozent).

In welchen Wirtschaftszweigen arbeiten ausländische Arbeitnehmer?

Bei der Frage nach der Verteilung der ausländischen Arbeitnehmer auf die verschiedenen Wirtschaftszweige ergeben die Antworten ein bis auf wenige Ausnahmen stabiles Bild, unabhängig von Wohnort, formaler Bildung oder Alter der Befragten: Auf jeweils etwa 25 Prozent schätzt der Durchschnitt der Befragten den Anteil der ausländischen Arbeitnehmer im Handel beziehungsweise im Dienstleistungssektor. Interessanterweise glaubt knapp ein Zehntel von ihnen, dass nahezu jeder zweite Ausländer im Sektor Dienstleistungen tätig ist. In der Industrie vermuten die Teilnehmer der Umfrage ziemlich genau ein Drittel der ausländischen Arbeitnehmer. Den Anteil ausländischer Unternehmer an der Gesamtunternehmerschaft in Deutschland geben die Befragten mit etwa 20 Prozent an, wobei Jüngere bis 29 Jahre tendenziell den Anteil etwas höher schätzen (+4 Prozentpunkte), Ältere über 60 Jahre etwas geringer. Von kuriosem Interesse wiederum sind die acht Prozent der Befragten, die in jedem dritten oder gar zweitem Unternehmer einen Ausländer vermuten. Den anderen Pol der Befragung machen dann die fast 30 Prozent der Umfrageteilnehmer aus, die nur zehn Prozent oder weniger ausländische Unternehmer unter allen Unternehmern in Deutschland erkennen.

Ausländische Unternehmer nach Wirtschaftszweigen

Sollten die Befragten einschätzen, in welchen Wirtschaftszweigen die ausländischen Unternehmer tätig sind, so ergab sich kein grundsätzlich anderes Bild als bei der Verteilung der Arbeitnehmer: Ein Viertel der Unternehmer wird im Dienstleistungssektor vermutet, ein Fünftel in „Sonstiges“. Lediglich die Gewichte zwischen Industrie und Handel sind gegenüber der vermuteten Verteilung der Arbeitnehmer vertauscht: So wird jeder dritte ausländische Unternehmer im Handel vermutet, etwas mehr als jeder Fünfte im Sektor Industrie.

Wie viel tragen ausländische Arbeitnehmer und Unternehmer zum deutschen Bruttoinlandsprodukt bei?

Wie groß aber, glauben die Befragten, ist der Beitrag, den ausländische Arbeitnehmer und Unternehmer zum Bruttoinlandsprodukt in Deutschland leisten? Der Durchschnitt der Antworten geht von einem Anteil des Beitrags ausländischer Unternehmer und Arbeitnehmer in Höhe von 24 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts aus. Da der Anteil der ausländischen Arbeitnehmer im Durchschnitt mit 23 Prozent und der Anteil der ausländischen Unternehmer mit 20 Prozent geschätzt werden, vermuten die Befragten offenbar eine sehr hohe Produktivität der Ausländer, wenn ihnen ein überproportionaler Beitrag zur Wirtschaftsleistung zugeschrieben wird.

Wie haben die Befragten denn die Begriffe ‚beschäftigte und selbstständige Ausländer‘ spontan verstanden? Ist der türkische Industriearbeiter im Ruhrgebiet gemeint, der selbstständige griechische Gemüsehändler mit dem frischen Angebot um die Ecke? Ist an den spanischen EU-Bürger gedacht worden, der im Rahmen der EU-Freizügigkeit in Deutschland arbeitet – oder an den ‚Expatriate‘ asiatischer oder US‐amerikanischer Unternehmen in Deutschland? Haben die Befragten Unternehmen in ausländischem Besitz intuitiv mit eingerechnet? Wenn ja, nur Flaggschiffe, wie HP, Microsoft, Toyota, Vattenfall und viele andere mehr, oder auch die vielen kleinen Unternehmen, die zum Beispiel in den grenznahen Bereichen Nordrhein-Westfalens von Belgiern oder Niederländern geführt werden? Die Tücke der Fragestellungen wird nun offensichtlich.

Anteil ausländischer Arbeitnehmer: Um mehr als das Doppelte überschätzt

Im Grunde geht es hier um die Erwerbstätigen, von denen es laut dem Mikrozensus (2010) 36,9 Millionen gibt, darunter 3,3 Millionen Ausländer: etwa 1,4 Millionen EU-Bürger und 1,9 Millionen sonstige erwerbstätige Ausländer. Dies entspricht insgesamt einem Anteil von 8,9 Prozent an den Erwerbstätigen.

Halten wir fest, dass der in der Umfrage ermittelte Meinungswert von 22,9 Prozent mehr als doppelt so hoch ist wie die nach unterschiedlichen Abgrenzungskonzepten, amtlich ausgewiesenen Quoten.

Ausländische Arbeitnehmer in Wirtschaftszweigen

Wie sieht es nun mit der Realitätsnähe der Einschätzung über die Verteilung ausländischer  Arbeitnehmer auf die verschiedenen Wirtschaftszweige aus? Im Groben haben die Befragten die reale Verteilung gar nicht so schlecht getroffen. Wird unter „Industrie“ Verarbeitendes Gewerbe und Bau verstanden, ist die 30-Prozent-Marke erreicht. Wirtschaftliche und sonstige Dienstleistungen erreichen real 22,8 Prozent. Beide Werte liegen nicht fern der Schätzung. Nur beim Handel überzeichnet die Meinungsumfrage um fast das Doppelte gegenüber den tatsächlichen 12,5 Prozent.

Ausländische Unternehmer in Deutschland

Das Statistische Bundesamt erfasst Selbstständige unter anderem im ‚Mikrozensus‘. Demnach lag die Quote selbstständiger Ausländer in Deutschland 2008 bei etwa zwölf Prozent an allen Selbstständigen. Ein Wert, der in der Größenordnung auch durch eine Arbeit der Universität Mannheim und des Instituts für Mittelstandsforschung bestätigt wird. Deutlich darüber liegt der mittlere Wert der Meinungsumfrage von 19,6 Prozent. Also überschätzen die Befragten den Anteil der ausländischen Unternehmer ebenso wie den der unselbstständig Beschäftigten.

Ausländische Selbstständige in den Wirtschaftszweigen: Handel, Dienstleistungen und Gastgewerbe dominieren

Für die Verteilung der ausländischen Unternehmer über die verschiedenen Wirtschaftszweige konnten – nicht zuletzt wegen der erwähnten statischen Erfassungsprobleme – nur wenige statistische Anhaltspunkte ermittelt werden, die die Meinungsumfragewerte widerlegen oder bestätigen.

Die Schwerpunkte einer regionalen Stichprobe im Rheinland über Kleingewerbetreibende lassen auf Schwerpunkte ihrer unternehmerischen Tätigkeit im Dienstleistungssektor (circa 27 ) und dem Handel (circa 27 Prozent ) schließen; auch das Gastgewerbe (16 Prozent ) war unter den bevorzugten Professionen, gefolgt vom Baugewerbe (11 Prozent ).

Mit der Einschätzung des Anteils im Handel lagen die Befragten demnach etwas zu hoch; mit den Dienstleistungen fast auf den Punkt richtig und mit dem Schätzanteil für die Industrie deutlich abseits. Aber: Eine bundesweite Überprüfung könnte anderes ergeben.

Der Beitrag zur Wirtschaftsleistung

Bei einer Quantifizierung des Beitrages ausländischer Arbeitnehmer und Unternehmer zum Bruttoinlandsprodukt in Deutschland wird es nun ganz besonders schwierig. Das Bruttoinlandsprodukt ist definitionsgemäß die Summe der produzierten Güter und Dienstleistungen einer Volkswirtschaft plus einiger Abzüge und Vorleistungen, die nur Statistiker der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung interessieren. Aber einem frisch produzierten BMW, Mercedes oder Volkswagen sieht man nicht an, welcher Anteil Arbeitsleistung ausländischer Arbeitnehmer in ihm steckt. Und eindeutige statistische Ausarbeitungen gibt es anscheinend nicht zu diesem Thema.

Fazit

Offensichtlich ist, dass Ausländer wesentlich zum Funktionieren und zur Leistungsfähigkeit etlicher Wirtschaftsbereiche in Deutschland beitragen: aus Automobilbau, Gesundheit und Pflegebereich sowie Gastronomie sind ausländische Arbeitskräfte nicht wegzudenken. Um die zehn Prozent der Studenten und Mitarbeiter an Universitäten in Deutschland sind Ausländer; wie sollte eine internationale Einbindung auch sonst funktionieren? Und um mit einem Mannschaftsbild abzuschließen, in der Fußballbundesliga waren 2011/2012 fast die Hälfte aller Spieler Ausländer.

Manchmal lässt sich der Beitrag einer einzelnen Gruppe zum Erfolg nicht exakt messen, wie etwa durch Siegtore. Dennoch spielt die ganze Mannschaft mit. Alle Arbeitnehmer und Unternehmer tragen zum Bruttoinlandsprodukt bei.

‚‚Opinion & Facts“ ist eine mehrmals jährlich erscheinende Publikation, herausgegeben von SAS Deutschland. SAS ist Software-Hersteller und Anbieter von Business-Analytics-Lösungen. „Opinion & Facts“ hinterfragt „moderne Mythen“ der Geschäftswelt.

 

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