Digitale Barrierefreiheit: Diesen Fehler machen immer noch die meisten Onlinehändler

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Digitale Barrierefreiheit: Diesen Fehler machen immer noch die meisten Onlinehändler

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Barrierefreiheit als ungeliebte Pflicht – sogar E-Commerce-Unternehmen sehen das oft als Extra-Job, der nur Geld kostet. Was viele dabei übersehen: eine barrierefreie Website erschließt ein interessantes Kundenpotenzial und der Weg dorthin bringt bessere User Experience und damit zufriedenere Kunden.
Digitale Barrierefreiheit

Quelle: Eficode

Ronja P. sieht nichts. Absolut nichts. Gerade deshalb wird sie als Geheimwaffe für manche Kundenbeziehungen gehandelt. Sie ist Tester für digitale Barrierefreiheit beim finnischen IT-Spezialisten Eficode. Ronja P. kommt ins Spiel, wenn alle automatischen Tests durchgelaufen sind, wenn andere sich zurücklehnen und sagen „der Job ist getan“. Und garantiert findet sie einiges, was die Unternehmen unbedingt noch machen müssen. Sorgen muss sie sich keine machen, dass ihre Dienste irgendwann nicht mehr gefragt sind, im Gegenteil. Digitale Barrierefreiheit rückt langsam aber stetig auf der Agenda der Unternehmen nach oben.

Gründe für digitale Barrierefreiheit

Covid-19 hat viel Aktivität ins Web wandern lassen. Prozesse, die im direkten Kontakt kein Problem waren, sind in der virtuellen Welt auf einmal zur Hürde für manche Kunden und Mitarbeiter geworden. Plötzlich erleben immer mehr Menschen, was für Ronja P. und einige ihrer Kollegen Alltag ist. Ein Beispiel: Video Conferencing statt Meetings oder direkter Beratung. Doch nicht alle Anbieter unterstützen in der kostenlosen Version Untertitel für Webinare – gehörlose Nutzer müssen zahlen.

Auf Webseiten sind wichtige Grafiken oder Bilder nicht oder mangelhaft mit Text für den Screen Reader hinterlegt. Online-Präsentationen lassen sehbehinderten Menschen selten eine Chance, die bildlastigen Folien zu verstehen. Covid-19 hat deutlich gemacht, wie viele Websites weder barrierefrei noch benutzerfreundlich sind. Einer Studie von Deque zufolge gaben 83 % der befragten Barrierefreiheits-Experten an, dass COVID-19 die Bedeutung digitaler Kanäle für ihre Organisation erhöht hat. Dies scheint besonders in den Branchen Logistik, Public, Bildung, Behörde, Gesundheitswesen & Pharmazie und Non-Profit-Organisationen der Fall zu sein. Aber auch im Einzelhandel und langlebige Konsumgüter haben die Bedeutung erhöht.

Doch auch der Gesetzgeber erhöht die Ansprüche. In Deutschland verpflichtet das Behindertengleichstellungsgesetz sowie die Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV 2.0) die öffentliche Hand zur Barrierefreiheit. Gegenüber der Privatwirtschaft war Deutschland lange Zeit großzügiger – und so Europaweit oder sogar weltweit ins Hintertreffen geraten. EU-Vorgaben ändern das gerade. So soll die EU-Richtlinie 2016/2102 zur Barrierefreiheit von Websites, die für Behörden bereits seit September 2020 (für Apps seit Juni 2021) gilt, in den kommenden Jahren auf immer mehr Branchen ausgedehnt werden. Beide Gesetzesvorgaben basieren auf den Web Content Accessibility Guidelines (WCAG 2.2 AA), den internationalen Standards des World Wide Web Consortiums.

Digitale Barrierefreiheit
Ronja p. ist Tester für digitale Barrierefreiheit beim finnischen IT-Spezialisten Eficode. Bild: Eficode

Vorbild Handel?

In Bezug auf Barrierefreiheit hatte der Handel bereits vor Corona die Nase vorn. Kein Wunder, denn Menschen mit (oft auch nur vorübergehenden) Einschränkungen sind eine wichtige Klientel, das aufgrund der demografischen Entwicklung in den Industrienationen signifikant wächst. (Laut dem Statistischen Bundesamt lebten 2019 über 10 Millionen schwer und leicht behinderte Menschen in Deutschland – und in dieser Zahl sind Menschen mit leichten oder vorübergehenden Beeinträchtigungen nicht enthalten.) Ein weiterer Vorteil: der Blick auf Barrierefreiheit schärft auch die Wahrnehmung für die generelle User Experience. Auch der Druck der großen Onlineretailer zwang den Handel früh, zu investieren, wo andere Branchen vielleicht noch zögern.

Dennoch ist aber auch hier digitale Barrierefreiheit keine Checkbox, die man einfach abhakt. Viele Projekte starten mit einem Routinecheck und im Zuge dieser Überprüfung zeigt sich nicht nur Handlungsbedarf, sondern auch ein Potenzial im Bereich User Experience. Hier liegen Chancen brach, die nicht nur zu verbessertem Webdesign sondern insgesamt zu mehr Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit führen.

Digitale Barrierefreiheit in Deutschland: Zu viel Augenmerk auf dem Backend

Es beginnt also häufig mit einem grundlegenden Test. Ronja P. und ihre Kollegen finden oft auch Lücken bei Websiten von Retailern. Sie testen grundsätzlich zunächst mit automatisierten Tools. Diese identifizieren klassische Schwachstellen wie Bilder ohne Alt-Text, Formulare ohne Beschriftung, falsche Überschriftenstruktur, schlechte Farbkontraste oder falscher Einsatz von ARIA (Accessible Rich Internet Applications). Doch bereits hier geht es nicht ohne manuellen Einsatz etwa bei der Prüfung im Code, ob Alt-Text das Bild korrekt beschreibt und das Bild zu Recht als dekorativ deklariert ist. Oder ob Überschriften in der Dokumentenstruktur richtig zugeordnet sind. Manuelles organisiert das Eficode-Team über Checklisten: Während die Kollegen versuchen, ob nur mit Keyboard navigiert werden kann, sucht Ronja P. beispielsweise nach fehlendem oder falschem Alternativ-Text und findet über den Screen Reader (sie nutzt VoiceOver für Mac oder Jaws bzw. NVDA für Windows) auch schnell Probleme im strukturellen Aufbau.

Eines wird bei den umfassenden Prüfungen immer wieder deutlich: In Deutschland liegt zu viel Augenmerk auf dem Engineering-intensiven Backend. Kundenkontaktpunkte arbeiten meist „irgendwie“: Das Frontend mit seinem Schwerpunkt auf Design und User Experience kommt zuweilen zu kurz. Ein weiteres Problem: Die deutsche Sprache tendiert zur Komplexität. Nominalstil, Fremdwörter und Schachtelsätze machen nicht nur Ausländern zu schaffen. Selbst wenn es Unterseiten mit Leichter Sprache für die immer mehr Menschen mit Lern- oder kognitiven Behinderungen gibt, werden sie oft weniger gepflegt als die „normale“ Website. Checklisten alleine reichen nicht, denn die Bandbreite der Probleme macht es schwierig, allgemeingültige Designregeln zu erstellen. Vielmehr ist Flexibilität gefragt. Benutzer haben eigene Vorlieben und Bedürfnisse und das Design muss sich auch an viele verschiedene Geräte anpassen lassen.

Digitale Barrierefreiheit
Bild: Eficode

Inklusion beginnt im Kopf: Digitale Barrierefreiheit ist eine Haltung

Vor dieser Bandbreite an Anforderungen schrecken manche zurück. Schade, denn das Augenmerk auf Barrierefreiheit hilft auch dem gesunden Anwender: Geschlossene Untertitel helfen allen Menschen, das gesprochene Wort trotz Akzent oder Nuscheln zu verstehen. Gute Kontraste und eine klare Struktur helfen nicht nur Sehbehinderten, sie tragen insgesamt zur Benutzerfreundlichkeit bei.

Doch Webseitendesigner und -programmierer befassen sich eher mit allem was funktional ist, gut aussieht oder im Trend liegt. Selten sind sie wirklich vertraut mit Behinderungen oder Einschränkungen. Kein böser Wille, sicherlich, Barrierefreiheit ist einfach nicht auf dem Radar – oder man verlässt sich blind auf Tools, die sie angeblich sicher stellen. Aber gerade in der Design- und Entwicklungsphase wären Usertests mit behinderten Menschen in ihrer normalen Umgebung und mit ihren vertrauten Computergeräten essenziell.

Um digitale Barrierefreiheit wirklich sicher zu stellen, braucht es Aufmerksamkeit – und die kommt nicht von alleine. Designer und Developer müssen trainiert werden, brauchen Leitlinien und vor allem brauchen Sie Verständnis für Behinderungen. Das lernen sie im direkten Umgang am schnellsten – so die Erfahrung von Ronja P. und dem Eficode UX Research- und Accessibility-Team. Sie wissen aus ihren Accessibility Academy-Trainings, dass Kunden, die einmal direkt mit einem der Tester gearbeitet haben, in Zukunft wesentlich aufmerksamer sind, was Faktoren wie Struktur, Inhalte, Gestaltung oder Farben /Kontraste angeht.

Ronja P. weiß: Digitale Barrierefreiheit ist eher eine Haltung, ein Prozess, der ständig geübt werden muss. Macht man es aber von Anfang an richtig, dann ist es keine Mehrarbeit. Das gilt für alle Gruppen, Designer, Entwickler, Texter und Content-Ersteller, aber auch auf das Management. Denn wer erkannt hat, dass Barrierefreiheit in letzter Konsequenz auch eine Verbesserung der User Experience bedeutet, der wird versuchen, wirklich alle seiner (potenziellen) Anwender optimal zu bedienen.

Lesen Sie auch: Conversational Commerce – Wie Onlinehändler den neuen Trend optimal nutzen.

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