E-Commerce zwischen Trump und Brexit

Superwahljahr in Europa, bevorstehender Brexit und ein Tiraden twitternder US-Präsident – die damit einhergehenden Turbulenzen haben auch mögliche Konsequenzen für den E-Commerce. Doch das Geschäftsklima ist deutlich positiver und eröffnet Shop-Betreibern attraktive Möglichkeiten.

►„La République en Marche!“ Eine ganze Bewegung hat Frankreichs etablierte Politik aus den Angeln gehoben. Nach einem deutlichen Sieg bei den Präsidentschaftswahlen und einer klaren Mehrheit innerhalb der Nationalversammlung kommt es jetzt darauf an: Kann Emmanuel Macron das Land reformieren? Auf der anderen Seite des Kanals steht der Brexit auf der Tagesordnung. Die nicht vorhersagbare Aufholjagd des Labour-Chefs Jeremy Corbyn hat den regierenden Tories die Mehrheit im britischen Unterhaus gekostet. Damit werden die Verhandlungen mit der EU nicht leichter.

Und die Situation am anderen Ende des großen Teichs lässt erahnen: Seit Jahrzehnten war die Bezeichnung „Vereinigte“ Staaten von Amerika nicht mehr so unpassend.Trotz solcher Unsicherheiten können Shop-Betreiber und Online-Händler zuversichtlich in die Zukunft blicken. Denn eine ganze Reihe von Indikatoren befeuert das Stimmungsbarometer des E-Commerce. Die Chancen sind aber nicht nur auf das eigene Land beschränkt: Wer als Händler den Schritt über die Grenze wagt, auf den warten zahlreiche Umsatzmöglichkeiten.   

Goldrausch im Online-Handel

Obwohl die Eurokrise die Wirtschaft in Europas Süden weiterhin belastet, boomt hier der E-Commerce. Laut Bericht des spanischen Wirtschafts- und Sozialrates wuchs der Umsatz im elektronischen Handel 2016 insgesamt um 23,3 Prozent. Das hat auch Auswirkungen auf die Stimmung der Online-Händler: Fast 90 Prozent der spanischen Online-Shops erwartet in diesem Jahr ein weiteres Umsatzplus. Beeindruckend sind ebenfalls die Zahlen aus dem Land des „Dolce Vita“. In Italien generierte der E-Commerce 2016 ein Umsatzvolumen von 19,6 Milliarden Euro – ein Plus von 19 Prozent im Vergleich zu 2015.

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Deutschland ist der wichtigste europäische Zukunftsmarkt für US-amerikanische Marken bei der Ausweitung ihrer E-Commerce-Geschäfte. Quelle: Arvato

Und auch der Rest Europas wächst kräftig: Der Verband E-Commerce Foundation prognostiziert in seinem jüngsten Europareport eine Steigerung von zusammen 13,62 Prozent für 2017. Damit würde zum ersten Mal die Grenze von 600 Milliarden Euro Umsatz auf dem alten Kontinent geknackt werden. Besonders interessant: Osteuropa – Bulgarien, Rumänien, Ukraine und Russland – liegt trotz des Konflikts zwischen der Ukraine und Russland mit einem Plus von 16 Prozent nur zwei Prozent hinter dem Wachstumsspitzenreiter Südeuropa mit Portugal, Spanien, Italien, Griechenland, Türkei, Kroatien, und Malta.  

Die Föderation im Kaufrausch

Gerade das Beispiel Russland zeigt, welche Durchsetzungskraft der E-Commerce mitunter entwickelt. Zwischen Ukraine-Konflikt, Syrien-Intervention, Vorwürfen der Wahlbeeinflussung in den USA und einer im besten Falle wirtschaftlichen Stagnation erscheint der E-Commerce den Russen als ein Anker der Stabilität. Nach einem zunächst erheblichen Wachstumseinbruch auf insgesamt nur noch plus 6,6 Prozent (plus 31 Prozent ein Jahr zuvor) im Zeitraum zwischen 2014 und 2015, hat sich der elektronische Handel wieder deutlich erholt. So meldet die Branchenvereinigung der russischen Online-Händler für 2016 ein Wachstum von erstaunlichen 20 Prozent bei einem Volumen von insgesamt 920 Milliarden Rubel (rund 13,25 Milliarden Euro). Derzeit zählt der E-Commerce innerhalb der russischen Föderation laut des Suchmaschinen- und Online-Portal-Betreibers Yandex rund 29 Millionen Konsumenten – Tendenz steigend. Im Verlauf hat sich auch das begehrte Sortiment gewandelt: Waren bis Ende 2014 Elektronikartikel noch ganz oben auf der Wunschliste, kaufen die Russen mittlerweile verstärkt auch Möbel, Haushaltswaren und Kinderprodukte im Internet ein. Das Hauptargument: der Preis! Der heimische Markt reicht vielen russischen Online-Shoppern dabei schon lange nicht mehr. Laut E-Commerce Foundation betreiben fast Zwei Drittel (62 Prozent) der Kunden Crossborder-Commerce. Doch wer schafft es am ehesten, das Interesse der russischen Kunden zu erregen? Es ist nicht etwa Europa, sondern China!

Tatsächlich zeichnete die Volksrepublik 2016 verantwortlich für 80 Prozent des grenzüberschreitenden Online-Handels mit der russischen Föderation, so die Untersuchung „E-Commerce in Russia“ von East-West – Digital News. Damit haben Chinas Onlinehändler – vorneweg der Marktplatzriese Alibaba – ganz klar eine Monopolstellung bei Russlands Kunden.
China drängt mit Macht nach Europa

Auch die Kunden aus Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland kaufen neben dem Vereinigten Königreich am liebsten in China ein. Das geht aus dem Jahresbericht „E-Com­merce in the Nordics 2017“ von PostNord hervor. Demnach bezieht mehr als ein Drittel der skandinavischen Kunden regelmäßig Waren aus dem Ausland. Der Crossborder-Anteil am Gesamtumsatz im dortigen Online-Handel betrug 2016 rund 25 Prozent – oder 5,4 Milliarden Euro.

  Die Bereitschaft der Kunden, über das Internet weltweit einkaufen zu gehen, scheint stetig zu wachsen. Das gilt nicht nur für Russland oder die Skandinavier. Auch für die Menschen in der „kommunistischen“ Volksrepublik hat ein voller Warenkorb seinen Reiz. Chinas Bevölkerung gibt mittlerweile mehr im Online-Handel aus als Amerikaner und Briten zusammen: Laut einer Untersuchung der Boston Consulting Group kauften die Chinesen in 2016 Waren im Wert von 750 Milliarden US-Dollar – bei Wachstumsraten von 20 Prozent pro Jahr!

Deutschlands Online-Händler  

Auch die Deutschen kaufen gerne im Ausland ein, so die Erkenntnisse der E-Commerce Foundation: Ein Fünftel der Kunden kauft regelmäßig bei Online-Händlern außerhalb der Bundesrepublik. Im Einzelfall hat über die Hälfte (56 Prozent) der deutschen Online-Shopper sich schon einmal über die eigene Landesgrenze getraut, sagt eine Studie von Pitney Bowes. Zudem wird die Bundesrepublik als Markt immer interessanter – gerade für Anbieter aus den USA. Ein Drittel der führenden US-Unternehmen plant, seine Präsenz in Deutschland stärker auszuweiten. Das ergab die Umfrage „Internationalizing Your Brand in 2017“, die im Auftrag von Arvato unter 200 Entscheidungsträgern von US-Firmen durchgeführt wurde (siehe links).
Im internationalen Vergleich stehen Deutschlands Online-Händler bereits ziemlich gut da: Während China mit 26 Prozent Bestellungen aus dem Ausland dominiert und die USA mit 16 Prozent auf Platz zwei folgen, teilen sich deutsche Händler mit denen aus Großbritannien zu je 15 Prozent den dritten Platz. Soweit die Studie „Cross-Border E-Commerce Shopper Survey 2016“ der International Post Corporation, an der mehr als 24.000 Befragte teilnahmen. Gerade als Exportüberschussweltmeister sollte im Falle von Deutschland klar sein, dass die heimischen Online-Händler noch lange nicht ihr volles Potenzial abgerufen haben. Ein Hindernis ist etwa, dass Shop-Betreiber hierzulande nur sehr selten ihre Payment-Optionen um die Präferenzen anderer Länder erweitern. So bieten laut Studie des ECC Köln über zwei Drittel der deutschen Onlinehändler auch Kunden aus dem Ausland den immer nur gleichen Payment-Mix an. Hier wäre also noch etwas zu tun.

Bremsen los und Gas geben

Wer die aktuelle Nachrichtenlage verfolgt, könnte der Versuchung erliegen, für die Zukunft allzu schwarzzusehen. Doch die Prognosen für den grenzüberschreitenden E-Commerce weisen deutlich nach oben: Laut einer Studie von DHL Express soll der weltweite Bruttowarenwert im Jahr 2020 rund 900 Milliarden US-Dollar erreichen. Eine McKinsey-Studie geht für dasselbe Jahr noch weiter. Demnach soll der weltweite Umsatz im Crossborder-Commerce auf bis zu eine Billion US-Dollar anwachsen. Unter diesen Bedingungen begingen Händler einen Fehler, sollten sie sich zurückziehen. ║

Michel Racat ist Gründer von BeezUP. Seit 2009 hat sich das Unternehmen auf den Verkauf im E-Commerce spezialisiert. Der Fokus liegt dabei auf Marktplätzen und Preisvergleichsportalen.

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