Erfolg des mobilen Internets setzt Telekomindustrie unter Druck

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Deutsche Mobilfunk- und Festnetzbetreiber haben eigentlich ein Luxusproblem: Durch die rasante Digitalisierung fast aller Lebensbereiche werden sie von der Nachfrage der Verbraucher und Unternehmen nach konstantem und universellem Internetzugang, Anwendungen und Inhalten geradezu überrollt.

Die neue „Always On“-Mentalität der Kunden  lässt den Internetverkehr und das Datenaufkommen im Festnetz- und Mobilfunkbereich bis 2015 mindestens um mehr als den Faktor zwei anwachsen und lasten die Netze voll aus. Alleine im vergangenen Jahr sind die Mobilfunkminuten in den europäischen Netzen um rund  sechs Prozent gewachsen. Der notwendige Aus- und Aufbau geeigneter Festnetz- und Mobilfunk-Infrastruktur wird in Deutschland Investitionen von rund 38 Milliarden Euro bis 2015 erfordern.

Gleichzeitig verursachen sinkende Preise und vor allem der starke Regulierungsdruck bei den Netzbetreibern spürbare Ertragsrückgänge im Kerngeschäft in der Größenordnung von einem Prozent. Es ist gerade die regulierte Senkung der mobilen Terminierungsentgelte in den vergangenen drei Jahren um 60 Prozent, die den Netzbetreibern zu schaffen macht. 2011 steht eine weitere Absenkung um 50 Prozent an. Durch diese Preiserosion reduzieren sich die Umsätze in diesem Bereich voraussichtlich um 47 Prozent von 2,4 Milliarden Euro auf 1,3 Milliarden Euro.

Insgesamt verlieren die Mobilfunkanbieter im ehemaligen „Kerngeschäft Sprache“ in Deutschland binnen fünf Jahren jährliche Umsätze von drei Milliarden Euro.

Der positive Effekt: Der enorme Nachfrageschub führt zu einer annähernden Verdopplung der Umsätze mit mobilen Datendiensten von 5,6 Milliarden Euro in 2010 auf 10,6 Milliarden Euro in 2015. Zudem schaffen der Absatzboom bei Smartphones und Tablet-PCs sowie entsprechende Tarife und Anwendungen neue Wachstums- und Ertragspotenziale. Alleine in diesem Jahr setzen die Endgerätehersteller im deutschen Markt voraussichtlich zehn Millionen Smartphones ab. Deren Besitzer laden sich für 350 Millionen Euro über 100 Millionen kostenpflichtige Anwendungen aus den App Stores herunter. Während der Markt für konventionelle PCs in Westeuropa bis 2014 jährliche Wachstumsraten von 7,8 Prozent verzeichnet, wachsen der Smartphone- und der Tablet-PC-Markt im gleichen Zeitraum mit 16,3 Prozent bzw. 61,5 Prozent pro Jahr deutlich dynamischer.

Das sind die zentralen Ergebnisse der aktuellen Analyse „Zukunft der Telekommunikation“. Diese stellt die internationale Strategieberatung Booz & Company im Vorfeld des GSMA Mobile World Congress 2011 vor.

Cloud-Computing erfordert Bandbreite und Investitionen

„Die Netze kommen aktuell durch das exponentiell wachsende Datenaufkommen an die Grenze der Belastbarkeit. Daraus ergibt sich für die Telekommunikationsnetzbetreiber ein gewaltiger Investitionsdruck für LTE- und Glasfaserinfrastruktur, um die Datenvolumina ohne Engpass und mit weiter zunehmender Geschwindigkeit bewältigen zu können“, so Dr. Roman Friedrich, Partner und Telekommunikationsexperte bei Booz & Company.

„Alleine der Ausbau der Netze mit Glasfasertechnologie wird in den nächsten fünf Jahren 34 Milliarden Euro verschlingen. Das entspricht dem gesamten Telekommunikationsumsatz mit klassischen TK-Diensten im Jahr 2015.“ Die weiteren regulatorischen Maßnahmen erfordern vor diesem Hintergrund besonderes Augenmaß, sonst steuert die Branche auf eine gravierende Krise zu.

Darüber hinaus verdeutlicht die Booz-Analyse: Netzwerke, Dienstleistungen und Technologien haben sich in den vergangenen fünf Jahren rasend schnell weiterentwickelt. „Die Modularität der Technologie ist ein wesentlicher Trend in der gesamten europäischen Telekommunikationsindustrie. Wir registrieren eine Entwicklung weg von der vertikalen Integration hin zu modularen, offenen Systemen.

Der Siegeszug des Cloud-Computing und die Digitalisierung weiterer Industriezweige wirken als zusätzlicher Katalysator für die Nachfrage nach Konnektivität und ICT-Infrastruktur“, so Friedrich. „Telcos sind hervorragend positioniert, um von dem bevorstehenden Nachfrageboom nach virtuellen Servern, Speichern und Anwendungen sowie der dafür notwendigen Infrastruktur zu profitieren.“ So können Anbieter von Rechenkapazität, Datenspeicher-, Software- und Programmierumgebungen als Service für die Rechnerwolke jährliche Umsatzsteigerungen zwischen 34 Prozent und 55,5 Prozent erzielen.

Langfristige Wachstumschancen in benachbarten Industrien

Kaum eine andere Industrie durchläuft derzeit einen so gravierenden Strukturwandel wie die Telekommunikationsindustrie. Telcos konkurrieren dabei mit einer Vielzahl von Internet-Anbietern, High-tech- und IT-Unternehmen, Geräteherstellern, Anwendungs- und Serviceanbietern sowie mit Medienunternehmen. Allerdings erweitern auch die Netzbetreiber ihren Wirkungskreis. So schafft die Digitalisierung in den Bereichen Smart Grids und Smart Metering, Telematik, Heimautomatisierung, Mobile Payment sowie eHealth starke Nachfrage nach ICT-Infrastruktur und damit neue Umsatzpotentiale in benachbarten Industrien. „Die konsequente Erschließung dieser neuen Ertragssäulen ist für die Telekommunikationsindustrie eine sehr sinnvolle Strategie. Allerdings muss die Erwartungshaltung realistisch bleiben: Alle neuen Geschäftsfelder zusammen können den Umsatzverlust im Kerngeschäft kurzfristig nicht kompensieren“, resümiert Friedrich.

Weitere Ergebnisse der Analyse

-Das Datenvolumen im Mobilfunk steigt von heute 121 Millionen GB auf ca. 920 Millionen GB in 2015. Mobiler Datentransport wird dann rund 80 Prozent der Non-Voice-Umsätze ausmachen.

-Die Nutzung digitaler Medien wächst in Deutschland jährlich um zehn Prozent. Dieses veränderte Verhalten erfordert eine stärkere Präsenz in digitalen Kanälen und forciert den Trend zum digitalen Marketing.

-Der Video- und TV-Konsum über das Internet steigt in den kommenden Jahren signifikant; HD-fähige IP-TV-Boxen und streaming-taugliche Fernseher verschärfen den Engpass bei der Netzkapazität zusätzlich.

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