11.08.2022 – Kategorie: Handel

Hohe Inflation: Wie Einzelhändler profitabel bleiben

PreisanstiegQuelle: Andrey Popov/shutterstock

Angesichts einer Inflationsrate, die so hoch ist wie seit Jahren nicht mehr, haben Einzelhändler mit steigenden Kosten, einer geringeren Preissetzungsmacht und sinkenden Verbraucherausgaben zu kämpfen – eine perfekte Formel für sinkende Rentabilität.

Wie Retailer in schwierigen finanziellen Zeiten, verursacht zum Beispiel durch eine hohe Inflation, reagieren, kann über Erfolg und Niedergang entscheiden. Es steht also viel auf dem Spiel. Für die nachhaltige Profitabilität spielen digitale Tools und Transformationsinitiativen eine Schlüsselrolle, denn sie tragen zur Verkürzung der Amortisierungszeiten und der Verbesserung der Gewinne bei. Einzelhändler, die sich verstärkt auf die folgenden Bereiche konzentrieren, werden gewinnen:

Hohe Inflation: Wandel der Arbeitsweisen

Die erfolgreichsten Einzelhändler setzen in der Regel auf ein Product Mindset (produktbezogene Denkweise) und fokussieren Ergebnisse und den geschäftlichen Nutzen, anstatt nur Fixed Deadlines, Fixed Scope und Kosten im Blick zu haben. Für alle, die noch immer an jährlichen Budgetierungen und Fixed Time und Scope festhalten, eröffnet der Übergang zu einer agilen Denkweise massive Einsparungsmöglichkeiten. Am schnellsten lässt sich dies realisieren, indem die Unternehmen Agile Coaches einsetzen und sich nach einer agilen Methodik reorganisieren. Durch die Verkürzung der Entwicklungszeiten und die Verbesserung der Qualität digitaler Produkte können „New Ways of Working“ die Kosten in großem Umfang senken und dabei helfen, neue Geschäftspotenziale zu identifizieren und zu erschließen. Agile Arbeitsweisen können auch die Bindung wertvoller Mitarbeiter verbessern.

Daten-Monetarisierung im Fokus

In heutigen Zeiten ist es für Einzelhändler unabdingbar, neue Einnahmequellen zu identifizieren, insbesondere solche, die hohe Gewinne versprechen. Diverse Lebensmittelhändler bauen aktuell beispielsweise Retail Media Networks auf. Doch das ist erst der Anfang der Daten-Monetarisierung. Einzelhändler haben die Möglichkeit, Daten zu kaufen, zu verkaufen und zu kombinieren, um damit die Präzision der Modelle, auf denen ihr Business basiert, zu verbessern. Sie können diese Daten beispielsweise für die Entwicklung neuer Produkte, insbesondere für Eigenmarken, und Entscheidungen hinsichtlich der Lagerhaltung nutzen. Um ihre Kosten niedrig zu halten, sollten Einzelhändler auch die Monetarisierung anderer Datenbereiche in Betracht ziehen, angefangen bei der dynamischen Preisgestaltung über personalisierte Werbeaktionen bis hin zu Kreditkartenangeboten.

Hohe Inflation macht Modernisierung der Lieferkette notwendig

Digitale Lösungen sind für die Lieferkette entscheidend, damit Einzelhändler ihre Kostenbasis unter Kontrolle halten können. Durch digitale Investitionen in Bestandstransparenz, Supply-Chain-Control-Tower und Retouren-Optimierung lassen sich Einsparungen von bis zu 10 Prozent bei den Lieferkettenkosten erreichen. Es ist außerdem zu beobachten, dass Händler umfangreiche Investitionen in Micro-Fulfillment-Center (MFCs) tätigen, um die Produktivität ihrer Filialen zu steigern. Das US-Unternehmen Target beispielsweise wickelt mehr als 80 Prozent seiner Online-Bestellungen über die Filiale ab. So bleiben die Kosten unter Kontrolle, während die meisten Produkte angesichts der Größe der Filiale dennoch sehr schnell an den Kunden ausgeliefert werden.

Customer Experience als Schlüssel zum Erfolg

Untersuchungen zeigen, dass Unternehmen, die beim digitalen Kundenerlebnis führend sind, den S&P500-Durchschnitt von 2007 bis 2019 um 106 Prozent und Customer Experience-Nachzügler sogar um 217 Prozent übertroffen haben. Die Customer Experience korreliert mit dem Umsatzwachstum, der Weiterempfehlungswahrscheinlichkeit (Net Promoter Score) und sogar der Größe des Warenkorbs. Um den Return on Investment (ROI) zu steigern, sollten Unternehmen ihrer digitalen Handelsplattform ein Upgrade verpassen, indem sie ihren Content, das Storytelling, das Customer-Journey-Management und die mobile App verbessern.

Mit diesen Maßnahmen lassen sich Renditen erzielen, die höher als die Inflation sind. Der Vorteil ist, dass die Amortisationszeiten kurz sind. Renditesteigerungen lassen sich meist innerhalb weniger Wochen nach der Einführung einer neuen Customer Experience verbuchen. Um das Angebot zu verbessern, lassen sich auch verstärkt Investitionen in Video-Streaming und Chat-Funktionen für den Kundenservice beobachten.

Neugestaltung des stationären Geschäfts

Das physische Business, etwa die Anzahl und die Größe der Läden sowie deren Interaktion mit der digitalen Welt, muss neu gedacht werden, um Umsatz und Gewinn zu optimieren. Einzelhändler sollten sich fragen: Wie kann ich Selbstbedienungstechnologien oder Pick-Up-Services nutzen, um das Einkaufserlebnis zu verbessern? Wie kann ich mein Verkaufspersonal in die Lage versetzen, ihre Beratung durch digitale Clienteling-Apps zu optimieren? Einzelhändler könnten zum Beispiel auch spezielle Eingänge zu ihren Geschäften schaffen, die eine effizientere Abholung ermöglichen – vielleicht sogar eine vollautomatische Abholung von Lebensmitteln im Drive-In-Verfahren. In einigen Teilen der Welt gibt es das bereits. Auch BOPIS-Lösungen (Buy Online, Pick Up In-Store) etablieren sich immer mehr: Kunden können Artikel online bestellen und dann in einem Geschäft vor Ort abholen.

Hohe Inflation: Krise als Chance?

Einzelhändler sollten den durch die hohe Inflation verursachten Gegenwind zu ihrem Vorteil nutzen und ihn als Chance sehen, ihr Geschäft zu überdenken und neu zu gestalten. Viele Retailer sind aus der COVID-Krise finanziell gestärkt und mit einer Reihe neuer Fähigkeiten hervorgegangen. Jetzt ist es an der Zeit, auf diesen Fortschritten aufzubauen, um nachhaltig wachsen und skalieren zu können.

Hohe Inflation
Bild: Publicis Sapient

Der Autor: Hilding Anderson ist Head of Retail Strategy für Nordamerika beim Beratungshaus Publicis Sapient.

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