Interview: Payments – Genesis eines alternativen Industriezweigs

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ECM: Die Finanzkrise hat die Bankenlandschaft nachhaltig verändert. Es drängen neue Player aus dem Mobile und Online Segment seit längerem vermehrt auf den Finanzmarkt. Vor allem im Bereich Payments hat erneut die Diskussion um die Geschäftsmodelle sowie die Zukunft der Banken begonnen. Wie sehen Sie die derzeitige Situation der Herausforderer und der Herausgeforderten?

Dr. Hans-Martin Kraus: Der Bereich Payments tritt nun endgültig in die Endphase der Emanzipation ein. Der bisherige Verlauf wurde vorwiegend durch den zeitlichen Zusammenfall zweier Faktoren vorbereitet: Einerseits durch die alltagsrelevante Innovation mobiler Endgeräte, wie Smartphones und Tablets, und andererseits durch die der Postfinanzkrise nachfolgenden Regulationen.

Für den weiteren Verlauf glauben wir, dass mindestens die Hälfte der Banken heute die Zielsetzungen der europäischen Payment Regulierung, nämlich die Errichtung eines profitablen Paymentsektors als eigenständiger Zweig des Finanzsektors, bisher nicht angemessen in die Planung der Ausgestaltung ihrer eigenen Wettbewerbsfähigkeit einbezogen haben. Jene Institute laufen nun Gefahr, ins Abseits zu geraten.

ECM: Was macht die neuen Player aus dem digitalen Bereich so besonders wettbewerbsrelevant?

Dr. Hans-Martin Kraus: Naja, die Spieler haben mit neuen Geschäftsmodellen denjenigen Bereich des Privatkundengeschäfts attackiert, welcher durch die etablierten Akteure zu einem Commodity Bereich reduziert wurde. Das heißt im Klartext, dass die Banken in den vergangen rund fünf Jahren Payment Dienstleistungen vorrangig als Gratisbeiwerk positioniert haben und Innovationen entsprechend ausgeblieben sind.

ECM: Stehen sich die klassischen Retailbanken selbst im Weg in Bezug auf die Entwicklung wettbewerbsfähiger Payment-Lösungen?

Dr. Hans-Martin Kraus: Die markteintretenden Player sind unvorbelastet und investieren im Verhältnis 3:1 im Gegensatz zu den etablierten Häusern in den Bereich Zahlungsverkehr, da letztere es als ihr angestammtes Geschäft betrachten. Die Konsequenz daraus ist, dass sich unter anderem dieser Investitionsvorsprung der Nicht-Banken Player erfolgsbringend auswirkt bzw. bereits nennenswerten Erfolg generiert. Hinzu kommt ein weiterer Erfolgsfaktor: Talent. Payments galt lange Zeit und gilt vielerorts auch heute noch als ein Bereich, in dem sich Talente nicht profilieren können, während die Start-ups diese anziehen. Zusammengefasst – hier treten ungleiche Gegner gegeneinander an.

ECM: Und der Regulator tut bzw. bewirkt sein Übriges, oder?

Dr. Hans-Martin Kraus: Stimmt, und das wird von den Banken immer noch unterschätzt. Schon die PSD I und SEPA haben einen Payments Markt mit rund 450 Millionen Konsumenten geschaffen und bieten außerdem einen sehr attraktiven Wachstumshintergrund für neue Geschäftsmodelle. Mit der PSD II ab 2016 – und vor allem durch Open Access – wird sich der bereits geschaffene Wettbewerbsraum ebenfalls auf das verwandte Feld der Kontoinformationen ausweiten.

ECM: Was ist das Ziel der Regulation?

Dr. Hans-Martin Kraus: Es ist das klare regulatorische Ziel ein von Banken unabhängiges Paymentsystem in Europa zu fördern und zu etablieren – eine Konsequenz aus der Finanzkrise.

ECM: Was genau passiert nun im zweiten Regulierungsschritt, dem sogenannten Open Access?

Dr. Hans-Martin Kraus: Open Access bedeutet de facto eine Abschaffung eines wesentlichen Wettbewerbsvorteils für Banken, den exklusiven Zugriff auf Kontoinformationen. Konkret bedeutet das, dass künftig per Gesetzgeber Dritten unter Kontrolle des Kunden der Zugang zu allen Informationen zu bestehenden Konten gewährt wird. Damit findet das bisherige Geschäftsmodell, in welchem die Banken das Exklusivrecht über die Finanzverwaltung ihrer Kunden hatten, sein Ende und wird der Kern des Bankensystems damit sozusagen unabhängig geschaltet.

Für Nicht-Banken bedeutet der Eingriff des Regulators, dass sie ihre Innovationen ab Eintreten der Regulierung nun auch auf den Bereich der Visualisierung, Prognose, Interpretation und Analyse von Kontodaten ausweiten und bisher unerlebte Mehrwertdienste bereitstellen können.

ECM: Gibt es in diesem neuen Wettbewerb bereits eine erkennbare Struktur?

Dr. Hans-Martin Kraus: Obwohl die Dinge noch in Bewegung sind, lassen sich bereits drei Gruppen unterscheiden: a) die fortgeschrittenen digitalen Retail-Transaktionsspieler, b) die Commercial Banking Spezialisten und c) die mehrwertorientierten Aggregatoren. Zur ersten Gruppe zählen u.a. klassische Anbieter wie PayPal oder SofortAG. Aber auch Apple Pay, als Späteinsteiger, zählt dazu.

Die Gruppe der Commercial Banking Spezialisten zeichnet sich nicht allein durch eine Vielzahl von Playern aus, sondern ebenfalls durch Megatrends, wie u.a. BitCoin. Sie greifen in ihrem Wettbewerb die heute immer noch teuren Kostenstrukturen der Banken im Bereich Geschäfts- und Firmenkunden an. Durch vollkommen neue Technologieansätze und Infrastrukturen werden sie erhebliche Kostenvorteile (Faktoren!) sowie Qualitätsvorteile (Echtzeitabwicklung) bieten können.

Die Aggregatoren machen aus der Not der verschachtelten Einzelsysteme der Banken ein verlockendes und vor allem relevantes Angebot für den Kunden – nämlich, die bankenübergreifende Informationstransparenz. Sie werden durch Open Access einen intensiven Schub erfahren. Wir erwarten in diesem Zusammenhang eine Flut an Mehrwertdienstleistungen.

ECM: Was ist die Konsequenz daraus für die etablierten Banken?

Dr. Hans-Martin Kraus: Er war sicher lange richtig in Bezug auf Payments erst einmal abzuwarten und zu schauen, was kommt. Vor etwa zwei bis drei Jahren hat ein unübersehbares Momentum eingesetzt. Heute ist das Zeitfenster, noch Teil des Spiels zu werden, dabei, sich zu schließen. Spätestens in einem Jahr sollte sich jede Bank entscheiden, ob sie sich endgültig offensiv oder defensiv aufstellt. Sollte dann die Entscheidung zur Offensive gefallen sein, ist ein umfangreiches Crash Programm erforderlich, um im Spiel zu bleiben. Wer nichts tut, riskiert mittelfristig massive Kundenverluste.

Es gibt natürlich keine allumfassende Offensiv-Standardstrategie, um die derzeitige Situation zu überwinden. Allerdings lassen sich mit relativ niedrigen Aufwendungen unmittelbare Wettbewerbsgefahren für den eigenen Kundenstamm abwenden. Darüber hinaus besteht ja keinerlei Verbot für Banken, erfolgreiche neue Geschäftsmodelle unter Nutzung ihrer starken etablierten Marken als eigene Innovation im Markt zu etablieren.

Zum Interveiw: Dr. Hans-Martin Kraus ist Partner bei Capco. Vom Standort Frankfurt aus leitet und verantwortet er als Head of Payments EMEA das grenzüberschreitende Payments Geschäft. Darüber hinaus ist er Mitglied des deutschen und europäischen Managementteams von Capco. Über ein Jahrzehnt war er bei der Deutschen Bank in Senior Management Positionen beschäftigt. Später übernahm Dr. Kraus als AR-Chef und Managementverantwortlicher den Turnaround aller Servicetöchter des Privat- und Geschäftskundenbereiches. Zuletzt war er als COO Wealth Management in der neu aufgestellten Asset- und Wealth Management Division u.a. für den Komplettumbau einer Privatbank-Tochter in Deutschland verantwortlich. Capco, ein FIS Unternehmen, ist ein weltweit tätiger Anbieter von Beratungs-, Technologie- und Transformationsdienstleistungen, die speziell für die Finanzdienstleistungsbranche entwickelt wurden.

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Nach wie vor zahlen deutsche Kunden ihre Onlinekäufe am liebsten erst nach Erhalt der Ware. Die meisten Händler stellen sich darauf ein, auch wenn sie an erster Stelle die Zahlung per E-Wallet oder Kreditkarte anbieten. Der Kauf auf Rechnung baut damit seine Spitzenposition als umsatzstärkste Zahlungsart im E-Commerce weiter aus. Die Lastschrift liegt hier an Platz zwei vor Paypal, das erneut leichte Einbußen hinnehmen musste. Die Marktanteile der Kreditkarte bleiben konstant, so die ersten Ergebnisse der diesjährigen EHI-Studie „Online-Payment 2017“.

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