Interview zum Versandhandel: „Apotheker sollen wie im 19. Jahrhundert agieren“

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Die einen fordern ein Versandhandelsverbot für rezeptpflichtige Arzneien, die anderen, dass hierzulande die Preisbindung fällt. Eine neue Bundesregierung soll Klarheit schaffen.

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Die einen fordern ein Versandhandelsverbot für rezeptpflichtige Arzneien, die anderen, dass hierzulande die Preisbindung fällt. Eine neue Bundesregierung soll Klarheit schaffen.

► Es geht um 50 Milliarden Euro und um diese streiten Verbände und Politiker. Über 50 Milliarden ­setzen die rund 20.000 Apotheken in Deutschland pro Jahr mit dem Verkauf von Medikamenten um. Mehr als 80 Prozent davon entfallen allein auf die rezeptpflichtigen Arzneien (RX-Handel). Den lukrativen Markt drohen derzeit niederländische Anbieter wie DocMorris oder die Europa Apotheek zu besetzen. Grund: das Urteil des Europäischen Gerichtshofes vom Oktober 2016. Das befreit Apotheken im Ausland von der hierzulande vorgeschriebenen Preisbindung bei rezeptpflichtigen Medikamenten. Seither räumen Versandapotheken in den Niederlanden deutschen Pa­tienten Rabatte von bis zu 30 Euro pro Rezept ein. Zum Nachteil der deutschen Versandhandelsapotheken, die solche Nachlässe eben nicht gewähren dürfen. Von gut 20.000 Apotheken haben laut Bundesverband Deutscher Versandapotheken ( BVDVA) derzeit 3.000 eine Erlaubnis für Versand und E-Commerce beantragt, etwa 150 von ihnen setzen hier mehr als eine Million Euro im Jahr um. Noch also ist das ein Nischenmarkt, doch einer, der in Zukunft immer wichtiger wird. BVDVA-Geschäftsführer Udo Sonnenberg erklärt im Interview, mit welchen Maßnahmen der Verband einen freien Handel von rezeptpflichtigen Me­dikamenten fördern will.

Welche Folgen hatte das EuGH-Urteil für Apotheken in Deutschland?

Sonnenberg│Über 80 Prozent des Geschäfts einer Apotheke entfallen auf den Verkauf rezeptpflichtiger Medikamente, die hierzulande nach wie vor der Preisbindung unterliegen. Für die deutschen Versand­apotheken ist das derzeit höchst unbefriedigend, dass ausländische ­Versender Nachlässe und Boni geben dürfen, während sich deutsche Versand­apotheken an die Preisbindung halten ­müssen. Damit haben die deutschen Apotheken einen Wettbewerbsnachteil. Da muss die Politik dringend handeln.

Was tut die Politik denn bislang?

Sonnenberg│Die große Koalition konnte sich zu diesem Thema bislang nicht einigen. Die Union beharrt auf einem generellen Versandverbot für RX, also verschreibungspflichtige Medikamente, um damit das stationäre Geschäft zu stärken. SPD, Grüne und FDP forcieren mehrheitlich die Überarbeitung der Preis­bindung. Man hat das Thema nun in die nächste Wahlperiode verschoben.

Sie hoffen auf die Bundestagswahl?

Sonnenberg│Bei SPD, Grünen und FDP finden wir ja in der Tat Unterstützung. Ob sich hier eine Regierungskoalition bildet, ist natürlich unklar. Für ein generelles Verbot des RX-Versandhandels wird die Union aber auch in Zukunft keine Mehrheit finden, selbst wenn sie die stärkste Fraktion im Bundestag stellt. Wir arbeiten als Verband weiter daran, die politische Arena mit vernünftigen ­Argumenten zu bespielen, so dass nach der Wahl zügig eine Entscheidung fällt.

Wie hat sich das Kaufverhalten der Kunden seit dem EuGH-Urteil verändert?

Sonnenberg│Unsere Mitglieder stellen schon fest, dass sie in der Tat weniger verschreibungspflichtige Rezepte zugeschickt bekommen. Das Geschäft hat sich deutlich weg von deutschen Versandapotheken hin in die Niederlande verlagert.

Die Union wollte ein völliges RX-VersandVerbot durchsetzen, weil es stationäre Apotheken gefährde. Ist das so?

Sonnenberg│Wohl kaum. Deutsche Versandhändler sind ja auch stationäre Apotheker. In Deutschland darf Versandhandel nur betreiben, wer über eine stationäre Apotheke verfügt. Auch die Versorgung in der Fläche, die Minister Gröhe und die ABDA, also die Bundesvereinigung deutscher Apothekenverbände, gefährdet sehen, ist in jedem Fall gewährleistet. Es gibt Alternativen zu einem Verbot. Der BVDVA hat dazu Vorschläge unterbreitet.

Welche Vorschläge sind das?

Sonnenberg│2013 wurde der Nacht- und Notdienstfonds eingeführt. Wenn eine Apotheke Notdienst leistet, bekommt sie dafür auch eine Pauschale von ungefähr 280 Euro bei einem Volldienst von 10 Stunden. Der Fonds wird aus einem Zuschlag auf den Festpreis von derzeit 8,35 Euro gespeist. Dieser Zuschlag beträgt 16 Cent je abgegebener Packung. Wir streben an, diese Pauschale zu verdoppeln, und zwar auf Kosten der Apotheken, die das aus ihrer Marge bestreiten. Wer viel verkauft – im Zweifelsfall die ­Versandhändler – zahlt mehr in diesen Fonds ein. Die Apotheken auf dem Land, die überproportional Nacht- und Notdienst leisten, würden von solch einem Fonds überproportional profitieren. Das gewährleistet, dass es außerhalb der Ballungsgebiete attraktiv bleibt, eine Apotheke zu betreiben.

Das stärkt das Stationärgeschäft, was fordern Sie für den Versandhandel?

Sonnenberg│Wir fordern eine Höchstpreisverordnung statt der derzeit gültigen Festpreisverordnung. Es soll eine Flexibilisierung rund um den derzeit vorgeschriebenen Fixpreis von 8,35 Euro pro Packung geschaffen werden. Allerdings sollen sowohl nach oben als auch unten Grenzen gesetzt werden. Es soll also auch hierzulande nicht möglich sein, unendlich viele Rabatte zu geben. Aber der Apotheker soll innerhalb dieser Grenzen Entscheidungsfreiheit bekommen: Er kann Rabatte geben, muss es aber nicht, wenn er Stammkunden lieber durch eine besonders gute Beratung überzeugt.

Stärkt Versandhandel dann nicht eigentlich die Flächenversorgung?

Sonnenberg│Richtig. Wir sorgen nicht für Apothekensterben, das hat andere Gründe, beispielsweise, dass sich kein Nachfolger findet oder das Geschäft nicht richtig aufgestellt ist oder falsche wirtschaftliche Entscheidungen getroffen wurden. Natürlich haben wir einen Rückgang an Apotheken, aber jedes Business unterliegt einem Strukturwandel, nur Apotheker sollen noch wie im 19. Jahrhundert agieren, einen weißen Kittel anziehen und im Hinterzimmer ihre Salben anrühren.

Hat das Modell der reinen Stationär-Apotheke überhaupt Zukunft?

Sonnenberg│Nicht, wenn man nur auf den analogen Tresen setzt. Das geht sicher noch ein paar Jahre gut. Aber irgendwann wird die Entwicklung über diese Leute hinwegziehen. Die Versand­apotheken sehen sich als Treiber digi­taler Prozesse. Wir gestalten lieber die Veränderung aktiv mit, als dass wir uns davon wegfegen lassen.

Was kann die einzelne Apotheke tun, um sich gegen ausländische Konkurrenz zu positionieren?

Sonnenberg│Sie müssen attraktiv bleiben, ein gutes Beratungsangebot haben und eine gute Marketingsstrategie entwickeln. Multichannel ist ein Schlagwort, das im gesamten Handel nicht mehr wegzudenken ist. Das gilt auch für Arzneimittel. Wer sich online engagiert, braucht außerdem ein gutes Suchmaschinenmarketing. Apotheken sollten zudem Telefonberatung anbieten und möglichst schnell liefern. Telemedizinische Anwendungen halten viele Möglichkeiten in der Zukunft bereit. ║

Udo Sonnenberg

Udo Sonnenberg ist Geschäftsführer des BVDVA. Der Bundesverband der Versandhandelsapotheken kämpft mit Lobbyarbeit sowie dem einmal jährlich im Juni stattfindenden BVDVA-Kongress dafür, dass hierzulande die Preisbindung für verschreibungspflichtige Mediakamente fällt.

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