Online-Handel mit Medikamenten – ein Spiel mit dem Leben

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Der Online-Handel mit Medikamenten boomt. Alleine in Deutschland liefern sich über 2000 Internetapotheken einen erbitterten Kampf um die Kunden. Das haben auch Cyber-Kriminelle erkannt – sie nutzen die weltweite Verfügbarkeit und Anonymität des Internets für ihre illegalen Geschäfte. So gehören Medikamente wie Viagra seit Jahren zu den Top 10 der meist gefälschten Produkte . Aber nicht nur billige Kopien, auch illegale Substanzen werden immer häufiger über das Netz vertrieben – mit teilweise verheerenden Folgen für Konsument und Markenhersteller. Das e-commerce Magazin sprach dazu mit Frank Schulz, Regional Manager Central Europe beim Online Markenschutz-Experten MarkMonitor.
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ecm: Die unabhängige Patientenorganisation EAASM schätzt, dass mehr als 60 Prozent aller online vertriebenen Medikamente gefälscht sind . Welche Arzneimittel bzw. Medikamententypen werden denn besonders häufig kopiert?

Frank Schulz: Häufig gefälscht werden Medikamente, die Verbraucher in Deutschland nur schwer erhalten können, etwa weil sie rezeptpflichtig, illegal oder sehr teurer sind. Vor allem „Lifestyle“ Medikamente wie Diätpillen, die schnellen Gewichtsverlust versprechen, oder Potenzmittel werden häufig gefälscht. Ganz hoch im Kurs steht hier beispielsweise der Wirkstoff Dinitrophenol (DNP) – er verspricht Abnehmen ohne auf Essen zu verzichten. Tatsächlich ist das Pulver zwar wirksam, aber auch hoch giftig und daher in Deutschland und vielen anderen Ländern verboten. Bei einer jetzt durchgeführten Untersuchung hat MarkMonitor festgestellt, dass das Medikament trotzdem auf zahlreichen deutschen Websites erhältlich und mit einfachen Suchmethoden auffindbar ist. Von 2.200 untersuchten Webseiten, die den Begriff DNP erwähnen, wurden 165 gefunden, über die das Medikament auch hierzulande illegal bezogen werden kann. Das ist ein Spiel mit dem Leben – wie der tragische Fall der kürzlich verstorbenen Britin Eloise Parry zeigt.

ecm: Verbraucher sollten also auf der Hut sein. Wie sieht es mit den Markenherstellern aus? Inwiefern sind sie auf Entwicklung vorbereitet?

Frank Schulz: Zunächst einmal sind da wirtschaftliche Verluste aufgrund entgangener Geschäfte zu nennen. Nach Schätzungen des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) entsteht allein deutschen Unternehmen durch den Handel mit gefälschten Markenprodukten jährlich ein Schaden von 50 Milliarden Euro. Aber auch die Produkt- und Kundensicherheit ist ein wichtiges Thema, vor allem in der Pharmabranche. Von Haftungsrisiken mal ganz zu schweigen. Darüber hinaus besteht die große Gefahr, dass durch billige Plagiate der Wert der Marke leidet. Denn auch wenn man nicht vom Schlimmsten ausgeht, leidet zumindest die Kundenzufriedenheit, wenn der Verbraucher nicht die Markenqualität erhält, die er erwartet. Dies kann Markeneigner ohne Verschulden in die missliche Lage bringen, sich mit steigendem Kundenservice, Beschwerdemanagement und Gewährleistung abzukämpfen. Oder auch Distributionspartner ziehen sich zurück, wenn aufgrund der angebotenen Fälschungen die Nachfrage nach dem Original sinkt. Außerdem können die billig angebotenen Fälschungen die eigentliche Marke unter Preisdruck bringen. Und die Marketingkosten können steigen, weil die Fälscher die Online-Werbekosten in die Höhe treiben und die Effizienz der durch die Markenbesitzer betriebenen Suchmaschinenoptimierung verwässern.

ecm: Wie können Unternehmen sich dagegen schützen?

Frank Schulz: Ich möchte betonen, dass man den Kampf gegen den Online-Handel mit gefälschten Waren erfolgreich bestehen kann. Aber nur wer den Kampf aufnimmt und umfassend und nachhaltig führt, kann gewinnen. Für Markenunternehmen kommt es vor allem darauf an, die kriminellen Machenschaften der Fälscher zu stören und es dem Online-Nutzer zu erschweren, gefälschte Angebote zu finden. Sie müssen zum “unbequemen Ziel” werden. Letztlich sind Markenpiraten auch „nur“ Geschäftsleute, die mit möglichst geringem Aufwand maximalen Ertrag erzielen möchten.

Grundsätzlich ist daher ein proaktives, globales Vorgehen gegen die Cyber-Kriminellen erforderlich. Das ist allerdings eine echte Herkulesaufgabe. Schließlich müssen Unternehmen nicht nur die wachsende Zahl von mittlerweile mehr als 276 Millionen Domains  durchforsten und kontinuierlich überwachen, sondern nach der Identifizierung eines illegalen Web-Shops auch dessen Abschaltung durchsetzen. Dies benötigt ein systematisches und automatisiertes Vorgehen, das ohne externe Expertenunterstützung für die meisten Unternehmen kaum zu stemmen ist. Glücklicherweise gibt es heute Technologien, mit denen sich auf eine bestimmte Marke bezogene Fälscheraktivitäten weltweit automatisch identifizieren und quantifizieren lassen. Sind diese Rechtsverletzungen erst einmal sichtbar, können wirksame Maßnahmen eingeleitet werden. Der richtige Partner kann dabei helfen, eine umfassende Online-Markenschutz-Strategie zu entwickeln und umzusetzen.

Der Interviewpartner Frank Schulz (im Bild) ist seit 2009 als Regional Manager Central Europe für MarkMonitor tätig.

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