13.06.2022 – Kategorie: eCommerce

Quick Commerce: „Lieferdienste müssen es schaffen, ihre Kunden zu binden“

Social, Live- und Quick-Commerce sind neue Formen des E-Commerce, die innerhalb kurzer Zeit stark an Popularität zugelegt haben. Chefredakteurin Christiane Manow-Le Ruyet hat mit Senior Director Josefine Hänsel und Managing Director David Benichou von Alvarez & Marsal über die Zukunft des Quick Commerce gesprochen.

Quick Commerce scheint der nächste große Wurf im E-Commerce sein. Anbieter wie Gorillas, Getir und viele weitere konkurrieren intensiv um die Gunst der Kunden, die in der Regel vor allem an Lebensmitteln Interesse haben. Was macht dieses Geschäftsmodell – innerhalb weniger Minuten zu liefern – so anspruchsvoll? 

Das Versprechen kürzeste Lieferzeiten zu gewährleisten, ist die oberste Herausforderung im Quick Commerce. Hierzu werden neben der richtigen Abdeckung des Liefergebiets mit Dark Stores auch ausreichende Rider-Kapazitäten benötigt.

Die zweite große Herausforderung ist es, Profitabilität zu erzielen. Um mittelfristig profitabel arbeiten zu können, müssen die durchschnittlichen Warenkörbe signifikant wachsen und so höhere Flächenumsätze erzielt werden. Außerdem müssen die vorgehaltenen Ressourcen wie Picker und Rider optimiert werden. Weitere Hebel liegen im Optimieren von Sortiment, Pricing und Liefergebühren.

Der Kampf gegen das schlechte Image

Viele Quick-Commerce-Anbieter waren schon des Öfteren in den Schlagzeilen und kämpfen mit einem schlechten Image. Welchen Einfluss hat das auf die Kunden?

Pauschal lässt sich das nicht sagen, denn die jeweiligen Kritikpunkte sind für verschiedene Kundengruppen unterschiedlich relevant. Beispielsweise sind von der Geräuschbelastung durch wartende Rider zunächst nur die direkten Nachbarn der Dark Stores unmittelbar betroffen. Die Arbeitsbedingungen der Rider sind ein weiteres Thema, das zunehmend mediale Aufmerksamkeit erfährt . Wie stark sich das jedoch auf das Kaufverhalten auswirkt, ist eine noch offene Frage.  Es ist möglich, dass die Kritik in den Medien stärker präsent ist, als sie am Ende tatsächlich Einfluss auf die Absätze hat. Sicher ist, dass Quick Commerce diese Kritikpunkte ernst nehmen und darauf eingehen muss, um ein positives Image zu wahren.

Glauben Sie, dass Quick Commerce nur eine kurzfristige Erscheinung am Markt sein wird? Bitte begründen Sie Ihre Antwort. 

Definitiv nein. Bis dato sind Geschäftsmodelle, die auf breite Massen angelegt sind und auch nur ein annähernd vergleichbares Wachstum aufweisen konnten, nie wieder komplett verschwunden. Sie wurden höchstens durch Innovationen abgelöst, wie etwa Blackberry durch das Smartphone. Typischerweise ist mit einer Konsolidierung des Marktes zu rechnen, wie es in der Vergangenheit am Beispiel von Kochboxen zu sehen war.

Quick Commerce und Live-Shopping: Funktioniert es auch miteinander?

Was müssen Lieferdienste Ihrer Meinung nach, tun, um sich im Markt nachhaltig zu etablieren?

Quick Commerce Lieferdienste müssen es schaffen, ihre Kunden zu binden, indem sie ihr Lieferversprechen einhalten und gleichzeitig eine erstklassige Customer Experience bieten. Außerdem müssen die Anbieter mittelfristig eine gewisse Profitabilität erreichen, um das Geschäft dauerhaft ohne kontinuierliche Zufuhr neuer Investorengelder aufrecht erhalten zu können. 

Bisher liefern die schnellen Fahrrad-Lieferdienste schwerpunktmäßig Lebensmittel. Für welche Branchen könnte dieser Service ebenfalls interessant sein?

Erste Angebote und Versuche anderer Branchen gibt es bereits, etwa für rezeptfreie Medikamente. Denkbar sind solche Angebote beispielsweise auch für Drogerieartikel, Schreibwaren oder kleinteiligen Baumarktbedarf. Natürlich sind diese Märkte kleiner als der für Lebensmittel. Auch wird „Quick“ hier vermutlich etwas weiter definiert werden als 10 Minuten.

Inwieweit können sich Live-Shopping und Quick Commerce Ihrer Meinung nach sinnvoll ergänzen? Denkbar wären Shopping-Events für eine lokal begrenzte Klientel, etwa als Kundenbindungstool. 

Als Tool zur Kundengewinnung und -bindung sind solche exklusiven Events in begrenztem Umfang sicherlich vorstellbar. Auf Dauer betrachtet jedoch eher weniger, da der Bedarf für typische Live-Shopping-Artikel wie Fashion oder Consumer Electronics nicht hoch genug ist. Es ist davon auszugehen, dass es sich bei solchen Events primär um Marketingveranstaltungen handelt und Profitabilität in diesem Kontext eine nur untergeordnete Rolle spielt.

Quick Commerce in der Zukunft: So entwickelt sich der Trend

Wie werden sich Ihrer Meinung nach Quick Commerce in den kommenden Jahren weiterentwickeln? 

Wir sehen eine Vielzahl von Möglichkeiten. Etwa den verbesserten Einsatz von Big Data Analytics, um Shoppern anhand ihrer individuellen Profile kuratierte Upselling-Vorschläge zu unterbreiten, welche (höherpreisigen Premium-) Artikel zum bestehenden Warenkorb passen würden. 

Auch die Sortimentspräsentation im Quick Commerce wird sich weiterentwickeln und wir erwarten zunehmend mehr Promotionsmaßnahmen wie Price-Offs oder Multibuys. Auch werden Quick Commerce Player beginnen, ihren App Space sowie datenbasierte Shopper Insights zu monetarisieren, etwa durch den Verkauf an Supplier.

Welche Trends aus anderen Ländern werden wir eventuell übernehmen?

Aktuell sind uns keine Trends aus anderen Ländern bekannt, die bei uns nicht schon ebenfalls in größerem oder kleinerem Umfang präsent sind. Wir können davon ausgehen, dass sich jeder neue Trend, der irgendwo zum Hype wird, schnell global ausbreiten wird, wenn sich Startups davon Erfolg versprechen.

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