Trends im Handel: „Das Internet der Dinge bestimmt die Zukunft des Handels“

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Die Zukunft des Handels steht vor einer Zäsur: Das Internet der Dinge und ein gesellschaftlicher Wandel rütteln an den Grundfesten der Art und Weise, wie Konsumenten heute einkaufen. Andreas Bös von Conrad Connect erläutert im Interview zwei wichtige Entwicklungen im Handel – und ihre Auswirkungen auf die Handelsbranche.
Trends im Handel

Quelle: everything possible/Shutterstock

Das Internet der Dinge wie auch neue Trends im Handel verändern das Einkaufsverhalten der Konsumenten. Andreas Bös, Vice President bei Conrad Connect, erklärt im Interview die zwei wichtigsten Entwicklungen im Handel – und ihre Auswirkungen auf die Handelsbranche.

Herr Bös, welche Trends und Entwicklungen im Handel und E-Commerce sehen Sie derzeit?

Andreas Bös: Wir verzetteln uns beim Thema E-Commerce, aber auch bei den zukünftigen Trends im Handel zu oft in einer Diskussion Online-Handel versus stationärer Verkauf. So geschehen etwa kürzlich, als Stimmen nach einer E-Commerce-Steuer laut wurden, um die Innenstädte und Einkaufsstraßen vor den Konkurrenzen aus dem World Wide Web zu schützen.

Diese einseitigen Debatten verschleiern die eigentlichen, für die Zukunft entscheidenden Entwicklungen der Branche: Die Digitalisierung, in Form des Internets der Dinge, sowie ein neues Einkaufsverhalten der Kunden krempeln den Handel grundlegend um – sowohl online als auch offline.

In welcher Form drehen diese beiden Entwicklungen den Handel auf links?

Andreas Bös: Die Kunden sind des Einkaufens von Verbrauchsmaterialien im Supermarkt überdrüssig. Sie wollen sich nicht mehr durch Supermarktregale wühlen oder durch undurchsichtige Bestellmasken in Onlineshops klicken. Eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey bestätigt, dass Einkaufen für viele Kunden nur noch ein lästiger Zeitfresser ist. Die Menschen wollen mehr Zeit mit ihren Familien verbringen, sich länger erholen und entspannen. Der Einkauf von Alltagsutensilien macht ihnen dabei leider einen Strich durch die Rechnung. Wenig überraschend zeigt eine weitere Studie des Beratungsunternehmens Nielsen zu den Trends im Handel: Für 59 Prozent der Kunden zählt der Faktor Zeit beim Einkaufen.

Durch das Internet der Dinge können die Kunden ihren Wunsch, weniger Verbrauchsmaterialien persönlich im Supermarkt einkaufen zu müssen, nun verwirklichen. Vernetzte Haushaltsgeräte wie Kaffee-, Spül- oder Waschmaschinen werden mit einem Schlag intelligent. Die smarte Spülmaschine sammelt beispielsweise Daten über den Verschmutzungsgrad ihrer Ladung und dosiert dementsprechend das Reinigungsmittel. Über Smart Ordering Services sind die Maschinen nun direkt mit den Shops von Händlern verbunden. Die Maschine weiß um ihren Verbrauch, analysiert dementsprechend ihren Bedarf an neuen Tabs und bestellt im Anschluss eigenständig Nachschub beim Händler.

Die Technologie trifft an der Stelle auf den neuen gesellschaftlichen Zeitgeist. Der Kunde muss nicht mehr seine kostbare Zeit aufwenden, um Spülmaschinentabs nachzubestellen. Stattdessen übernimmt die Maschine diesen Job. Die Maschinen werden somit für die Händler die neue Schnittstelle zum Kunden.

„Abgesehen von einigen wenigen First-Movern, verschläft der Handel die Umstellung auf intelligente, digitale Bestellkanäle konsequent.”

Andreas Bös ist Vice President von Conrad Connect

Zu den neuen Trends im Handel gehören die Smart Ordering Services: Könnten Sie bitte erklären, was darunter zu verstehen ist?

Andreas Bös: Smart Ordering Services verknüpfen IoT-Geräte direkt mit den Shops verschiedener Händler. Die vernetzte Kaffee- oder Waschmaschine kann dann Verbrauchsmaterialien direkt und eigenständig nachbestellen. Ganz konkret bedeutet das: Die intelligente Kaffeemaschine bemerkt, dass das Kaffeepulver bald nicht mehr ausreicht; oder die Sensoren der Waschmaschine erkennen, dass das Waschpulver zu Neige geht.

In der Folge bestellen die Geräte ihren Bedarf an Gebrauchsgegenständen ganz einfach selbst beim Händler nach. Somit kann sich der Kunde den Shopping-Stress für Verbrauchsmaterialien sparen und lässt die Maschine ordern. Er bestätigt nur kurz oder interveniert, falls er mit einer mit einer automatischen Nachbestellung nicht einverstanden ist.

Spannend ist zudem, dass Kunden nicht mal ein hochmodernes IoT-Gerät brauchen, um über Smart Ordering Services nachzubestellen. Sie können stattdessen auch via Sprachbefehl über Smart Speaker oder vernetzte, physische Knöpfe und Schalter bestellen, die im Haushalt oder im Büro angebracht werden.

Das hört sich danach an, als ob der Einkauf zukünftig noch viel einfacher wird. Wieso hört man dann immer wieder, dass Smart Ordering Services eine Gefahr für den Handel sind?

Andreas Bös: Für Händler ist zukünftig eine Maschine ihr Point of Contact. Für diese neuen Bestellprozesse müssen die Händler zugänglich sein, sprich Schnittstellen für die Maschinen zu ihren Shops oder Warenwirtschaften herstellen. Aber abgesehen von einigen wenigen First-Movern, verschläft der Handel die Umstellung auf intelligente, digitale Bestellkanäle konsequent.

Die entscheidende Frage hierbei lautet: Bei wem geht die Bestellung des IoT-Gerätes ein? Bei welchem Händler oder Hersteller bestellt die Spülmaschine ihre Tabs nach? Derzeit befinden sich die Hersteller – sie konfigurieren schließlich die Geräte und richten den Service ein – oder große Internetkonzerne wie Amazon in der Pole-Position. Den Händlern dagegen droht, aus dem lukrativen Aftermarket hinausgedrängt zu werden, wenn sie nicht umgehend selbst aktiv werden.

Geht etwa einem HP-Drucker langsam die Tinte aus, bestellt der Drucker neue Patronen automatisch bei HP nach. Und Amazon stellt vielen Geräteherstellern einen Werkzeugkasten zur Verfügung, mit dem sie einfach Smart Ordering Services für die eigenen Geräte zu bauen können. Selbstverständlich bestellen diese Services im Anschluss bei Amazon nach. Wenn die Händler Smart Ordering Services nicht oder nur langsam in ihre Shops integrieren, werden sie den Anschluss an die jetzigen First- und Early-Mover verlieren.

Zu den weiteren Trends im Handel gehört der Aftermarket: Was hat es damit auf sich und welche Konsequenzen hat es für die Händler, hier an den Rand gedrängt zu werden?

Andreas Bös: Der Aftermarket umfasst alle Produkte und Dienstleistungen, die in Folge des Produktkaufs für ein Gerät benötigt werden. Das können beispielsweise Reparaturen und Ersatzteile oder Verbrauchsgüter wie das Kaffeepulver für die Kaffeemaschine sein. Um beim Beispiel Drucker zu bleiben: Mit Druckern und Kopierern machten die Unternehmen 2019 laut Statista einen weltweiten Umsatz von circa 8,3 Milliarden Euro. Gleichzeitig setzten Unternehmen mit dem Verkauf von Druckerpatronen, laut dem Händler Superpatronen, weltweit 57 Milliarden Euro um, also beinahe siebenmal so viel.

„Entlang aller Altersgruppen besteht großes Interesse an Smart Ordering Services”

Andreas Bös ist Vice President von Conrad Connect.

Wie können die Händler reagieren und von Smart Ordering Services profitieren?

Andreas Bös: Noch befinden wir uns in der Early-Adopter-Phase des Internets der Dinge (IoT) und von Smart Ordering Services. Händler haben weiterhin die Chance, die Services in ihrem Unternehmen zu integrieren. Allerdings existieren im Markt derzeit verschiedene Protokoll- und Funkstandards mit Namen wie ZigBee, Z-Wave oder LoRa. Was sich kryptisch anhört bedeutet kurzum: Die IoT-Spülmaschine von Bosch spricht nicht unbedingt die gleiche Sprache wie das Pendant von Neff. Wollen Händler verschiedene Geräte an ihr Bestellsystem anschließen, müssen sie demnach theoretisch gleich mehrere Schnittstellen programmieren.

Die folgende Lösung ist sinnvoller als die eigene Entwicklungsarbeit: IoT-Plattformen eröffnen Unternehmen ohne eigenen Programmieraufwand die Türen in die neue Einkaufswelt. An diese Plattformen sind bereits eine Vielzahl an Geräteherstellern sowie deren Produkte angeschlossen. Statt viele einzelne Schnittstellen zu den IoT-Geräten zu bauen, schließen Händler ihr Bestellsystem an die vorprogrammierten Smart Ordering Services der IoT-Plattform an – und zwar ohne den Einsatz hoch dotierter Entwickler.

Doch sie dürfen bei diesen Trends im Handel nicht zu lange zögern oder Gerätehersteller und Internetunternehmen schlagen den Händlern die Tür vor der Nase zu und Marktanteile schwinden täglich. Denn – zum Vorteil für Early Mover und zum Nachteil von Nachzüglern – für Smart Ordering Services gilt: Händler, die im Ökosystem der modernen Bestellkanäle eine Rolle spielen, profitieren von Produkttreue und Markenloyalität. Der Nutzer konfiguriert für den Smart Ordering Service einmal das Wunschprodukt und den Händler, bei dem das Produkt nachbestellt werden soll. Solange dieses Setting reibungslos funktioniert, wird er es sicherlich seltener variieren als seinen Griff in das Supermarktregal.

Sind denn auch die Kunden schon bereit für Smart Ordering Services – oder sind die Dienste nicht noch eher ein Gadget für Tech-Begeisterte?

Andreas Bös: Gerade im B2B-Bereich und für Konsumgüter wie Waschmittel, Drogeriewaren oder Kaffeepulver werden automatisierte Bestellsysteme in Zukunft der Standard sein. Das zeigt eine Studie zu den Trends im Handel des Marktforschungsinstituts ECC Köln, in Kooperation mit SAP Customer Experience. Die Studie untersuchte die Nutzungswahrscheinlichkeit von intelligenten Bestellsystemen für einzelne Produktgruppen. Die Kunden sind gerade für Konsumgüter wie Rasierklingen oder Haushaltspapier an der Bestellung via Smart Ordering Services interessiert.

Über alle Produktgruppen hinweg können sich 80 Prozent der 14 bis 19-Jährigen vorstellen, automatisierte Bestellsysteme zu nutzen. Aber auch 57 Prozent der 20 bis 69-Jährigen haben Interesse an den digitalen Bestellkanälen. Smart Ordering Services sind also kein Nischenprodukt für Tech-Enthusiasten oder ein Trend unter Digital Natives. Es besteht vielmehr großes Interesse entlang aller Altersgruppen. (sg)

Trends im Handel

Andreas Bös ist Vice President von Conrad Connect, eine der führenden IoT-Projektplattformen in Europa. Er verfügt über langjährige Erfahrung in der IT- und Elektrobranche, im Smart Home- und IoT-Bereich sowie im Innovationsmanagement. Vor seiner Zeit bei Conrad Connect war Andreas Bös unter anderem Head of New Business & Innovations bei der Conrad Electronics SE. Unter seiner Leitung entstand 2016 das Spin-Off Conrad Connect, dessen Team Bös führt. Mit Conrad Connect können Unternehmen interne Abläufe mittels IoT digitalisieren und automatisieren.

Lesen Sie auch: Einzelhandel: Wie intelligente IT-Lösungen künftig das Einkaufen erleichtern

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