Wenn der Fernseher mit der Lampe spricht: Wie das IoT Wissen zwischen Maschinen austauscht

Wissen auszutauschen ist längst nicht mehr nur eine menschliche Domäne, sondern mittlerweile auch technisch möglich; dass der Kühlschrank mit dem Herd spricht und der Fernseher mit der Wohnzimmerlampe ist längst keine Utopie mehr. Denn das Internet of Things (IoT), also die kabellose Vernetzung von physischen Geräten, ist eines der Trendthemen in der Medien- und Digitalindustrie.

Das merkt auch das Hamburger Startup Cybus, die IoT im industriellen Umfeld einsetzen und sich erst kürzlich ein Investment in sechsstelliger Höhe sichern konnten. Marius Schmeding, Mitgründer des Hamburger Startups, weiß also um das Potenzial der Technologie und erklärt im Interview mit nextMedia.Hamburg, wie er Maschinen zum Sprechen bringt und welche Potenziale für die Medien- und Digitalindustrie bestehen.

Marius Schmeding, Mitgründer des Hamburger Startups Cybus

Marius, ihr nutzt das Internet of Things für die Industrie. Welche Maschinen lassen sich denn da sinnvoll verknüpfen?

Schmeding: Mit Blick auf die Produktion gibt es in Fabriken klassischerweise Förderbänder, Lichtschranken und RFID-Scanner. Letztere funktionieren ähnlich wie Barcodes. Eine Vielzahl an Sensorik und Aktorik steckt bereits in den Maschinen und wir können sie miteinander über unsere Middleware verbinden, um Produktionsabschnitte aufeinander abzustimmen. Damit lassen sich neue Effizienzgewinne erzielen, mit den richtigen Daten zur richtigen Zeit bei der richtigen Person neue Transparenz schaffen, oder – und darauf arbeiten wir besonders hin – datenbasierte Geschäftsmodelle realisieren.

Wie sollen diese aussehen?

Schmeding: Zum Beispiel mit vorausschauender Wartung oder Pay-per-Use-Modellen. Die Kernfrage dabei lautet: Wie kann die Kommunikation zwischen einer Maschine und ihrem Hersteller hergestellt werden, ohne den Fabrikbetreiber zu umgehen? Der deutsche Mittelstand vertraut einer herkömmlichen Cloud nicht und fordert zunehmend die Kontrolle über sämtliche ein- und ausgehende Datenströme.  Es sollen ja nicht alle Daten plötzlich durchs Netz schwirren. Hierfür Lösungen zu bieten, ist unsere Aufgabe bei Cybus.

Und wie genau verknüpft ihr Hardware und Software?

Schmeding: Unser Produkt ist eine sogenannte Middleware. Also eine IT-Anwendung, die zwischen Hardware-Geräten wie Industrie-Maschinen und Software arbeitet. Sie kann direkt vor Ort oder auch in der Cloud laufen. Die Cybus-Middleware ist ein Sammelpunkt für die Daten, die an die richtigen Stellen automatisch verteilt und, wenn nötig, transformiert werden. Wenn also etwa eine Maschine im Unternehmen einen kritischen Zustand erreicht, kann diese Information sofort auf dem Smartphone des Schichtleiters, oder in der Servicezentrale des Maschinenbauers weiterverarbeitet werden.

Von diesen Prozessen bekommt der Endverbraucher ja nicht so viel mit. Wie kann denn IoT auch im heimischen Wohnzimmer eingesetzt werden?

Schmeding: Bei vielen hat sich IoT daheim schon breitgemacht – Stichwort Heimautomatisierung. Sei es die Steckdose, die mir den Stromverbrauch des letzten Monats mitteilt und automatisch ausgeschaltet wird, wenn ich das Haus verlasse. Ähnlich die Heizungssteuerung, die dafür sorgt, dass nur der Raum beheizt wird, in dem ich mich aufhalte. Oder der Staubsaugroboter, dem ich übers Internet Anweisungen geben und bei der Arbeit zusehen kann. Das gibt es alles so zu kaufen. Doch auch als Verbraucher bin ich vorsichtig – wer den Zugang zu diesen Daten hat, erfährt mehr über mich, als mir lieb ist.

Neben der Industrie und den Endverbrauchern sind sicherlich auch Unternehmen am IoT interessiert. Welche Möglichkeiten gibt es da zur sinnvollen Vernetzung?

Schmeding: Die Möglichkeiten sind theoretisch endlos. Unser Ziel ist es, den Wissensaustausch zwischen Fabriken und Maschinenherstellern so einfach und sicher wie möglich zu machen, um unterschiedliche Anwendungen zu ermöglichen. Das Wissen entsteht zum Beispiel, wenn Sensordaten vom Hersteller abgerufen werden und er sein ureigenes Know-how über die Maschine einsetzen kann, um den Verschleiß vorherzusagen. Daraus kann er Wartungsempfehlungen ableiten, die wieder in Form eines Datenstroms in die Fabrik zurückfließen. Für beide Unternehmen ein extrem wertvoller Wissensaustausch, der letztendlich viel Zeit und Geld spart.

Können IoT-Anwendungen auch dabei helfen, dass sich die Wissensarbeiter besser austauschen und voneinander lernen können?

Schmeding: Auf jeden Fall! Das fängt schon sehr früh an und endet noch lange nicht bei Big Data-Szenarien. Wenn wir Daten auslesen können, die vorher schon da waren ohne dass wir davon als Anwender wussten, gibt uns das eine ganz neue Sicht auf die Dinge. Also auf die Prozesse von Produktion und Herstellung. Aber viel wichtiger ist zu verstehen, diese Daten auch in tatsächliches Wissen umzuwandeln und dazu bedarf es viel mehr als nur einer einfachen Schnittstelle. Spannend ist dabei auch die Fraunhofer Initiative Industrial Data Space e.V., wo wir seit Juli mit Cybus offizielles Mitglied sind. In diesem Zusammenschluss von Unternehmen, wie Bosch, VW, Zeiss oder Schaeffler beschäftigen wir uns mit der Frage, welche Bedingungen oder auch Regeln dafür geschaffen werden müssen. Die enge Zusammenarbeit mit Vertretern aus der Industrie hilft dabei, solche Fragen aus erster Hand von den schon heute betroffenen Unternehmen beantwortet zu bekommen.

Neben der Verknüpfung von Geräten – eben dem Internet of Things – gibt es derzeit auch den Trend zum Selbermachen, der oft als Maker- oder Do-it-Yourself-Kultur (DiY) zusammengefasst wird. Steht das im Gegensatz zum IoT oder können sich daraus Synergien entwickeln?

Schmeding: Ich würde klar sagen, dass IoT und DiY ganz eng miteinander verknüpft sind. Denn viele Sachen, die im IoT gerade neu entstehen, sind dadurch motiviert, dass die Menschen von der Idee fasziniert sind, Dinge zu vernetzen und anfangen zu basteln. Wer nicht mehr auf den urtümlichen Lichtschalter angewiesen ist, der nutzt mitunter die Freiheit, etwas ganz Neues zu kreieren – beispielsweise mit einem 3D-Drucker. So entstehen nicht nur Produkte für den eigenen Gebrauch, sondern vielleicht auch Anwendungen, die mit einer innovativen Geschäftsidee verknüpft sind.

Blicken wir mal kurz in die Zukunft: Welche Rolle wird IoT zukünftig in unser aller Leben spielen?

Schmeding: Das IoT wird sich immer mehr mit unserem Alltag verflechten. Wir als Verbraucher müssen gar nicht so viel dazu beitragen, denn die Produkte, die wir jetzt kaufen, werden schon automatisch IoT-enabled sein. Wer also schon immer darauf gehofft hat, dass die Kaffeemaschine automatisch startet, sobald er sein Bett verlässt, wird leicht fündig. Ich würde behaupten, dass es schon bald so selbstverständlich ist, wie das Internet selbst.

(jm)

0
RSS Feed

Hat Ihnen der Artikel gefallen?
Abonnieren Sie doch unseren Newsletter und verpassen Sie keinen Artikel mehr.

Mit einem * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder!

CAPTCHA
Diese Frage stellt fest, ob du ein Mensch bist.

Neuen Kommentar schreiben

Entdecken Sie die Printmagazine des WIN-Verlags