Letzte Meile: Wie Big Data die Paketzustellung verbessert

Pakete kurzfristig an eine alternative Adresse umleiten, Paketzusteller in Echtzeit orten und jederzeit Informationen zum Lieferstatus abrufen – die Digitalisierung in Form von mobilen Anwendungen und Software-Lösungen hält Einzug in die letzte Meile. Von Markus Ziegler

► Alles zu jeder Zeit, an jeden Ort – und zwar umsonst und immer schneller: Mit diesen Versprechungen lockt der Online-Handel seine Kunden. So langsam zeigt sich jedoch die Schattenseite: Nachdem Amazon & Co. die Konsumenten erfolgreich auf die ständige und schnelle Verfügbarkeit von Waren konditioniert haben, folgen nun kaum noch zu handhabende Massen an Paketsendungen, unter deren Last die KEP-Dienstleister zusammenzubrechen drohen.

Paketlogistik wird plan- und steuerbarer

Neben Paketrobotern, privaten Paketboxen oder der Kofferraumzustellung bieten auch digitale Lösungen und Dienstleistungen neue Möglichkeiten: So lassen sich Pakete per App kurzfristig an eine alternative Adresse umleiten, Paketzusteller in Echtzeit orten und jederzeit Informationen zum Lieferstatus über verschiedene Devices abrufen. Die Paketlogistik wird durch die Digitalisierung nicht nur schneller, sondern vor allem auch plan- und steuerbarer. Durch das steigende Angebot der Lieferdienstleister steigen allerdings auch die Ansprüche der Kunden. Und sie wollen zunehmend in den Liefer- und Zustellprozess eingreifen, während sie gleichzeitig erstklassigen und zudem günstigen Service erwarten.

Ein Ansatzpunkt ist der Lieferzeitpunkt, der immer besser an die Kundenwünsche angepasst werden soll, um so die Zustellquote zu erhöhen. Daher beschäftigt sich die B2C-Sparte des Paketmarkts auch immer mehr mit dem Thema Big Data und der entsprechenden Auswertung. Besonders viel Hoffnung setzt die Branche in „Predictive Analytics“. Gemeint ist damit die zukunftsorientierte Analyse von Daten, wodurch sich Vorhersagen treffen und frühzeitig Handlungsoptionen ableiten lassen.

Paketzustellung mit Ansage

In den USA nutzen beispielsweise Banken oder die Polizei diese Art von Prognoseverfahren, die sich auch für die Paket­logistik einsetzen lässt. Mithilfe von Echtzeit- und Systemdaten kann schon jetzt der Zustellzeitpunkt weit eingegrenzt und bis auf eine Stunde vorher-gesagt werden. Zusätzlich lassen sich sehr genaue Verkehrsprognosen erstellen und eine entsprechende Tourenplanung vornehmen.  Auch DPD nutzt diese Technologie, um eine nahtlose Customer Experience zu schaffen. Bislang war der KEP-Dienstleister eher im Bereich der B2B-Sendungen tätigt und versucht nun, über eine erweiterte Serviceleistung auch im Privatkundenbereich mit DHL und Hermes mithalten zu können. Teil der Strategie ist unter anderem eine App, mit der sich das Paket in Echtzeit nachverfolgen und noch während der Zustellung beispielsweise ein alternativer Ablageort wählen lässt.

Das alles ist Teil der Digitalisierungsstrategie des Konzerns. Viele Mitbewerber ziehen hier nach. Durch digitale Technologien wie Mobility, Data Analytics, Cloud Computing und Social ­Media soll das gesamte Shopping-Erlebnis weiter auf den Kunden und seine Bedürfnisse zugeschnitten werden. KEP-Dienstleiter, aber auch immer mehr branchenfremde Anbieter, möchten dem Empfänger durch zusätzliche Services so gut es geht entgegenkommen – im übertragenen und wortwörtlichen Sinne. So setzen einige der Dienstleistungen speziell am Zeitpunkt der Lieferung an. Darunter beispielsweise das Startup Liefery, das Teil von Hermes ist. Das Startup schaltet sich zwischen Unternehmen und Kunden und bietet eine Same- sowie Next-Day-Zeitfenster-Zustellung per Kurier an. Per GPS lässt sich die Sendung in Echtzeit nachverfolgen und auch kurzfristig noch ändern.

App, die merkt, wann der Kunde zuhause ist

Währenddessen spinnt das Zustell-Startup seine Ideen weiter: So möchte es beispielsweise eine App entwickeln, die merken soll, wann der Kunde zuhause ist, um dann die Ware anzuliefern. Und auch eine Kooperation mit Autovermieter Sixt ist in Planung, der so seine Flotte an Kleinlastern in den Abendstunden auslasten könnte. Ebenfalls über eine App orten die Paketboten die Fahrzeuge, öffnen sie und lassen sich zum nächstgelegenen Depot navigieren. Dort laden sie die Sendungen in vorgegebener Reihen­folge ein und werden von der Smart­phone-Anwendung auf Zustelltour geführt. Gleichzeitig lassen sich so neue Daten über die Empfänger sammeln und für exaktere Vorhersagen nutzen. Ob und ab wann dieser Service angeboten wird, ist derzeit noch offen.

Pro Stopp mehr Pakete zustellen

Zurück in die Gegenwart. Hier wird zunehmend der Ruf nach einem erhöhten Dropfaktor – also eine möglichst große Menge an zugestellten Paketen pro Stopp – laut. Der liegt bekanntermaßen bei der Lieferung an Privatadressen so niedrig, dass einige KEP-Dienstleister inzwischen darüber nachdenken, für diese Zustelloption eine Extragebühr zu erheben. Auch deshalb werden Alternativen begrüßt, die das Konzept von zusammengefassten Zustellungen verfolgen.

Dazu gehört das Click&Collect-Angebot einiger Onlinehändler. Für einen besonders effizienten und reibungslosen Prozess sorgen intelligente Selbstbediener-Schließfächer, in die die Waren vom Händler bis zur Selbstabholung durch den Kunden eingelagert werden können. Auch einzelne Shoppingcenter bieten mittlerweile die Option, sich Onlinekäufe dorthin liefern zu lassen, wodurch eine zusätzliche Empfangsadresse zur Ver­fügung steht und Paketlieferanten geschäftliche mit privaten Zustellungen kombinieren können. Das Prinzip der ­gebündelten Lieferungen verfolgen auch Mikrodepots. Als innerstädtische Lo­gis­tikzentren bilden sie den Ausgangspunkt sowohl für pri­vate wie gewerbliche Paketzustellungen. Insbesondere paketdienstunabhängige Distributionszentren bieten hinsichtlich der letzten Meile die größte Effizienz.

Durch die gebündelte und Paketdienstleisterunabhängige Lieferung ins Unternehmen kann der Drop-Faktor erhöht werden. (Bild: Pakadoo)

Ähnliches gilt für die Lieferungen ins Unternehmen. Für Berufstätige ist das besonders praktisch und laut einer aktuellen PwC-Umfrage auch von 60 Prozent gewünscht. Das ist allerdings in vielen Unternehmen nicht so gerne gesehen – teils aus ungeklärten Haftungsfragen oder wegen des Handlingsaufwands für die Privatpa­kete. Genau an dieser Stelle setzt das Startup Pakadoo an. Mit dem digitalen Zustellservice können private Pakete zusammen mit geschäftlichen Sendungen offiziell ins Unternehmen geliefert werden. Dort werden sie mithilfe einer App und einer persönlichen ID innerhalb weniger Sekunden eingelesen, dem Empfänger zugeordnet und ihm anschließend (etwa in der Mittagspause) ausgehändigt. Damit ist die Haftung rechtlich geregelt und der Aufwand fürs Handling minimiert.

Für KEP-Dienste ist das ebenso praktisch, denn so fallen viele der Anfahrten an die privaten Adressen weg und sie können bei weniger Stopps eine höhere Anzahl an Paketen zustellen. Auch dieser Service ist nicht an einen bestimmten Lieferdienst gebunden und wird in diesem Jahr in den öffentlichen Raum übertragen – dazu gehören beispielsweise Bahnhöfe und P+R-Plätze, ebenso wie Einkaufszentren, wo der Service in Kombination mit Paketschränken das Click&Collect-Angebot der Einzelhändler erweitert.

Big Data, Apps & Co. bieten ein großes Potenzial, um das Problem der letzten Meile zu entschärfen. Am Ende wird es sicherlich keine One-fits-all-Lösung geben, sondern vielmehr eine Kombination mehrerer neuer Technologien, die eine ebenso effiziente, wie reibungslose Zustellung ermöglicht. Doch eines gilt für sämtliche Konzepte: Damit alle von den Lösungen profitieren, müssen sie paketdienstleisterübergreifend sein. Nur so lässt sich in Zukunft die Logistik der letzten Meile effizient gestalten. ║

Markus Ziegler

Über den Autor: Markus Ziegler ist Chef des Startups Pakadoo und Mitglied der Geschäftsleitung der Unternehmensmutter Logistics Group International
www.pakadoo.de

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Kommentare

Danke für den spannenden Artikel! Big Data wird das gesamte Logistik-Konzept komplett transformieren. Wie auch hier https://www.epg.com/de/logistik-know-how/fachartikel/detailseite/logisti... beschrieben, verdoppelt sich das Datenvolumen alle zwei Jahre. Bis 2020 können wir eine enorme Steigerung des Datenvolumens auf 44 Billionen Gigabyte erwarten.

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