Kommentar Apotheken-Reform: Die digitale Mogelpackung

Ein Kommentar von Heiner Sieger 2 min Lesedauer

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Während das Bundesgesundheitsministerium auf digitale Effizienz setzt, sprechen Apothekerkammern und Verbände bei der Apotheken-Reform von Überlastung, fehlender Vergütung und einem drohenden Vorteil für internationale Plattformanbieter.

(Bild:  © Chris Redan/stock.adobe.com)
(Bild: © Chris Redan/stock.adobe.com)

DARUM GEHT'S

Technik im Stresstest: E-Rezept und Telematik-Infrastruktur sind instabil und praxisfern.

Gefährdete Sicherheit: Datenschutz- und Haftungsfragen bleiben ungelöst.

Schieflage im Wettbewerb: Gewinner sind Versandplattformen, Verlierer die Vor-Ort-Apotheken.

Die Apotheken-Reform des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) will das Gesundheitswesen ins digitale Zeitalter katapultieren. Doch was auf dem Papier nach Fortschritt klingt, entpuppt sich in der Praxis als riskantes Experiment – auf Kosten der Apotheken und der Patientinnen und Patienten. Entsprechend aufgebracht sind Apotheker und Verbände.

Die Reform will Besitzstände der Apotheken sichern und ihnen mehr Geld der Beitragszahlerinnen und -zahler in Aussicht stellen. Mutige Schritte in Richtung Digitalisierung findet man darin nicht, kritisiert etwa Christoph Wenk-Fischer, Hauptgeschäftsführer des Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland e.V. (bevh): „Das ist keine Reform, sondern ein verzweifeltes Festhalten an der Gesundheitsversorgung von gestern. Was da kommen soll, ist die finanzielle Förderung stationärer Apotheken um jeden Preis, unabhängig vom tatsächlichen Bedarf, und auf Kosten der Versicherten. Was man darin nicht findet, sind Schritte zu Stärkung der Digitalisierung und des Wettbewerbs. Dabei brauchen wir dringend eine Anerkennung der Versandapotheken, die schon heute die breite Versorgung auch auf dem Land sicherstellen. Der Reformplan widerspricht den Interessen der Patientinnen und Patienten jeder Altersgruppe, die sich zunehmend digitale Gesundheitsleistungen, von der Therapie bis zur Medikation, als zeitgemäße Lösung wünschen.”

Apotheken-Reform: Weder praxistauglich noch stabil

Auch Gabriele Regina Oberwiening, Präsidentin der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, spart nicht mit Kritik: „Das E-Rezept ist in der jetzigen Form weder praxistauglich noch stabil. Statt Entlastung bringt es unseren Teams zusätzliche Arbeit und verunsichert Patientinnen und Patienten.“ Der Deutsche Apothekerverband (DAV) sieht sich überrollt: „Die digitale Verantwortung wird auf die Vor-Ort-Apotheken abgewälzt, ohne dass Infrastruktur und Kosten fair verteilt werden,“ warnt DAV-Chef Hans-Peter Hubmann.

Die Realität in den Offizinen: Ständige Ausfälle der Telematik-Infrastruktur, unausgereifte Schnittstellen und ein hoher Schulungsaufwand. Statt Versorgung zu beschleunigen, verlängert die Digitalisierung die Warteschlangen.

Die Landesapothekerkammern schlagen Alarm, weil die Patientensicherheit gefährdet sei. Unklare Haftungsregeln und Pannen bei der Technik könnten Medikationsfehler begünstigen. Auch der Deutsche Patientenverband sieht gravierende Risiken: „Bei der Verarbeitung sensibler Gesundheitsdaten muss der Schutz oberste Priorität haben. Hier sehen wir gefährliche Lücken,“ mahnt Verbandschef Eugen Brysch.

Angst vor massiven Wettbewerbsnachteilen

Besonders brisant: Viele Kritiker warnen, dass das BMG mit seinen Plänen faktisch den Boden für eine Plattformökonomie à la DocMorris bereitet – mit massiven Wettbewerbsnachteilen für die wohnortnahe Apotheke. „Wenn das E-Rezept vor allem den Versand stärkt, verlieren wir Beratung und schnelle Versorgung direkt vor Ort,“ so Overwiening.

Das Fazit der Kritiker ist eindeutig: Die Digitalisierung in der Apothekenreform ist eine Mogelpackung. Sie bringt mehr Kosten, mehr Bürokratie und neue Risiken – ohne die versprochenen Vorteile. Was bleibt, ist die Sorge, dass am Ende weniger Versorgung und mehr Marktmonopole stehen.

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