Mit der Einführung des Barrierefreiheitsstärkungsgesetzes (BFSG) steht die E-Commerce-Branche am Anfang einer wichtigen Transformation. Onlineshops stehen nun vor der Herausforderung, ihre Zugänglichkeit zu überprüfen. Da Onlineshopping ungebrochen an Bedeutung gewinnt, ist Barrierefreiheit nicht mehr nur eine nette Zusatzoption.
(Bild: Your Hand Please/Adobe Stock)
Die Berücksichtigung der Bedürfnisse aller Nutzergruppen ist sowohl ein Gebot der sozialen Verantwortung als auch eine strategische Notwendigkeit. Unternehmen wie Apple oder Spotify haben es vorgemacht: Barrierefreiheit ist kein notwendiges Übel, sondern funktioniert und sieht dabei fantastisch aus. Mit einfachen Design-Handgriffen lassen sich bereits große Veränderungen bewerkstelligen.
Große Schriften und klare, leicht verständliche Inhalte sind nur der Anfang einer Strategie, die den E-Commerce für viele Nutzergruppen zugänglicher machen kann. Was erst ein mal wie eine Anpassung für Senioren aussieht, entpuppt sich als eine Designrevolution, die jedem Onlineshop einen frischen, modernen Anstrich verleihen kann, wenn sie richtig angewendet wird. Anstatt Barrierefreiheit als bloße Notwendigkeit zu sehen, sollten wir sie als Chance erkennen.
E-Commerce für Menschen mit Einschränkungen
Statistiken zeigen, dass eine signifikante Anzahl von Nutzer*innen von barrierefreien Webshops profitieren. Laut der Europäischen Kommission leben in der EU etwa 87 Millionen Menschen mit Behinderungen. Diese Zahl umfasst sowohl Menschen mit dauerhaften Behinderungen als auch Menschen mit temporären Einschränkungen – ein erheblicher Marktanteil, der für alle Online-Shop-Betreibende relevant sein sollte.
Die demografische Entwicklung unterstreicht diesen Punkt sogar: Der Anteil älterer Menschen in der Bevölkerung wächst kontinuierlich. Bis 2050 wird erwartet, dass etwa ein Drittel der Bevölkerung in vielen europäischen Ländern über 65 Jahre alt sein wird. Für diese Gruppe muss der E-Commerce spezifische Anforderungen erfüllen wie größere Schriftarten und intuitive Navigation, um die Nutzung zu erleichtern.
Neben den moralischen Verpflichtungen kommt nun auch eine gesetzliche: Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) fordert von Onlineshop-Betreibern, dass ihre Websites und mobilen Anwendungen barrierefrei gestaltet sind. Internationale Normen und Standards, wie die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG), bieten klare Richtlinien zur Gestaltung barrierefreier Websites. Die Einhaltung dieser Standards ist nicht nur aus rechtlicher Sicht sinnvoll. Auch für andere Kundinnen und Kunden verbessert sich so die User Experience maßgeblich.
Große Schrift, große Wirkung: Barrierefreiheit leicht gemacht
Barrierefreiheit im E-Commerce muss nicht kompliziert sein. Einige der effektivsten Maßnahmen betreffen vor allem das Design und die technische Umsetzung. Durch die Verwendung größerer Schriftarten wird der Text für alle Nutzer, insbesondere für ältere Menschen und Personen mit Sehbehinderungen, leichter zugänglich. Ein hoher Kontrast zwischen Text und Hintergrund (zum Beispiel ein Verhältnis von mindestens 4.5:1, wie von WCAG empfohlen) erleichtert das Lesen und verbessert die Wahrnehmung von Inhalten. Eine intuitive und gut strukturierte Navigation hilft außerdem allen Nutzern, sich schnell zurechtzufinden.
Klar erkennbare Menüs und eine logische Seitenstruktur sind hierbei entscheidend. Auch Inhalte einer Website können so gestaltet werden, dass sie für alle zugänglich sind. Den Kern hierbei bildet die Verwendung klarer und einfacher Sprache, wodurch der Inhalt für ein breiteres Publikum verständlich wird. Kurze und prägnante Sätze erleichtern das Verständnis und verbessern die Lesbarkeit. Außerdem sollten Bilder immer mit alternativen Texten versehen werden, die den Inhalt des Bildes beschreiben. Dies hilft nicht nur sehbehinderten Nutzern, sondern verbessert auch die Suchmaschinenoptimierung (SEO).
Durchführung regelmäßiger Überprüfungen
Um sicherzustellen, dass eine Website barrierefrei bleibt, sollten regelmäßige Überprüfungen durchgeführt werden. Eine Untersuchung von WebAIM (Web Accessibility In Mind) empfiehlt, Websites regelmäßig von Expert*innen für Barrierefreiheit überprüfen zu lassen und Tools und Software zu nutzen, die automatisierte Tests durchführen und auf Barrierefreiheits-Probleme hinweisen. Des weiteren stellen Schulungen der Entwickler und Content-Creatoren in den Grundlagen der Barrierefreiheit sicher, dass sie von Anfang an in den Entwicklungsprozess integriert wird. Das World Wide Web Consortium (W3C) bietet umfassende Schulungsmaterialien und Zertifizierungen an. Ein kontinuierlicher Lernprozess und das Bewusstsein für die Bedeutung von Barrierefreiheit innerhalb des Teams sind essenziell.
Pioniere gehen bei der Barrierefreiheit voran
Ein Blick auf erfolgreiche Unternehmen zeigt, wie Barrierefreiheit im E-Commerce innovativ und effektiv umgesetzt werden kann. Apple, Spotify oder Airbnb sind Vorreiter in der Implementierung barrierefreier Designprinzipien. Apple hat beispielsweise mit der Einführung von VoiceOver, einer integrierten Bildschirmlesefunktion, Maßstäbe gesetzt. Diese Funktion ermöglicht es sehbehinderten Nutzern, das volle Potenzial ihrer Geräte zu nutzen. Darüber hinaus hat Apple mit Assistive Access eine weitere wichtige Funktion integriert, die Menschen mit kognitiven Einschränkungen eine vereinfachte Benutzeroberfläche bietet und ihnen den Zugang zu den Geräten erleichtert. Auch Spotify und Airbnb haben mit wenigen Anpassungen nutzerfreundliche Plattformen geschaffen, die für eine große Menschengruppe zugänglich sind.
Stand: 16.12.2025
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Eine Analyse der aktuellen Situation im E-Commerce zeigt jedoch, dass es noch viel Raum für Verbesserungen gibt. Laut einer Studie von WebAIM von 2024 weisen 95,9 Prozent der Homepages der Top-1.000.000-Websites Verstöße hinsichtlich Barrierefreiheit auf. Das bedeutet, dass nahezu alle untersuchten Websites erhebliche Probleme in der Zugänglichkeit haben. Im Durchschnitt wurden auf jeder dieser Seiten 56,8 Zugänglichkeitsfehler festgestellt. Zusätzlich zeigt die Studie, dass einige spezifische Verstöße sehr häufig vorkommen, wie Text mit geringem Kontrast (81 Prozent der Seiten), fehlende Alternativtexte für Bilder (54,5 Prozent der Seiten) und fehlende Formularbeschriftungen (48,6 Prozent der Seiten).
Loyalität stärken und Zielgruppen erschließen
Die Umsetzung von Barrierefreiheit im E-Commerce bietet zahlreiche Vorteile, die weit über die Erfüllung gesetzlicher Anforderungen hinausgehen. Eine barrierefreie Plattform öffnet den Zugang zu einer größeren Zielgruppe. Menschen mit Behinderungen stellen einen großen Teil der Bevölkerung dar, der oft übersehen wird. Durch die Berücksichtigung ihrer Bedürfnisse können Online-Shops diese Kundengruppe erschließen und damit ihre Reichweite und ihren Umsatz erhöhen. Darüber hinaus fördert Barrierefreiheit auch die Kundenbindung. Nutzer, die positive Erfahrungen mit einem barrierefreien Onlineshop machen, kehren mit höherer Wahrscheinlichkeit wieder zurück und empfehlen den Shop weiter. Eine barrierefreie Website trägt auch dazu bei, die Absprungraten zu senken. Wenn Nutzer problemlos durch die Website navigieren und die gewünschten Informationen schnell finden können, sind sie eher bereit, länger zu bleiben und Einkäufe zu tätigen.
Laut einer Studie von Forrester Research führt eine verbesserte Zugänglichkeit und Benutzerfreundlichkeit zu einer Steigerung der Konversionsrate um bis zu 50 Prozent. Darüber hinaus fördert inklusives Design Innovation, wie beispielsweise die Entwicklung von Sprachsteuerungen à la Alexa und Siri, die ebenfalls aus dem Bedürfnis nach besserer Zugänglichkeit entstanden sind. Zusätzlich haben barrierefreie Plattformen oft eine bessere Suchmaschinenoptimierung (SEO). Suchmaschinen bevorzugen gut strukturierte und leicht zugängliche Inhalte, was zu einer besseren Platzierung in den Suchergebnissen und damit zu mehr organischem Traffic führt.
Barrierefreiheit im E-Commerce: Fazit und Ausblick
Barrierefreiheit im E-Commerce erreicht mehr Menschen, stärkt die Kundenbindung, verbessert das Markenimage und steigert die Verkaufszahlen. Unternehmen wie Apple, Spotify, und Airbnb zeigen, dass Barrierefreiheit nicht nur funktioniert, sondern auch sexy ist. Um barrierefrei zu werden, sind kontinuierliche Anpassungen und Engagement nötig. Neue Technologien müssen regelmäßig integriert und die Mitarbeiterinnen geschult werden. Feedback von Nutzern mit Behinderungen hilft, die Angebote weiter zu verbessern. Barrierefreiheit ist nicht nur gesetzlich und ethisch geboten, sondern auch eine strategische Chance. Unternehmen zeigen damit Inklusion und Innovation und sichern sich einen Wettbewerbsvorteil in der digitalen Welt. Klingt nach viel, ist es auch – aber es lohnt sich.
Marc Siefert ist Director Product & UX bei Silberpuls. Die Kreativagentur ist auf Design und Strategie digitaler Produkte spezialisiert. Mit mehr als 15 Jahren Erfahrung und über 900 erfolgreich umgesetzten Projekten bietet die Agentur umfassende Lösungen an, die von der Konzeption bis zur Markteinführung reichen.