Roboter befördern alles Mögliche durch das Lager. Dabei geht es nicht allein um Waren. Auf jedem Roboter fährt eine Idee mit. Die Idee von einer Lagerrobotik und einer Arbeitswelt, in der Menschen ihre Fähigkeiten nutzen und den Rest den Maschinen überlassen. Manche sagen dazu Industrie 5.0. Oder einfach nur: Fortschritt.
(Bild: Exotec)
Ein Roboter wuselt durch die Lagergänge, transportiert einen rund sechs Kilogramm schweren Kleinladungsträger (KLT). Darin liegt irgendein Artikel, den jemand online bestellt hat. Das Gewicht der Box könnte durchaus größer sein. Dem Autonomen mobilen Roboter (AMR) würde das keine Beschwerden bereiten, denn er schultert locker das Fünffache.
Der Roboter-Kollege bewegt sich flink in der Horizontalen und geht anschließend in die Vertikale. Mitsamt Box oder Tablar klettert er Regale zwölf Meter hoch, entledigt sich in luftiger Höhe seiner Ladung, nimmt gleich die nächste mit, setzt sicher auf dem Hallenboden auf und macht sich erneut auf den Weg zur Kommissionierstation. Die erreicht er über eine Rampe. Der Kommissionierer entnimmt dem KLT die bestellte Ware und der Roboter dreht ab. Zurück auf den Gang, hin zum Regal, wieder hochfahren, diesmal vielleicht nur acht Meter oder mehr oder weniger. Doch egal. Box abladen, nächste Tour. So geht das ewig und ewig und ewig weiter. In manchen Lagern ziehen 100 und mehr Roboter ihre Runden und schaffen dabei pro Stunde gut und gerne 3.000 Orderlines.
Kein Ausfall der Lagerrobotik – und wenn doch, steht sofort Ersatz parat
Wer will, mag diesen Prozess als eintönig bezeichnen. Aber eigentlich ist die Vokabel unangebracht, geradezu falsch. Nur Menschen empfinden Eintönigkeit, Maschinen fehlt dazu die Sensorik. Noch nie hat sich ein Sekundenzeiger darüber beklagt, dass er sich immer nur im Kreis dreht. Das klingt im ersten Moment banal – im zweiten Moment nicht. Wer sich genau diese Eintönigkeit vor Augen führt, kann ermessen, welch großartige Errungenschaft die Lagerroboter sind. Was sie auf ihren Kommissionier-Touren erledigen, ersparen sie den Menschen. Und die haben sehr wohl einen Begriff davon, was langweilige Arbeit ist.
Lagerroboter sind Instrumente, die bereitwillig Befehle „von oben“ ohne Murren ausführen. Wobei in diesem Fall mit „von oben“ die Software gemeint ist. Falls die Lagerkapazitäten an ihre Grenzen stoßen, sind Ergänzungsroboter da. Man holt sie einfach ins Team und sie können ohne Einarbeitung mit ihrer präzisen Arbeit beginnen. So lange, wie sie gebraucht werden. Danach nimmt man sie wieder raus. Echte Ausfallzeiten entstehen kaum. Wenn der eine Roboter zur Inspektion weg ist, dann springt im Bedarfsfall sofort sein Ersatz ein und dreht stattdessen die Runde.
Autonomie bei Robotern ist relativ
Da stellt sich die Frage: Warum geht es in diesem Bericht über Lagerrobotik mal nicht primär um Schlagwörter wie Effizienz, Schnelligkeit und Zuverlässigkeit? Eigentlich stehen doch gerade diese drei Begriffe bei den Verantwortlichen eines E-Commerce-Lagers im Pflichtenheft ganz weit oben.
Antwort: Weil sich der Perspektiv-Wechsel auf die Roboter lohnt. Was auf der einen Seite die Wirtschaftlichkeit und Überlebensfähigkeit eines Unternehmens maßgeblich beeinflusst, schafft auf der anderen Seite stereotype Prozesse. Und das ruft die Automatisierung auf den Plan. Autonome mobile Roboter sind ja nur in einem bestimmten, technisch festgelegten Rahmen autonom. Ihre Autonomie ist relativ, denn sie nutzen ausschließlich „programmierte Freiheiten“, die ihnen die IT zugesteht. Sie dürfen den Weg durch das Lager so wählen, dass sie Hindernissen ausweichen und am Ziel ankommen. Ansonsten besitzen sie keine echte Autonomie, wie man sie Menschen oder Staaten zuspricht.
Lagerrobotik
(Bild: Exotec)
Nur aus der Perspektive der Lagerorganisation sind die Roboter autonom. Tatsächlich sieht er in ihnen eine Technologie, die sich in letzter Konsequenz dem Lagerpersonal und den Lageranforderungen total unterwirft. Und so soll es auch sein. Roboter nehmen den Lagermitarbeitern das ab, was ihrem Menschsein entgegensteht – nämlich stupides Abarbeiten von nahezu immer gleichen Aufträgen.
Zwischen faszinierend und stinklangweilig
Das klingt fast philosophisch. Aber man darf ja mal die Frage aufwerfen, welches Menschenbild den Planern einer Logistikanlage vorschwebt. Ich bin der Meinung, dass Lagereffizienz und respektvoller Umgang mit Mitarbeitern zusammenpassen. Die Idee dahinter: Setze Menschen im Rahmen ihrer Fähigkeiten als intelligente Wesen ein und lass die Maschinen möglichst viel vom anspruchslosen Rest erledigen.
Und um ja nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, dass an dieser Stelle Roboter-Bashing betrieben wird: Die Technik, die hinter all dem steht, ist großartig und überwältigend. Man muss nur mal die Menschen beobachten, die auf Messen wie der LogiMat dem fleißigen Tun der Roboter zusehen. Trotzdem darf man die Unterscheidung nicht vergessen: Die Entwicklungs- und Ingenieurleistung fasziniert uns. Das, was die Roboter da letztlich tun, ist eher stinklangweilig.
Lagerrobotik macht keine Arbeitsplätze streitig
Das führt zu Industrie 5.0. Die robotergestützten Kommissioniersysteme gehören derzeit zu den besten Beispielen dafür, was diesen Begriff so revolutionär macht: Unternehmen rücken das Wohlergehen der Lagerarbeiter in den Mittelpunkt ihrer Dienstleistungs- und Produktionsprozesse. Dazu nutzen sie autonome Maschinen.
Stand: 16.12.2025
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Die Menschheit ist noch immer weit entfernt von paradiesischen Zuständen. Die heutigen Generationen müssen sich wohl mit dem Gedanken abfinden, dass es ganz ohne physischen Einsatz – gerade in der Logistik – noch lange nicht gehen wird. Aber so viel ist klar: Die Entwicklung in der Robotik nimmt Menschen körperlich anstrengende und geistig unterfordernde Arbeiten ab, ohne dem Lagerpersonal seinen Broterwerb streitig zu machen. Genau dafür wurden die Instrumente von Industrie 5.0 entwickelt. Das Ergebnis trägt einen einfachen Namen: Fortschritt. Menschlicher Fortschritt.
Markus Schlotter ist Managing Director Zentraleuropa bei Exotec.