Lieferungen an Privathaushalte sind die größte Herausforderung der Paketdienste. Doch die Hauszustellung wird für die Paketdienste wegen steigender Personalkosten, Kraftstoffpreise und Umweltregulierungen zu einem Problem. Nun könnte die „Letzte Meile“ dank Paketboxen zur Aufgabe der Kunden werden.
(Bild: Aleksandrs Muiznieks – stock.adobe.com)
Laut einer Kearney-Studie hat die Paketbranche im Jahr 2022 insgesamt rund 4,2 Milliarden Standardsendungen an Empfänger in Deutschland geliefert, das sind rund 14 Millionen Sendung pro Tag. Etwa 75 Prozent davon an private Haushalte. Aber die Welt zum Kunden zu bringen, hat seinen Preis. Auf dem Land treiben die steigenden Arbeitskosten, geringe Stoppdichte und Kraftstoffpreise die Kosten, in den Ballungsräumen Mehrfachzustellung und Regulierung in puncto Zugang, Parken und Emissionen.
Letzte Meile: Selbstabholung als Zukunft der Paketzustellung
Eine Lösung liegt darin, die „letzte Meile“ wieder an den Kunden abzugeben. Das heißt Pakete werden an einen nahen, leicht erreichbaren Ort geschickt, an dem das Paket vom Empfänger selbst abgeholt werden soll. Aktuell gibt es zwei praktikable Formen dieser sogenannten Out-of-Home-Zustellung. Die immer noch häufigere Form ist die Lieferung an ein Geschäft, einen Supermarkt, eine Tankstelle, bei dem Kunden ihre Pakete während der Geschäftszeiten abholen können. Allerdings zeigt die aktuelle Untersuchung, dass der Trend ganz klar in eine Richtung geht: Paketboxen, also automatische Paketautomaten oder Schließfächer, werden zu einer attraktiven Option für Transportunternehmen und Kunden, wenn sie bereit sind, neue Wege zu gehen.
Paketbranche ist zunehmend auf private Empfänger angewiesen
Während das Geschäft mit privaten Kunden auch in den nächsten fünf Jahren um rund zehn bis 20 Prozent steigen wird, wächst der Markt für Geschäftskunden lediglich mit der Rate des Bruttoinlandproduktes. Das Vorantreiben der Alternativen zur Hauszustellung für Privatkunden ist für alle Wettbewerber überlebensnotwendig. Mit über 50 Prozent der Lieferkosten ist die letzte Meile bis zur Haustüre mit Abstand der teuerste Teil und die Hauszustellung, die am wenigsten effiziente Zustellart. Eine Rechnung zeigt, dass eine Lieferung, die beispielsweise 3,50 Euro kostet, im Mittel bei der Nutzung einer Paketbox statt der Hauszustellung rund einen Euro pro Paket spart. Die Gewinnspanne steigt dabei um etwa 30 Prozentpunkte, wenn die Einsparung nicht anteilig mit dem Versender und Empfänger geteilt würde.
Letzte Meile: Umweltfreundliche Paketboxen als Wettbewerbsvorteil
Auf der Umweltseite hingegen mehren sich die Forderungen, Stadtzentren in Nullemissionszonen zu verwandeln oder die Elektrifizierung kommerzieller Flotten zu erzwingen. Zudem wird der Einsatz von LKWs und Transportern in bestimmten Gebieten oder zu bestimmten Tageszeiten eingeschränkt. Wenn die Verbraucher die Paketboxen bequem ohne Pkw erreichen können und das Fahrzeug, mit dem ein Schließfach beliefert wird, umweltfreundlich ist, können die Emissionen der letzten Meile schätzungsweise 15-mal niedriger sein als bei der Hauszustellung. Die Konsequenz liegt auf der Hand: Lieferunternehmen, die bei der Ausweitung auf Paketboxen hinterherhinken, riskieren zunehmend Nachteile in diesem hart umkämpften Markt.
Letzte Meile: Paketboxen dürften sich langfristig durchsetzen
Die Frage ist, ob die Kunden bereit sind sich darauf einzulassen, nachdem sie an den Komfort der Hauszustellung gewöhnt sind. Der Nutzen für Verbraucher dreht sich um die Erreichbarkeit und Verfügbarkeit der Paketbox und die Möglichkeit, Zustellkosten zu sparen. Richtig interessant wird es also dann, wenn für den Endkunden die Hauszustellung teurer wird als die Paketboxnutzung. Aktuell verlangen DHL und Co. noch keinen Aufpreis, das könnte sich aber bald ändern und die Akzeptanz von Paketboxen schlagartig erhöhen. Die Vorteile für den Verbraucher hinsichtlich Kosten, Rücksendekomfort und Nachhaltigkeit erscheinen eindeutig, könnten jedoch auch durch die Zustellung in ein Geschäft nebenan realisiert werden. Was spricht also für das langfristige Durchsetzen von Paketboxen?
Paketboxen: Flexibilität und Komfort für die Generation der Zukunft
Eine nicht-repräsentative Umfrage deutet darauf hin, dass insbesondere jüngere Verbraucher die Vorteile von Paketboxen, wie die kontaktlose Kundenerfahrung und die Möglichkeit, Zeit und Ort frei zu wählen, sehr schätzen. 70 Prozent nannten kurze Abholzeiten und die Verfügbarkeit rund um die Uhr als wichtige Gründe, warum sie Paketboxen vorziehen. Rücksendungen sowie der Verkauf von Secondhand-Ware machten vor allem während der COVID-Pandemie einen wachsenden Anteil der Gesamtsendungen aus. Ein Trend, der sich fortsetzt. Genau hier setzen die Paketboxensysteme an. Rücksendungen ohne Etikett und die Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit machen sie für Verbraucher gegenüber den traditionellen Sendungs- und Rücksendungsmöglichkeiten überlegen.
Stand: 16.12.2025
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Druck auf die Politik steigt – Paketboxen sollen für alle zugänglich werden
Paketboxen könnten einen mächtigen, sich selbst verstärkenden Wachstumszyklus in Gang setzen, der die gesamte Logistik zum Endkunden umgestaltet. Mehr Paketboxen und Preisdifferenzierung erhöhen die Akzeptanz. Dies treibt in Verbindung mit dem steigenden Kostenvorteil mehr Investitionen in Paketboxen. Je größer die entsprechenden Netzwerke werden, desto bequemer werden sie für die Kunden. Dieser „Schwungradeffekt“ könnte sich als besonders ausgeprägt für „First Mover“-Anbieter und Marktführer erweisen. Diese können frühzeitig Markenbekanntheit, Kundentreue und Skaleneffekte aufbauen und sich die günstigsten und kosteneffizientesten Standorte sichern. 2022 sind Paketboxennetze in den meisten europäischen Ländern um 3.000 bis 6.000 Paketboxen pro Land gewachsen.
Paketboxen: Europas Zukunft mit 400.000 neuen Abholstationen
Das Wachstumspotenzial wird auf etwa 400.000 zusätzliche Paketboxen auf dem gesamten Kontinent geschätzt. Unterm Strich werden sich Lieferdienste mit einer großen Präsenz durchsetzen. Es könnte aber auch anders kommen: In einigen europäischen Ländern, wie Polen, haben sich Paketboxenbetreiber anfangs ohne eigenes Verteilnetz bereits eine Pole-Position erkämpft und wachsen derzeit stärker als die Zustelldienste. Diese könnten zu Subunternehmen der großen Boxennetzwerkbetreiber werden.
Investoren und Regulierung: Neue Dynamik im Kampf um Logistikstandorte
Infrastrukturfonds sind interessiert, Investitionen in Paketboxen im großen Stil zu finanzieren. Während es zwischen den Lieferdiensten ein Wettbewerb um die besten Standorte gibt, erhöht sich der Druck auf die Politik, eine Regulierung zu schaffen, die die Eigentümer der Paketboxen zwingen könnte, diese allen Zustellern zugänglich zu machen. Das spielt neutralen Boxennetzwerken in die Karten.
Ein Wettbewerbsvorteil der Vorreiter unter den Lieferdiensten könnte auch dann bleiben, denn es wird Möglichkeiten geben, den ‚eigenen Paketen‘ gewissen Vorteile zu verschaffen. Das Rennen um die Paketboxen könnte der Nokia-Moment der Zustellbranche sein.
Dr. Sven Rutkowsky ist Partner bei der Unternehmensberatung Kearney.