In Zeiten rascher Digitalisierung und steigender Kundenerwartungen wandelt sich die Art und Weise, wie wir einkaufen und bezahlen. Online- und offline-Welten verschmelzen zunehmend zu einem ganzheitlichen Kauferlebnis, auch als „Unified Commerce” bezeichnet. Veränderte Zahlungsgewohnheiten treiben diesen Wandel.
(Bild: tippapatt– stock.adobe.com)
Wer heutzutage ein Produkt oder eine Dienstleistung kauft, macht das über viele verschiedene Wege – online, mobil, oder vor Ort. Kunden bestellen zuhause vom Sofa aus und holen die Ware im Geschäft ab. Sie informieren sich persönlich, buchen aber später im Netz. Oder sie bezahlen vor Ort, wollen die Ware aber nach Hause liefern lassen. Händler sind daher gezwungen, ihre online- und offline-Vertriebswege miteinander zu vernetzen. „Unified Commerce“ ist das Gebot der Stunde.
Digitale Wallets werden beliebter
Mit den veränderten Kaufgewohnheiten gehen neue Bezahlmethoden einher. Insbesondere jüngere Generationen zeigen eine Vorliebe für das Bezahlen mit digitalen Geldbörsen, auch Digital Wallets oder E-Wallets genannt. Das sind Dienste, die elektronische Transaktionen ermöglichen, ohne physisches Bargeld oder eine physische Karte zu verwenden. Zu den bekanntesten digitalen Wallets gehören Apple Pay, Google Wallet (Google Pay), Klarna, Amazon Pay und PayPal.
Technisch gesehen handelt es sich bei Wallets primär um einen Ort, um Karteninformationen sicher zu hinterlegen. Nutzer können ihre Debit- oder Kreditkarte verknüpfen und Zahlungen sowohl online als auch offline am Point-of-Sale (POS) bequem und reibungslos über ihr Smartphone abwickeln. Eine traditionelle Debit- oder Kreditkarte oder eine SEPA-Lastschrift bleibt die Grundlage für diese Zahlungsvorgänge.
Im Moment konkurrieren die Geldbörsen heftig um die Gunst der Verbraucher und investieren viel, um die bevorzugte Zahlungsmethode zu werden. Eine Anekdote am Rande: Klarna, einer der größten Anbieter von Rechnungskauf, wagt sich jetzt in den Wallet-Bereich. Wie hoch das Potenzial von Wallets ist, geht aus einer im Mai 2023 veröffentlichten Studie des Handelsforschungsinstituts EHI in Köln hervor. Demnach hat Paypal den Kauf auf Rechnung erstmals als beliebteste Zahlungsmethode überholt. Fast 30 Prozent aller Käufe im Internet werden per Paypal beglichen.
Unified Commerce: Barzahlungen nehmen ab, Kartenzahlungen zu
Auch im Laden verschieben sich die Gewohnheiten. Zwar werden noch immer 36,5 Prozent des Gesamtumsatzes im Einzelhandel mit Münzen und Scheinen bezahlt. Doch der Trend geht klar zur Karte. So ist der Anteil von Bargeld am gesamten Transaktionsvolumen binnen vier Jahren deutlich gesunken (von 44,7 Prozent im Jahr 2019 auf 30,7 Prozent im Jahr 2023). Vor allem bei größeren Beträgen werden Kartenzahlungen bevorzugt. Dabei nutzen Deutsche am liebsten ihre Debitkarte – wie andere Europäer übrigens auch. Zudem bezahlen immer mehr Menschen auch im Laden mit dem Smartphone oder anderen Geräten, nutzen also mobile Wallets wie ApplePay (von 6 Prozent im Jahr 2019 auf 23 Prozent im Jahr 2023).
Request-to-Pay wird Zahlungen verändern, aber Kreditkarten und Rechnungskauf nicht ersetzen
Request-to-Pay bedeutet übersetzt „Aufforderung zum Bezahlen“ und ist eine standardisierte, digitale Zahlungsaufforderung im SEPA-Raum. Es handelt sich nicht um eine neue Zahlungsmethode, wie teilweise fälschlich behauptet wird, sondern um ein standardisiertes Benachrichtigungsprotokoll. Klingt langweilig, bringt aber zahlreiche Vorteile, und das nicht nur im e-Commerce. Für Kunden ist Request-to-Pay sicher, transparent und einfach; Händler haben ein geringeres Risiko von Zahlungsausfällen und können eingehende Zahlungen klar zuordnen. Das spart Zeit und Kosten.
Konkret gibt der Kunde seine Daten im Checkout an, worauf der Zahlungsempfänger eine Aufforderung mit Informationen wie Zahlungsfrist oder Rechnungsreferenz erhält. Der Kunde kann nun ablehnen, annehmen und sofort oder später bezahlen. Nimmt er die Zahlung an, kann er über das Online-Banking eine (Echtzeit-)Überweisung initiieren.
Dennoch bezweifle ich, dass sich Request-to-Pay schnell durchsetzen wird, denn aus Kundensicht gibt es gute und etablierte Alternativen. Bezahlmethoden wie Apple und Google Pay sind besonders nutzerfreundlich; und Kreditkarte und Rechnungskauf haben den Vorzug, dass das eigene Bankkonto nicht sofort belastet wird. Der Mehrwert einer „One-Click”-Banküberweisung ist aus Kundensicht hingegen eher gering, sodass uns klassischen Zahlungsmethoden noch viele Jahre erhalten bleiben.
Ein digitaler Euro würde den Zahlungsverkehr umkrempeln
Ähnlich skeptisch bin ich beim digitalen Euro, auch wenn das Vorhaben grundsätzlich lobenswert und richtig ist. Wenn es nach dem Wunsch der Europäischen Zentralbank (EZB) geht, könnte der digitale Euro schon bis 2028 Realität werden. Bezahlt würde per Smartphone oder Chipkarte, und Verbraucher könnten Bargeld an Automaten in digitale Euros umtauschen und umgekehrt. Online-Zahlungen mit dem digitalen Euro wären direkt mit dem Bankkonto verknüpft, für Offline-Nutzung müsste vorab Geld auf eine spezielle Geldbörse geladen werden.
Stand: 16.12.2025
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All dies soll Zahlungen einfacher, schneller und sicherer machen und die Autonomie und Währungshoheit des Euroraums stärken. Obendrein könnte ein digitaler Euro – so hofft die EZB – Innovationen hervorbringen. Es wäre beispielsweise denkbar, dass autonome Fahrzeuge selbst tanken oder ein Kühlschrank eigenständig Milch im Supermarkt bestellt und bezahlt.
Ich bin davon überzeugt, dass der Erfolg dieser Initiative weitgehend davon abhängt, wie sehr Verbraucher den digitalen Euro nutzen werden. Dazu muss der digitale Euro sicher, einfach zu benutzen und bequem sein. Angesichts der zunehmenden Beliebtheit von Wallets könnten vor allem die letzten beiden Kriterien knifflig sein.
Vertrauen ist Schlüssel für Wandel hin zum Unified Commerce
Ob sich neue Zahlmethoden oder Innovationen durchsetzen, hängt wesentlich vom Vertrauen der Konsumenten ab. Das gilt für Vorhaben wie den digitalen Euro ebenso wie für Request-to-Pay, den kürzlich gestarteten digitalen Bezahldienst Wero oder das autarke Auto, das selbst tankt.
Im Ladengeschäft geht der Trend hin zu immer automatisierteren Systemen. Biometrische Autorisierungsmethoden wie Fingerabdrücke und Gesichtserkennung könnten physische Zahlungsgeräte in Zukunft überflüssig machen. Traditionelle Kassen werden durch Selbstbedienungskassen ersetzt, die dank Gewichtssensoren oder Bilderkennung selbstständig kassieren. Und Technologien wie die Near-Field-Communication (NFC) oder QR-Code-Zahlungen versprechen, den Bezahlvorgang nicht nur schneller, sondern auch sicherer und komfortabler zu gestalten.
Wie sieht die Zukunft des Bezahlens im Unified Commerce aus?
Deutschland gewöhnt sich nur langsam an die Digitalisierung, was sich auch im Zahlungsverkehr zeigt. Umliegende Länder wie meine Heimat Niederlande haben das bargeldlose, kontaktlose Bezahlen schon viel früher eingeführt.
Doch die Pandemie lehrte mich, dass die Deutschen ihr Verhalten sprunghaft ändern können, wenn sie es wollen. Quasi über Nacht war es möglich, ein einzelnes Croissant mit Karte zu bezahlen. Überspitzt gesagt: Ihre Sorge vor Erregern war größer als ihre Abneigung gegen Technologie.
Inwieweit Covid durch Bargeld tatsächlich übertragen wurde, vermag ich nicht zu beurteilen. Fakt ist aber: Seit der Pandemie hat sich der Trend hin zu Unified Commerce und zu kontaktlosem Bezahlen in allen Altersgruppen in Deutschland beschleunigt und lässt sich nicht mehr aufhalten. Eine vielversprechende Entwicklung.
Robert Bueninck ist ein erfahrener Experte der Zahlungs- und Handelsbranche. Er leitet Unzer als Chief Executive Officer seit Sommer 2021. Das Unternehmen unterstützt mehr als 85.000 Händler in Europa.