Neue Technologien 360-Grad-Showroom: 3D und AR machen es möglich

Verantwortlicher Redakteur:in: Heiner Sieger 5 min Lesedauer

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Der E-Commerce braucht dringend neue Impulse. Was sich in Zukunft verändert und was heute schon anders gemacht werden kann und muss. Am Beispiel eines 360-Grad-Showrooms in 3D und AR.

(Quelle:  Margo_Alexa – stock.adobe.com)
(Quelle: Margo_Alexa – stock.adobe.com)

360°-­Showroom als Lösung? Der E-Commerce hat nach dem Boom der Pandemie ein Problem. In Q1 und Q2 2023 zeigen die Wachstumskurven erstmals nach unten. Kurz zuvor musste selbst der Branchenprimus die Halbierung seines Börsenwerts verkraften. Der gerade noch wachstumsverwöhnte Onlinehandel muss sich auf Stagnation einstellen – und damit auf mehr Wettbewerb zwischen den Marktteilnehmern. Ein starkes Differenzierungspotenzial wurde bisher sträflich vernachlässigt: die Experience des Nutzers in den Shops. Das Augenmerk im E-Commerce liegt auf den Lower-Funnel-KPIs und der Experience des Nutzers mit dem Shopsystem. Schnelle Wege zum Checkout, personali­sierte Incentivierung, Backend- und Logistikoptimierung – fraglos wichtige Aspekte, aber in ihrer Differenzierung ausgereizt.

Produktpräsentation im 360°-­Showroom?

Bei der Produktpräsentation bleibt es meist bei Altbewährtem: Texte, Bilder, manchmal Video und (vor allem) der Preis. Oft sieht man den Inhalten ihre Herkunft aus Produktdatenbanken deutlich an. Die Differenzierung zu anderen Shops geht so vor allem über Rabatte, Lieferzeit und -kosten.

Bei funktionsorientierten und preiswerten Produkten macht das auch durchaus Sinn. Bei Produkten wie TV-Geräten, Möbel oder Accessoires hat der Onlineshop aber immer auch eine Mid-Funnel-Aufgabe: Weil immer mehr lokale Stores wegfallen, muss er die Frage beantworten: „Welche Variante, Größe, Farbe passt perfekt für mich?“. Bleiben diese Antworten aus, passieren oft zwei Dinge: Entweder wird der Kauf abgebrochen, zugunsten einer Nachdenkphase verschoben, oder es werden mehrere Varianten geordert. Das eine ist schlecht für die Conversion, das andere schlecht für die Retourenquote.

Da geht was! 3D, AR und ein 360°-Showroom für alle

Beim Mid-Funnel ist es eine wichtige, wenn nicht die wichtigste Aufgabe, die Begehrlichkeit für ein Produkt bis zur Conversion weiter zu steigern. Das schafft man mit Inhalten, die Kunde und Produkt verbinden, die Produkte erlebbar machen und neben der Frage „Passt es für mich?“ ein „Will ich haben!“ schaffen. Auftritt 3D und Augmented Reality (AR): Beide Technologien bieten genau dafür eine skalierbare Lösung – ohne große Investitionen auf Seiten des Shopbetreibers. Aktuelle Smartphones der Nutzer haben schon alle Komponenten, um in mobilen Shops per Klick direkt ein AR-Erlebnis aufzurufen: hochauflösende Displays, Prozessoren mit Rechenpower und schnelles mobiles Netzwerk.

Branchenprimus Ikea macht vor, wie 3D und AR konsequent im digitalen Möbelmarketing geht: Viele Katalogabbildungen sind 3D-gerendert, mit der AR-App kann man aktuelle Möbel vorab in die eigenen Räume stellen und ein 3D-Einrichtungstool lässt einen schon mal virtuell das Zimmer leerräumen und dann mit Ikea einrichten.

Einfach den QR-Code im eigenen Smartphone scannen, im 360°-Showroom AR mit Klick auf Hotspots (Kreise) starten, Anweisungen folgen, Produkte erleben und im Foto festhalten.(Cynapsis Interactive)
Einfach den QR-Code im eigenen Smartphone scannen, im 360°-Showroom AR mit Klick auf Hotspots (Kreise) starten, Anweisungen folgen, Produkte erleben und im Foto festhalten.
(Cynapsis Interactive)
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(Cynapsis Interactive)

Warum also verpassen viele Hersteller und Onlinehändler momentan diesen Trend?

Das hat drei wesentliche Gründe.

• Erstens: Das Augenmerk der Shopbetreiber liegt eher auf der Optimierung von Shoptechnik, Prozess- und Preisgestaltung, nicht auf Produktpräsentation.

• Zweitens: Oft wird befürchtet, 3D- und AR-Inhalte zu erstellen, sei ein hochtechnisches teures Unterfangen für Spezialisten. Dabei haben die meisten Hersteller längst die 3D-Daten in petto, die sich einfach und effizient in AR-Dateien konvertieren lassen.

• Drittens: „AR haben wir vor fünf Jahren schon mit einer App probiert. Die hat aber keiner runtergeladen“. Das war vor fünf Jahren, AR-Funktionen in aktuellen Smartphones sind auch ohne App-Download ready to use.

Vielleicht fehlt aber auch der ein oder andere bekannte Case, der AR den Weg in die Shops öffnet. Deshalb hier ein 360°-­ Showroom, ohne Fotoshootings, der buchstäblich in jede Hosentasche passt.

Die Zutaten: Ein Raum aus einer 3D-Bilddatenbank, der zusammen mit einigen Produkten in ein 360°-Bild gerendert und mittels aktueller Webtechnik interaktiv gemacht wird. Und schon kann ein Shop seine aktuellen Angebote nicht nur in der üblichen Bildergalerie, sondern interaktiv als 360°-Panorama und in AR erleben lassen: Möbel, Teppiche, Heimtextilien, Unterhaltungselektronik, Lampen… Die 3D-Dateien werden einfach für Showroom und AR genutzt. Die Technologie ist also kein Grund (mehr) dafür, dass AR noch nicht ihren Platz im E-Commerce-Instrumentarium gefunden hat. Vielleicht ist Apples neue Technologie der längst erwartete Push: Mit der ins Betriebssystem iOS 17 integrierten Funktion „Object Capture“ können mit jedem iPhone ab Version 12 einfach selbst 3D-Versionen von Objekten erstellt werden. Die ersten Apps dafür kann man im App Store herunterladen.

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In Zukunft geht noch mehr! AR auf dem Smartphone ist der Anfang

Apropos Apple: Die angekündigte XR-Brille „Vision Pro“ ist noch zu teuer für eine große Zielgruppe. Doch sie zeigt, welche Customer Experience die nächste Generation von Endgeräten bald auch für ein größeres Publikum ermöglicht. Und Apple arbeitet schon an einem günstigeren Modell. Meta bringt mit der Quest 3 parallel ein echtes Consumer-Gerät heraus. Beiden gemeinsam: Sie setzen neben den VR-Funktionen vor allem stark auf AR und Mixed Reality. Ziemlich sicher, dass ein immer größerer Teil von E-Commerce und Beratung in Zukunft auf solchen Geräten stattfinden wird.

Als Steve Jobs das iPhone 2007 mit dem markigen Satz „today Apple is going to reinvent the phone“ ankündigte, fanden das die meisten stark übertrieben. Dass aus dem mobilen Telefon das Multitool der Digitalisierung wird, hat selbst Jobs vermutlich bei Iphone 1 nicht genau so vorhersehen können.

Ich bin fest davon überzeugt, dass es sich mit 3D-Inhalten und AR ebenso verhält und sie Einzug in den E-Commerce halten. Mit neuen, immer leichteren und leistungsfähigeren Devices und schneller Datenanbindung werden Mixed-Reality-End­geräte zu Standardtools, mit denen Produkte so einfach und komfortabel wie heute schon per Smartphone erlebt und geshoppt werden können. Hand- und Sprachsteuerung werden wir so selbstverständlich nutzen wie die bei ihrer Einführung ungeliebte Computermaus oder die Touch-Gesten in iPhone und iPad. Wem das zu viel Zukunftsmusik ist: Der 360°-Showroom mit AR ist ready to use. Wir stehen mit 3D und AR an der Schwelle, an der vor Jahren das Videomarketing stand. Hersteller und Shops tun gut daran, neben der Optimierung ihres Shopsystems endlich auch ihre Produktpräsentationen zu pushen. Es ist überfällig. Es ist inzwischen einfach möglich. Und vor allem: Es lohnt sich!

(Cynapsis Interactive)
(Cynapsis Interactive)

Der Autor Marcus Veigel ist Gründer und Geschäftsführer der digitalen Kreativagentur Cynapsis Interactive und im Vorsitz der Digitalagenturen im Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW).