Kunden zu gewinnen, steht meist an allererster Stelle, wenn in Unternehmen über Wachstum und das Erreichen von Zielen nachgedacht wird. Die After-Sales-Phase im B2B-Geschäft, also die Kundenbetreuung und Services nach dem Auftragseingang, werden oft vernachlässigt.
(Bild: WrightStudio/Adobe Stock)
Zum After-Sales-Bereich gehört für viele B2B- ebenso wie B2C-Händler die Retouren-Thematik, ganz gleich ob Widerrufs-Retoure, Rückgabe, oder Umtausch. Jedoch riskieren sie dabei, dass negative Erfahrungen dazu führen, dass selbst Kunden, die mit den Produkten zufrieden sind, nicht wieder im Shop einkaufen. Das mag bei einzelnen Privatkunden zu verschmerzen sein, im B2B-Geschäft wiegt ein schlechtes Kundenerlebnis aber besonders schwer, denn Auftragsvolumina sind in der Regel größer und gute Kundenbeziehungen langfristiger.
Wenn man sich vor diesem Hintergrund an die Faustregel erinnert, dass für einen Neukunden zwei bis drei Mal so viele Ressourcen aufgebracht werden müssen als für einen zufriedenen Stammkunden, fällt schnell auf, dass sinnvolle und leistungsfähige Tools im After-Sales für Händler mit Fokus auf dem B2B-Geschäft von zentraler Bedeutung sind.
B2B-Geschäft: Humanisierung wird wichtiger
Geprägt vom privaten Einkaufserlebnis und den Lieferkettenproblemen in den letzten Jahren, haben Einkäufer im B2B-Umfeld inzwischen auch höhere Erwartungen an Flexibilität und Betreuung durch ihre Zulieferer. Der Schluss daraus: Im B2B-Geschäft muss der gleiche Komfort und Service herrschen wie im B2C-Bereich. Entsprechend ist zu empfehlen, dass Ansprechpartner nicht nur in ihrer Rolle im jeweiligen Unternehmen wahrgenommen werden, sondern als Einzelpersonen mit Erwartungen und Wünschen.
Dies sollte sich in der Art und Weise widerspiegeln, wie die Kommunikation mit den Kunden geführt wird. Grundsätzlich empfiehlt es sich die Frage „Wie kann ich helfen?” im Hinterkopf zu bewahren. Lösungsorientierung und Dialogoffenheit sind zwei Kernelemente, die gerade im After-Sales die Kundenbeziehung auch bei Reklamationen positiv vertiefen können.
Individualisierung im E-Commerce erreicht das B2B-Geschäft
Grundsätzlich ist festzustellen, dass auch das B2B-Geschäft kleinteiliger wird. Das Einkaufsverhalten der Kundschaft bewegt sich weg von großen, regelmäßig getätigten Bestellungen, hin zu Bestellungen on-demand. Was allerdings gleich bleibt ist die Erwartungshaltung an Service und Komfort, egal ob Einkäufer alle sechs Monate eine große Bestellung aufgeben, oder nun ad hoc Einzelbestellungen tätigen. So wird das Geschäft mit Unternehmenskunden allgemein kleinteiliger und die Prozesskomplexität auf der Händlerseite vervielfacht sich.
Verstärkend auf diese Dynamik wirken Diskrepanzen bei den Prozessen vor und nach dem Kauf: Händler, die Kunden mit digitalem Komfort und gutem Marketing zum Kauf animieren, die Anliegen der Unternehmenskunden nach dem Kauf aber über Mitarbeiter regeln, die die individuellen Vertragsbedingungen in Ordnern nachschlagen müssen, spüren den steigenden Druck durch den Wandel im B2B-Geschäft besonders stark.
Für dieses neue Einkaufs- und Rückgabeverhalten sind die wenigsten B2B-Onlineshops gerüstet. Händler stehen vor der Herausforderung, dafür zu sorgen, dass ihre Systeme die Veränderungen stemmen können. Bei allem Wandel ändert sich nämlich ein kritischer Aspekt nicht: Die Toleranz für schlechte Erfahrungen mit Händlern ist weiterhin verschwindend gering, wenn überhaupt vorhanden. Einkäufer müssen Verzögerungen oder Fehler bei Lieferungen vor ihren Vorgesetzten verantworten. Eine missglückte Bestellung zieht Konsequenzen mit sich – vom verzögerten Projektstart, der Produktionsverzögerung bis hin zum neuen Mitarbeiter, der am ersten Tag nicht arbeiten kann, weil der Laptop fehlt.
Neue Lösungen finden sich nicht in alten Systemen
Im B2B-Bereich verlässt man sich in weiten Teilen noch heute auf festgelegte Ansprechpartner für die jeweiligen Unternehmenskunden. Dieser Lösungsansatz war bisher als Gradwanderung zwischen Nahbarkeit, Effizienz und Skalierbarkeit sinnvoll. Durch die gestiegene Kleinteiligkeit der Aufträge oder Bestellungen und die wachsende Prozesskomplexität, kann eine reibungslose, individuelle Betreuung durch fest zugeteilte Ansprechpartner für Unternehmenskunden nicht mehr durchgehend gewährleistet werden. Dadurch leidet bei Händlern die Effizienz und der Mehraufwand schmälert die Marge. Self-Service-Tools kommt hier zur Lösung des Problems eine Schlüsselrolle zu: Sie schaffen die so dringend benötigten Kapazitäten, um den Erwartungen von Unternehmenskunden gerecht zu werden.
Komplexität vorgreifen: Hilfe zur Selbsthilfe
Mit der steigenden Kleinteiligkeit und der damit einhergehenden Prozesskomplexität braut sich für viele Unternehmen im Kundenservice des B2B-Geschäfts eine ungünstige Gemengelage zusammen: Kundenzufriedenheit zu gewährleisten, wird zur Herausforderung, da parallel kleinteiligere und weniger regelmäßige Auftragsvolumina höhere Anforderungen an das Service-Level stellen, während gleichzeitig anspruchsvolle Kundenbeziehungen und eine größere Arbeitslast durch Regulatorik und Zahlungsabläufe zu navigieren sind. Diese Gemengelage zu adressieren kann nur auf Entscheider-Ebene passieren, denn die Prozesse im gesamten After-Sales müssen angepasst werden.
Stand: 16.12.2025
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Automatisierungsmaßnahmen sind der Schlüssel zum Schaffen der Kapazitäten, die notwendig sind, um die Veränderungen im Kundenverhalten zu stemmen. Derzeit steigt die Arbeitslast im After-Sales effektiv, aber ohne positive Effekte in der Bilanz. Denn von der Frage zum Lieferstatus bis hin zur Reklamation auf Grund eines Produktionsfehlers landen alle Kundenanliegen nach dem Kauf gleichermaßen bei Kundenservicemitarbeitern, während bei Kunden der Verhaltenstrend zu kleineren Bestellungen und mehr on-demand sich fortsetzt.
B2B-Geschäft: Veränderungen als Chance begreifen
Entscheider, die diese Herausforderung unbeantwortet lassen, oder sie gar nicht erst wahrnehmen, steuern auf eine unangenehme Situation zu. Sie zeigt sich entweder im Kundenservice durch überlastete Mitarbeiter oder bei der Kundschaft selbst durch wachsende Unzufriedenheit. Beide Konstellationen sind leichter zu verhindern als zu revidieren. Ebenfalls können die notwendigen Veränderungen auch als Chance verstanden werden, gleich mehrere Dinge umzusetzen: Denn ganz gleich, ob B2B- oder B2C-Geschäft, Rückversand und Kostenrückerstattung als Universallösung sollte wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit längst ausgedient haben.
Artjom Bruch ist CEO bei Trusted Returns, einer IT-Plattform für das Retourenmanagement im E-Commerce und für den Handel. Im Vordergrund stehen Lösungen für die Verbesserung der Consumer Experience, die Kostenreduzierung und Umsatzsteigerung.