Viele deutsche Unternehmer zögern noch beim Einsatz digitaler Lösungen, um ihre Geschäftsprozesse zu vereinfachen. Allein im unabhängigen Einzelhandel sehen mehr als 60 Prozent der Befragten keinen Bedarf oder scheuen die Digitalisierung aus Überforderung, ergab eine Studie von IFH Köln und der Großhandelsplattform Faire.
(Quelle: Funtap - Adobe Stock)
Im DESI-Index der Europäischen Kommission liegt Deutschland auf Platz 13 von 27 und befindet sich damit im Mittelfeld unter den EU-Ländern. Der Digitalisierungsindex des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt darüber hinaus: Im Groß- und Einzelhandel besteht besonderer Nachholbedarf. Von zehn untersuchten Branchen belegt er mit geringem digitalem Fortschritt gerade einmal Platz neun. Woran liegt das? In einer Diskussionsrunde von Faire.com zum Thema „Hat Deutschland eine Digitalisierungsallergie?“ tauschten sich Experten dazu aus.
Lasst uns nicht von Digitalisierung sprechen
Zunächst einmal eine gute Nachricht: Die generelle Bereitschaft zur Digitalisierung ist da. Beispielsweise gaben in der Studie des IFH Köln und Faire 64 Prozent der befragten Einzelhändler an, offen für digitale Beschaffungsmöglichkeiten zu sein. Die Umsetzung fällt vielen jedoch noch schwer. 22 Prozent der Händler sind nach eigener Angabe mit dem digitalen Angebot überfordert. Ebenso viele Einzelhändler haben nicht das nötige Fachwissen, um sich mit der Digitalisierung auseinanderzusetzen oder in sie zu investieren.
Der Einzelhandel ist an vielen Stellen traditionell analog geprägt – denn hier liegt seine Stärke. Das Geschäft lebt vom persönlichen Kundenkontakt und dem physischen Einkaufserlebnis. Nicht nur zwischen Händlern und ihren Kunden, sondern auch im Großhandel. Markenbindung gelingt am besten durch persönliche Erlebnisse, viele Waren wie zum Beispiel Kleidung oder Parfums wollen angefasst, gerochen, erlebt werden.
Digitalisierung wirkt auf Einzelhandel abschreckend
Digitalisierung muss jedoch nicht bedeuten, zu einer unpersönlichen Marke zu werden und sich den etablierten Shopping-Plattformen anzugleichen. Vielmehr sollte sie ein Hilfsmittel sein, um aufwändige Prozesse zu vereinfachen und zu beschleunigen. Dass sich Händler dabei von digitalen Partnern nicht angesprochen fühlen, sei nachvollziehbar. In unserer Diskussionsrunde waren wir uns einig, dass allein der Begriff „Digitalisierung“ häufig zu komplex und daher abschreckend sein kann. Er wirkt wie eine große Transformation hin zu einem Geschäft, das nicht mehr das eigene ist und weniger wie eine Vielzahl kleinerer Verbesserungen im Arbeitsalltag.
Eine Ursache könnte in der Arbeitsweise der Digitalwirtschaft liegen, die sich mit der häufigen Verwendung von Buzzwords ein Stück weit exklusiv gibt. Stattdessen sollte man das Thema menschlicher machen und einfach und konkret darstellen, wie Händler administrative Aufgaben einfacher und schneller erledigen können, um mehr Zeit für den persönlichen Austausch mit Kunden oder einen früheren Feierabend zu gewinnen.
Überschätzte Risiken und unterschätzte Chancen
Deutsche Einzelhändler zögern also bei der Digitalisierung aufgrund einer gewissen Skepsis vor dem Neuen und Unbekannten. Die Umstellung auf digitale Prozesse wird oft als teuer, kompliziert und unsicher wahrgenommen. Gleichzeitig wird das Potenzial digitaler Lösungen zur Verbesserung der Geschäfte unterschätzt. Auch wenn Digitalisierung nicht mehr als große, überblickbare Veränderung wahrgenommen wird und der Fokus auf der Verbesserung einzelner Prozesse liegt, bleiben Deutsche gerne skeptisch.
In Gesprächen mit Einzelhändlern erfahren wir, dass es auch bei genug Wissen schwer ist, aus dem traditionellen Habitus auszubrechen. Gerade im unabhängigen Einzelhandel gibt es viele Geschäftsrisiken und aufwändige Prozesse, wie Ladenhüter durch Fehlkäufe, knappe Zahlungsziele oder komplizierte Logistikabläufe und Zollbestimmungen. Vieles davon kann durch digitale Tools gemindert oder sogar komplett beseitigt werden. Dass es auf einmal so einfach gehen soll, verunsichert Einzelhändler oft.
Vorteile der Digitalisierung sichtbarer machen
Als Unternehmen können wir dazu beitragen, diese Vorteile sichtbarer und zugänglicher zu machen. Wir müssen Händler ermutigen, neue Prozesse im kleinen Rahmen zu pilotieren. Mit der Möglichkeit, neue Tools einfach und risikoarm auszuprobieren, können sie sich selbst davon überzeugen, was tatsächlich schon möglich ist. Das erreicht man beispielsweise durch kostenlose Anmeldungen auf Plattformen und eine intuitive Benutzeroberfläche. Der digitale Großhandel ist hierfür ein gutes Beispiel: Die meisten Händler kennen Online-Shopping aus dem Privaten. Baut man einen Online-Großhandel nach demselben Prinzip auf, finden Nutzer sich aufgrund der bereits vertrauten Elemente gut zurecht. Auch Vergünstigungen bei Erstbestellungen oder weitere Konditionen, die das Geschäftsrisiko für Händler senken, sind ein guter Anreiz für das Testen neuer digitaler Prozesse.
Stand: 16.12.2025
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So kommt der Einzelhandel aus der Digitalisierungsstarre
Der unabhängige Einzelhandel hat zahlreiche Möglichkeiten, einzelne Prozesse durch Digitalisierung zu vereinfachen. Es macht aber nur wenig Sinn, planlos alle umsetzen zu wollen. Wenn beispielsweise der eigene Kundenstamm nicht auf bestimmten Social Media Plattformen aktiv ist, braucht man diese auch nicht zu bespielen. Kunden, die vor allem wegen des persönlichen Einkaufserlebnisses in den Laden kommen, brauchen keinen Online-Shop.
Administrative Aufgaben gibt es in jedem Laden und sie bieten einen guten Ansatzpunkt für Prozessoptimierung durch Digitalisierung. Hierbei geht es vor allem darum, Zeit zu sparen. So können sich Händler mehr auf das Wesentliche konzentrieren – sorgfältig kuratierte Ware, personalisierte Angebote und herausragenden Kundenservice. Messebesuche sind beispielsweise noch immer fester Bestandteil des Geschäfts für viele Händler. Allerdings sind diese auch immer mit einem hohen Zeit- und – bei langer Anreise – Kostenaufwand verbunden.
Ob man auf der Messe dann tatsächlich die richtigen Marken und Produkte für das eigene Sortiment findet, ist dabei nicht sicher. Mit der Nutzung eines digitalen Großhandels können Zeit und Kosten eines Messebesuchs gespart werden. Darüber hinaus profitieren Händler von einer großen Auswahl an Artikeln. Mithilfe KI-basierter Produktempfehlungen lassen sich schnell passende Produkte finden. Für die vielen Möglichkeiten, Abläufe im Einzelhandel zu vereinfachen, ist das nur ein Beispiel.
Mit Einführung digitaler Prozesse beginnen
Die berüchtigte „German Angst“ lässt sich auch bei der Digitalisierung im Einzelhandel beobachten. Eine gesunde Skepsis ist durchaus nicht verkehrt, denn es gibt viele digitale Möglichkeiten und nicht alle sind für jeden Händler sinnvoll. Allerdings werden dabei auch viele Chancen der Digitalisierung unterschätzt und die Hürden – etwa Kosten und Aufwand – überschätzt. Nicht zuletzt, da die Digitalisierung als Ganzes zu komplex wirkt. Unternehmen sollten Händler daher unterstützen, einfache Maßnahmen zur Verbesserung zu erkennen und dabei auf unnötige Buzzwords verzichten. Ziel sollte es sein, Händlern die Einführung neuer digitaler Prozesse so einfach wie möglich zu machen. Dazu gehören auch benutzerfreundliche Plattformen, die einfach zu nutzen und risikoarm zu testen sind.
(Frederik Reim ist Country Lead Germany bei Faire. (Bild: Faire))
Über den Autor: Frederik Reim ist Country Lead Germany bei der Online-Großhandelsplattform Faire, die Einzelhändler und Marken zusammenbringen und so die Demokratisierung des Großhandels vorantreiben will. Reim ist zudem Experte für den unabhängigen Einzelhandel. Mit über 700.000 Einzelhändlern und mehr als 100.000 unabhängigen Marken auf der Plattform hat er einen umfassenden Einblick in die neuesten Trends, die sich in den Käufen und Verkäufen abzeichnen.
Als leidenschaftlicher Verfechter von Digitalisierungsthemen liegt ihm die Stärkung unabhängiger Einzelhändler durch digitale Tools am Herzen. Er beobachtet kontinuierlich die Entwicklungen auf der Plattform und analysiert Daten, um potenzielle Wachstumschancen für unabhängige Einzelhändler zu identifizieren und ihnen dabei zu helfen, im Wettbewerb mit großen Handelsketten zu bestehen. Mit seiner Expertise und seinem tiefgreifenden Verständnis für den Einzelhandel ist Frederik Reim eine wichtige Stimme in der Branche. (sg)