Das Wirtschaftswachstum dürfte in diesem Jahr niedriger ausfallen als noch vor einigen Monaten erwartet. Ein wesentlicher Grund für die schwächeren Wachstumsaussichten sind Lieferengpässe bei Rohstoffen und Vorprodukten, wovon auch der deutsche Mittelstand betroffen ist.
(Quelle: Lukas Gojda/shutterstock)
Die KfW hat jetzt die Ergebnisse einer Befragung kleiner und mittlerer Unternehmen veröffentlicht.
Die größten Probleme mit Lieferengpässen bestehen im verarbeitenden Gewerbe und in der Bauindustrie.
Die negativen Folgen sind ein höherer Beschaffungsaufwand, Produktionsstörungen und Preisanpassungen.
Gegenwärtig kämpft knapp jedes zweite der rund 3,8 Millionen kleinen und mittleren Unternehmen in Deutschland mit den Folgen von Lieferproblemen, wie eine im September durchgeführte Sonderbefragung von KfW Research im Rahmen des KfW Mittelstandspanels zeigt. Besonders stark betroffen ist das mittelständische Verarbeitende Gewerbe – vier von fünf Unternehmen (78 Prozent) beklagen hier Lieferengpässe.
Nicht weniger heftig sind die Auswirkungen auf das Baugewerbe, wo sich 78 Prozent der Unternehmen mit Materialknappheit auseinandersetzen müssen. Im Groß- und Einzelhandel ist der Anteil der betroffenen Mittelständler mit 63 Prozent etwas geringer. Und selbst im Dienstleistungssektor, der grundsätzlich weniger stark von Vorleistungen abhängt, sehen sich immer noch rund vier von zehn kleinen und mittleren Unternehmen mit Lieferengpässen konfrontiert.
Lieferengpässe: Hersteller haben Kapazitäten zurückgefahren
Dass der Mittelstand in der Breite betroffen ist, liegt nicht zuletzt daran, dass derzeit eine Vielzahl von Materialien und Vorprodukten nicht in der nachgefragten Menge zur Verfügung steht. Schwierigkeiten gibt es nicht nur bei Mikroprozessoren, auch einfache Steuerungselemente fehlen, genauso wie Stahl, Aluminium, Kupfer und andere Metalle, Kunststoffe und Verpackungsmaterialien oder auch Holz für die Bau- und Möbelindustrie. Ein wesentlicher Grund ist, dass viele Unternehmen in der Corona-Krise ihre Kapazitäten zurückgefahren haben und nun auf die wieder anspringende Nachfrage nur langsam reagieren können. Andere Ursachen wie Störungen im internationalen Frachtverkehr, die weiter anhaltenden Handelskonflikte oder einzelne Ereignisse wie die Waldbrände in Kalifornien spielen ebenfalls eine Rolle.
Lieferengpässe: Auswirkungen auf den Mittelstand
Am häufigsten verzeichnen kleine und mittlere Unternehmen einen erhöhten Arbeitsaufwand in der Beschaffung (29 Prozent). Zu Beeinträchtigungen in der Produktion oder Dienstleistungserstellung wegen fehlender Rohstoffe oder Vorprodukte kommt es bei etwa jedem vierten Mittelständler (28 Prozent). Das Verarbeitende Gewerbe leidet hierunter am stärksten (56 Prozent). Ebenfalls jedes vierte Unternehmen (26 Prozent) sieht sich gezwungen, infolge gestiegener Preise für Rohstoffe und Vorprodukte die Preise für seine eigenen Produkte oder Dienstleistungen anzupassen. Am häufigsten kommt es zu Preiserhöhungen in der Baubranche (61 Prozent).
Von Lieferengpässen betroffene Branchen
Etwa 25 Prozent aller Mittelständler sind gegenwärtig aufgrund der Engpässe im Lieferverzug gegenüber ihren Kunden. Jeder zehnte Mittelständler muss Aufträge sogar ablehnen, weil das benötigte Material fehlt. Insbesondere in der Bauindustrie, die Handwerksbetriebe vom Fensterbauer bis zu Dachdecker umfasst, ist dies ein Problem (21 Prozent).
Zu Beschäftigungseinschnitten führen die Lieferengpässe bislang in erster Linie im Verarbeitenden Gewerbe. Hier hat nahezu jedes zehnte Unternehmen seine Beschäftigung zumindest temporär durch den Abbau von Überstunden, Urlaub oder auch das Instrument der Kurzarbeit reduziert.
Eine schnelle Auflösung der Lieferengpässe erwartet der Mittelstand nicht. Nur 5 Prozent der betroffenen kleinen und mittleren Unternehmen gehen von einer Entspannung bis zum Jahresende 2021 aus. Der Großteil rechnet damit, dass die Schwierigkeiten noch ein halbes bis ganzes Jahr andauern. Fast jedes fünfte Unternehmen ist sogar überzeugt, dass sich die Situation frühestens in einem Jahr normalisiert haben wird.
Lieferengpässe bremsen Konjunkturaufschwung
„Die Lieferengpässe legen den kleinen und mittleren Unternehmen enorme Steine auf ihren Weg aus der Corona-Krise“, sagt Dr. Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der KfW. „Am stärksten belasten sie das verarbeitende Gewerbe und die Bauindustrie, aber auch der Handel und Dienstleister leiden. Das nimmt der gerade wieder angesprungenen Konjunktur ihren Schwung.“ Das Wirtschaftswachstum dürfe in den nächsten Monaten abflachen, werde aber weiterhin positiv ausfallen. „Bis sich die Lieferengpässe auflösen, dürfte es dauern. Ich gehe aber davon aus, dass sich die Materialknappheit im Laufe der kommenden Monate zumindest etwas entschärft. Nachholeffekte können dann im kommenden Jahr einen Impuls für einen neuen Wachstumsschub geben“, so Köhler-Geib.
Zur Methodik der Studie: Die aktuelle Befragung zum Thema Lieferengpässe basiert auf dem KfW-Mittelstandspanel, einer repräsentativen und wiederholten Befragung kleiner und mittlerer Unternehmen in Deutschland. Zur Grundgesamtheit des KfW-Mittelstandspanels gehören alle privaten Unternehmen sämtlicher Wirtschaftszweige, deren Umsatz 500 Millionen Euro pro Jahr nicht übersteigt. Die Sonderbefragung wurde im Zeitraum vom 1. bis 10. September 2021 von GfK SE, Bereich Financial Services im Auftrag der KfW Bankengruppe, durchgeführt. Insgesamt konnten Antworten von rund 2.400 Unternehmen berücksichtigt werden. Aufgrund der Anbindung an den Grunddatensatz des KfW-Mittelstandspanels geben die Ergebnisse der Sonderbefragung ein repräsentatives Abbild der aktuellen Betroffenheit von Lieferengpässen.
Stand: 16.12.2025
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Lieferkettensystem hängt von Verfügbarkeit von Rohstoffen ab
Christian Zöhrlaut, Director Products Medium Segment bei Sage, kommentiert die Ergebnisse der Befragung: „Die aktuellen Zahlen der Sonderbefragung von KfW Research im Rahmen des KfW Mittelstandspanels zeigen eindrucksvoll, wie stark auch der deutsche Mittelstand von den anhaltenden Lieferengpässen bei Rohstoffen sowie Bauteilen und Komponenten betroffen ist. Dies führt nicht nur vor Augen, wie fragil das weltweite Lieferkettensystem und die zugrunde liegenden Handelsbeziehungen sind. Es wird dadurch auch klar, dass die Verfügbarkeit von Rohstoffen – bedingt durch den Klimawandel – in steigendem Maße von klimatischen Einzelereignissen bestimmt sein wird. So werden etwa Waldbrände, deren Dauer und Ausmaß von Jahr zu Jahr zuzunehmen scheinen, die Verfügbarkeit von Holz als Rohstoff nachhaltig verändern .“
„In diesem Zusammenhang wird es aus unserer Sicht immer wichtiger werden, dass Unternehmen insbesondere zu erwartende Naturereignisse so früh wie möglich antizipieren und deren Auswirkungen auf ihre Lieferketten und die Verfügbarkeit von Rohstoffen aus vorhandenem Datenmaterial ableiten. Möglich wird dies dadurch, indem ERP-Systeme externe Daten integrieren und für die bestehenden Betriebsprozesse eines Unternehmens auswerten. Gestützt durch entsprechend intelligente Algorithmen können so potentielle Friktionen bei Lieferketten und Rohstoffverfügbarkeiten beispielsweise durch die Analyse aktueller Wetterdaten vorhergesagt werden.
Das heißt: Unternehmen wissen auf dieser Grundlage sehr genau, wann etwa die nächste Welle an Waldbränden wo zu erwarten ist und wie sich diese auf die Verfügbarkeit des Rohstoffs Holz auswirken wird. In der Folge können Disponenten ihre Einkaufs- und Vorratshaltungsprozesse für Holzprodukte dahingehend anpassen und so Lieferengpässe so gut wie möglich umgehen und Rohstoffknappheiten im Lager so weit es geht vermeiden.“ (sg)