Im Interview spricht Barnabás Ferenczi von G+D über die wachsende Herausforderung der Zahlungssouveränität in Deutschland und die Risiken durch internationale Zahlungsdienstleister.
(Bild: Faiz/stock.adobe.com)
DARUM GEHT's
Zahlungssouveränität: Die Fähigkeit Europas, Zahlungen über eigene, geschützte Infrastruktur abzuwickeln – mit in der EU verankerten Regeln, Datenverarbeitung und Governance.
Abhängigkeitsrisiken von Big Tech und internationalen Kartensystemen: Schafft Single Points of Failure, schwächt Resilienz und kann Datenschutz- sowie Kostenrisiken erhöhen.
Europäische Alternativen: Wero (EPI) und Online-Girocard als souveräne Zahlungsmethoden.
Das Payment entscheidet im E-Commerce über Conversion, Kosten und Kundenerlebnis. Doch das Thema ist politisch geworden. Europa ringt um Souveränität in der Zahlungsinfrastruktur, während internationale Tech‑Wallets und Kreditkartenunternehmen den Markt prägen.
Doch warum sollte Europa in Sachen Zahlungsinfrastruktur überhaupt souverän werden? Und wie kann das gelingen? Das e-commerce Magazin spricht darüber mit Barnabás Ferenczi, Head of Strategy for Financial Platforms bei G+D.
Abhängigkeiten sind eine latente Gefahr für die Zahlungssouveränität.
Barnabás Ferenczi, Head of Strategy for Financial Platforms bei G+D
Herr Ferenczi, Sie warnen davor, dass Deutschland beim Thema Zahlungssouveränität ins Hintertreffen gerät. Onlineshops in Deutschland bieten zahlreiche Zahlungsmethoden an, etwa Lastschrift, Rechnung oder Nachnahme. Man muss also seine Daten nicht unbedingt irgendeinem Großkonzern aus Übersee anvertrauen. Wieso sehen Sie die Zahlungssouveränität in Gefahr?
Barnabás Ferenczi: Neben diesen Zahlungsmöglichkeiten bietet praktisch jeder Onlineshop auch Online-Optionen an. Und die sind häufig am beliebtesten, wie beispielsweise die Studie des EHI Retail Institute zeigt. Ein einziger Anbieter aus den USA wickelt danach fast 30 Prozent der Zahlungen ab. Wir beobachten also eine wachsende Abhängigkeit von Zahlungsdienstleistern, die außerhalb des europäischen Rechtsraums arbeiten, und deshalb nicht an die hiesigen Regularien und Schutzmechanismen gebunden sind. Abhängigkeiten aber sind eine latente Gefahr für die Zahlungssouveränität.
Wir müssen in Sachen Zahlungen also souveräner werden. Wie definieren Sie Zahlungssouveränität konkret für Deutschland und die EU – technisch, wirtschaftlich und regulatorisch?
Barnabás Ferenczi: Zahlungssouveränität ist ein zentrales Element geopolitischer Resilienz. Ein souveränes Zahlungsökosystem basiert auf einer eigenen geschützten Infrastruktur, in der die drei Payment Rails, also verschiedene Schemes wie Bezahlkarten oder digitale Wallets, sowie Instant Payment und der Digitale Euro, nahtlos ineinandergreifen. Das bedeutet in der Konsequenz, dass Zentralbanken und Privatwirtschaft bei der Weiterentwicklung des Gesamtsystems eng zusammenarbeiten.
Ich bevorzuge dabei den Begriff der „offenen, strategischen Souveränität“. Es ist kein wünschenswertes Ziel, dass sich einzelne Staaten oder Regionen abschotten, und so die wertvollen Impulse und den wirtschaftlichen Beitrag der internationalen Player verlieren. Das ist ja heutzutage auch überhaupt kein gangbarer Weg mehr. Stattdessen geht es um eine bereichernde Koexistenz, und die breite Abdeckung der verschiedenen Bezahlvorlieben.
Welche konkreten Risiken entstehen für Handel und Banken durch die Abhängigkeit von internationalen Kartensystemen und Big Techs?
Barnabás Ferenczi: Es gibt ausreichende Beispiele dafür, wie problematisch es ist, wenn ein großer Teil der Zahlungsabwicklung von nur einem System oder der Server- und Cloud-Struktur eines einzigen Unternehmens abhängt. In der Konsequenz sehen wir dadurch eine mangelnde Widerstandsfähigkeit. Manchmal bringt das nur kurze Unbequemlichkeiten, im Falle eines landesweiten Stromausfalls wie in Spanien ist es dagegen sehr wichtig, unterschiedliche Systeme zu haben. Dann sind vielleicht zwei ausgefallen, das dritte funktioniert aber noch. Auch hat es entscheidende Vorteile, Bezahldaten im Land oder in Europa zu verarbeiten – aus Datenschutzgründen, aber auch aus ökonomischer Sicht, natürlich immer im Einklang mit der DSGVO.
Zudem sind lokale Systeme oft kostengünstiger, da weniger Transaktionskosten für den Handel anfallen, die nicht vollständig an die Verbraucher weitergegeben werden können. Und: Je mehr Innovationskraft, lokal wie auch international, desto besser. Der alte Spruch: „Konkurrenz belebt das Geschäft“ trifft es genau.
DER GESPRÄCHSPARTNER
Barnabás Ferenczi ist Head of Strategy for Financial Platforms bei G+D. In dieser Funktion leitet er unter anderem den Bereich Strategie mit globaler Verantwortung für das gesamte Pay-Tech-Spektrum von G+D. Seit Anfang dieses Jahres ist er zudem Vorstandsvorsitzender des Arbeitskreises Digitaler Zahlungsverkehr beim Digitalverband Bitkom. Von 1998 bis 2012 war er Mitglied der ungarischen Zentralbank Magyar Nemzeti Bank, zuletzt als Director of Cash Strategy & Operations.
(Bild: G+D)
Welche Maßnahmen sollten Ihrer Meinung nach ergriffen werden, um Zahlungssysteme in Europa unabhängiger zu gestalten und die europäische Datenschutz-Grundverordnung besser umzusetzen?
Barnabás Ferenczi: Für die genaue Umsetzung der DSGVO können Datenschutzexperten genauere Auskunft geben, aber für ein sicheres, zuverlässiges, und zukunftsfähiges Bezahl-Ökosystem empfiehlt es sich, auf bewährten Strukturen aufzubauen. In Deutschland ist das zum Beispiel das Giro-Kartensystem, das aber mit einer neuen Online-Bezahlfunktionalität ausgestattet werden sollte.
Anders als in Deutschland, wird in Frankreich gerade investiert: durch die „Click to Pay“-Lösung, die mit dem nationalen Karten-Scheme Cartes Bancaire integriert wird, kombiniert man reibungslose Consumer Experience mit hoher Sicherheit für den Online-Check-out.
Wie können E-Commerce-Händler in Europa sicherstellen, dass die Zahlungsdaten ihrer Kunden sicher bleiben und die EU-Standards zum Datenschutz erfüllen?
Auch internationale Unternehmen – zumindest die bekannten Anbieter – erfüllen die hiesigen Richtlinien, sonst wären sie nicht im Markt zugelassen. Und auch hier ansässige Händler müssen sich an bestimmte Vorgaben halten. Somit können sich deutschen Verbraucher einigermaßen sicher fühlen, vorausgesetzt sie kaufen bei den bekannten Shops ein.
Wer dennoch auf außereuropäische Online-Zahlungsdienstleister verzichten möchte, muss aktuell mit Einbußen bei der bequemen Abwicklung rechnen. Das entspricht dann auch nicht den Erwartungen vieler Kunden. Wero ist hier natürlich spannend zu beobachten, und bietet großes Potenzial. Die E-Commerce-Funktionalität soll ja bald verfügbar werden.
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