Für mehr Wettbewerb EU-Zollfreigrenze: Die EU greift dem E-Commerce unter die Arme

Von Konstantin Pfliegl 7 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Asiatische Shopping-Plattformen boomen – und der europäische E-Commerce ächzt unter der Konkurrenz aus Fernost. Nun greift die EU ein: Die EU-Zollfreigrenze ist bald Geschichte und eine Drei-Euro-Regel kommt.

(Bild:  © Aquir/stock.adobe.com)
(Bild: © Aquir/stock.adobe.com)

DARUM GEHT'S

EU-Zollfreigrenze: Die Europäische Union erhebt für Warensendungen aus Drittländern bis zu einem Wert von 150 Euro bislang keinen Einfuhrzoll. Davon profitieren vor allem Billighändler aus Asien.

Für mehr Wettbewerbsfähigkeit: Die EU-Finanzminister haben die Abschaffung der 150-Euro-Grenze bis zum Start des EU-Daten-Hub im Jahr 2028 beschlossen.

Übergangslösung: Ab Juli dieses Jahres wird in der EU ein Zollsatz von 3 Euro pro Sendung auf E-Commerce-Pakete mit einem Wert von weniger als 150 Euro eingeführt. Das gilt Lieferungen, die über das EU-weit genutzte Import One-Stop Shop-System (IOSS) für Mehrwertsteuerzwecke angemeldet werden.

Fangen wir zunächst mit der guten Nachricht an: Der E-Commerce ist ein seltener Lichtblick in der deutschen Wirtschaft – so könnte man das E-Commerce-Jahr 2025 in Deutschland zusammenfassen. Laut dem Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland (BEVH) stieg der Brutto-Umsatz im Onlinehandel vergangenes Jahr erstmals seit 2021 wieder in allen Quartalen und erreichte 83,1 Milliarden Euro. Zum Vergleich: 2024 waren es noch rund 80, 6 Milliarden Euro. Das entspricht einem Plus von 3,2 Prozent. 

Für Händler in Deutschland ist die Abschaffung der EU-Zollfreigrenze mehr als nur eine juristische Fußnote. Es betrifft Geschäftsmodelle – und es verändert den Wettbewerb mit international versendenden Plattformen grundlegend.

Konstantin Pfliegl, leitender Redakteur e-commerce magazin und DIGITAL BUSINESS

Wenn man die einzelnen Versender-Typen vergleicht, dann wuchsen vergangenes Jahr die Umsätze auf Online-Marktplätzen am stärksten (plus 4,9 Prozent). Über sie werden mittlerweile 56 Prozent des gesamten Onlinehandels abgewickelt. Das entspricht  46,2 Milliarden Euro. 

Der E-Commerce als Lichtblick in der deutschen Wirtschaft: Nach den schwierigen Jahren 2022 und 2023 nach dem Corona-Boom geht es seit eineinhalb Jahren wieder aufwärts.(Bild:  BEVH)
Der E-Commerce als Lichtblick in der deutschen Wirtschaft: Nach den schwierigen Jahren 2022 und 2023 nach dem Corona-Boom geht es seit eineinhalb Jahren wieder aufwärts.
(Bild: BEVH)

Und nun kommt das große „Aber“: Plattformen chinesischer Herkunft wie Shein, Temu und AliExpress haben wegen extremer Niedrigpreise zwar nur einen geringen Umsatzanteil im E-Commerce in Deutschland. Sie wuchsen jedoch mit 27,2 Prozent auf 3,7 Milliarden Euro deutlich schneller als das gesamte Anbietersegment der Marktplätze. Konkret: Bereits jede 15. Onlinebestellung wird bei einer der großen Plattformen aus Asien gemacht. Von den 2,6 Milliarden Euro Wachstum des gesamten E-Commerce mit Waren machte das Wachstum der Plattformen chinesischer Herkunft ganze 30 Prozent aus.  

Diese dynamische Entwicklung wird zusätzlich verstärkt durch den Boom von Social Commerce – und den schnellen Markteintritt von TikTok Shop. Die Plattform belegte laut der Marktforscher von NIQ Digital Purchases bereits nach kurzer Zeit in Deutschland Platz 24 der umsatzstärksten Onlinehändler. Das bedeutet: Bereits jeder zehnte Onlineshopper in Deutschland hat seit dem Launch Ende März 2025 mindestens einmal über den Tiktok Shop eingekauft.

Händler nehmen die Europäische Union in die Pflicht

Ob Kleidung als Dauerschnäppchen oder Elektronikartikel für wenige Euro: Chinesische Billig-Plattformen wie Temu oder Shein machen dem E-Commerce aus Deutschland also zunehmend das Leben schwer. Kein Wunder, dass hiesige Händler schon lange ein Verbot von Temu, Shein & Co. fordern. Laut dem Digitalverband Bitkom fordern mehr als drei Viertel der deutschen Händler (78 Prozent) ein solches Verbot chinesischer Billig-Marktplätze.

Die Händler sehen vor allem die Europäische Union in der Pflicht: 85 Prozent sind der Meinung, die EU müsse den europäischen Binnenmarkt vor außereuropäischen Online-Marktplätzen schützen. Neun von zehn Händler (87 Prozent) sind der Ansicht, dass die Regulierung für den Import von Produkten über entsprechende Online-Marktplätze grundsätzlich verschärft werden sollte.

Das große Problem der Händler in Deutschland und Europa: Eine sogenannte EU-Zollfreigrenze erlaubt das abgabenfreie Einführen von Paketen mit einem Wert von bis zu 150 Euro in die EU. So lässt sich der europäische Markt mit allerlei Billigwaren fluten – ohne dass darauf Zollabgaben anfallen.. Nach Schätzungen der EU-Kommission stammten bereits 2024 über 90 Prozent aller E-Commerce-Sendungen mit einem Wert von weniger als 150 Euro aus China.

Und was passiert, wenn Ware aus Fernost doch einmal mehr wert ist als 150 Euro? Aufgrund der derzeitigen Regelung werden Schätzungen der EU zufolge bis zu 65 Prozent der eingeführten Kleinpakete unterbewertet, um Einfuhrzölle zu vermeiden. 

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung