Experten-Talk Green Logistics: Nachhaltigkeit im Transportwesen

Von Konstantin Pfliegl 6 min Lesedauer

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Nachhaltigkeit ist kein neues Thema für die Logistik. Doch die Branche steckt in einem Dilemma: Wachstum einerseits – und eine nötige Reduzierung andererseits, um durch Green Logistics Klimaziele zu erreichen. Wir haben daher bei Insidern nachgefragt: „Wie sieht die Logistik der Zukunft aus – und wie viel Logistik können wir uns in Bezug auf Nachhaltigkeit überhaupt noch leisten?“

(Bild:  kjpargeter/Freepik)
(Bild: kjpargeter/Freepik)

Green LogisticsJürgen Bauer
Mitglied der Geschäftsleitung von Gebrüder Weiss

Bildquelle: Gebrüder Weiss

Die drei großen Trends Digitalisierung, Automatisierung und Nachhaltigkeit werden in der Logistik weiter an Bedeutung gewinnen. Denn die Anforderungen von Kunden und Märkten steigen: schneller, effizienter und ressourcenschonender sollen die Lie­ferketten und Logistikprozesse werden, au­ßerdem transparenter und flexibler. Um diesen ­Ansprüchen gerecht zu werden, wird der Einsatz moderner Technologien wie Künstliche Intelligenz, präzise Datenanalysen, automatisierte Lagersysteme oder Robotik immer wichtiger werden. Das heißt im Umkehrschluss aber nicht, dass wir auf gut ausgebildete Mitarbeiter verzichten können.

Green Logistics: Vor allem eine Frage des Konsums

Die Ausgangsfrage sollte aber eher lauten: Wie viel Konsum können wir uns in Zukunft leisten? Logistik ist eine Folge des Konsums, denn sie ist notwendig, um die wachsende Nachfrage nach Produkten zu bedienen und sicherzustellen, dass die Produkte dorthin gelangen, wo sie gebraucht werden. Nicht zuletzt durch den stark wachsenden E-Commerce nehmen die globalen Warenströme zu und damit auch die Umweltbelastungen. Dem gegenüber steht der Anspruch, Logistik so umweltfreundlich wie möglich zu gestalten.

Green LogisticsKuno Neumeier
CEO der Logivest Gruppe

Bildquelle: Logivest Gruppe

Vom Transport über die Lagerung – die Logistik der Zukunft ist nachhaltig. Und das muss sie auch sein. Denn Logistik ist kein Luxusgut, das wir uns leisten können, sondern das Rückgrat unserer Gesellschaft. Spätestens seit dem bewaffneten Angriffskrieg auf die Ukraine und der damit einhergehenden Energiekrise ist die Logistikbranche für das Thema Nachhaltigkeit sensibilisiert. Und gerade der Logistikimmobilienmarkt hat reagiert. Dach-Photovoltaikanlagen haben sich im Neubaubereich bereits etabliert und so können schon heute ganze Logistikzentren mit dem eigenen grünen Strom versorgt werden. Energieeinsparmaßnahmen wie LED-Beleuchtung haben auch in Bestandsgebäuden Einzug gehalten und mittels intelligenter Verbrauchsdatenmessung werden vielerorts weitere Einsparpotenziale aufgedeckt.

E-Mobilität im Transportbereich

Auch das Thema Transport wird aktiv angegangen. Schon heute bestimmen E-Sprinter und Lastenräder die letzte Meile und auch im Langstreckenbereich ist der Blick auf mehr Nachhaltigkeit gerichtet. Alle großen Lkw-Hersteller haben zwischenzeitlich Zugmaschinen mit Elektroantrieb entwickelt und immer mehr Spe­ditionen und Logistikdienstleister nehmen E-Lkw in ihre Flotten mit auf.

Ein grüner und emissionsfreier Verkehr scheint realisierbar. Mit Betonung auf scheint, denn sowohl in puncto Netzeinspeisung als auch in Bezug auf die Ladeinfrastruktur wird der schleppende Netzausbau und die geringen Netzkapazitäten in Deutschland zu einem Hindernis, das gemeinsam mit der Politik schnellsten behoben werden muss – für eine nachhaltige Logistik.

Sandra Achternbusch
Executive Director Corporate Sustainability bei Fiege

Bildquelle: Fiege

Ohne Logistik steht die Welt still. Wie systemrelevant die Branche in einer globalisierten Gesellschaft ist, das haben uns allein in den vergangenen Jahren geopolitische Krisen, die Suez-Blockade durch die „Ever Given“ oder das Coronavirus schmerzhaft vor Augen geführt. Und gerade weil wir als Logistikdienstleister in einem Wirtschaftsbereich mit Systemrelevanz operieren, kommt uns eine besondere Verantwortung zu. Wir wollen mit gutem Beispiel vorangehen und unseren Teil dazu beitragen, die Branche mit innovativen Ideen umzukrempeln und so nachhaltig wie möglich zu gestalten. Dafür spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Wir testen seit Längerem alternative Antriebstechnologien wie E-Mobilität. Ein weiteres Beispiel ist der Materialverbrauch im E-Commerce – hier setzen wir unter anderem automatisierte Verpackungsmaschinen ein, die Pakete bedarfsgerecht auf die jeweilige Sendung zuschneiden, wodurch wir weniger Pappe verwenden und kaum noch Luft verschicken.

Daten und Künstliche Intelligenz sind unverzichtbar für Green Logistics

Wir beschäftigen uns auch intensiv mit Themen wie Data Driven Company und Künstlicher Intelligenz. Denn KI, beispielsweise in der optimierten Routenplanung oder für prädikative Analysen, birgt großes Potenzial, unsere nachhaltige Transformation zu beschleunigen. Doch dafür benötigt es Daten in der richtigen Qualität – und daran arbeiten wir abteilungsübergreifend. 

Green LogisticsTomasz Dominik
Business Development Manager bei Packeta Germany

Bildquelle: Packeta Germany

Natürlich ist jeder Blick in die Zukunft ungewiss. Aber wenn es um das künftige Gesicht der Logistikbranche geht, sehen wir weitgehend klar. Vor allem drei Themenfelder zeigen, wohin die Reise geht. Da ist die Nachhaltigkeit mit ihren Innovationstreibern der Dekarbonisierung und der alternativen Energien. Da ist die Resilienz durch die verstärkte Diversifizierung von Lieferketten angesichts immer neuer Unsicherheiten. Und da ist die Digitalisierung, ohne die weder eine widerstandsfähige noch Green Logistics in Zukunft denkbar sind. Bedenkt man, dass Lieferketten rund 60 Prozent der CO2-Emissionen verantworten, liegt auf der Hand, dass wir bei der Dekarbonisierung gefordert sind. So werden erneuerbare Energien zunehmend Strom für jene E-Fahrzeuge liefern, die auf der „letzten Meile“ bereits große Dienste leisten. Auf der Langstrecke dagegen lassen Elektro-Lkws noch auf sich warten, was vor allem am derzeit unwirtschaftlichen Gewicht der Batterien und der schlechten Schnellladeinfrastruktur liegt.

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Ein Schritt Richtung Green Logistics: Out-of-Home-Zustelloptionen

Auf der Straße werden Fahrer noch länger unverzichtbar sein. Dank der enormen Entwicklung autonomer Navigationstechnologien haben jedoch Innenroboter schon heute ein ­riesiges Potenzial, Kosten zu senken und die Produktivität zu erhöhen. Gleichzeitig helfen sie, den Arbeitskräftemangel und die Nachfrage­volatilität zu beherrschen. Darüber hinaus fokussieren wir uns schon seit Jahren auf den Ausbau von Out-of-Home-Zustelloptionen wie solarbetriebene Locker. Gerade in den östlichen Ländern Europas erkennen wir einen starken Trend in diese Richtung. 

Rana Matthias Nag
Geschäftsführer der pfenning-Gruppe

Bildquelle: pfenning-Gruppe

Die etwas provokante Fragestellung möchte ich mit einer These kontern: Die Zukunft im E-Commerce gehört der Logistik. Lassen Sie mich gern hinzufügen: nachhaltiger Logistik. Wie meine ich das? Zunächst einmal glauben wir in der pfenning-Gruppe auch nach Umsatzrückgängen in den letzten Jahren stark daran, dass der E-Commerce seinen Marktanteil am Gesamthandel mittelfristig von heute etwa 20 Prozent (EHI Retail Institute) auf gut ein Drittel ausbauen wird. Die nachrückenden jüngeren Konsumenten und fortschreitende Digitalisierung, Funktionsverbesserungen und KI werden dafür sorgen.

Logistik ist maßgeblich für den Erfolg von E-Commerce

E-Commerce – die Erfahrung durften alle Stakeholder im Online-Handel in der Vergangenheit machen – wird am Markt nur Erfolg haben, wenn die Logistik stimmt. Schnelligkeit, Pünktlichkeit, Qualität und Individualität der Sendungen an den Endkunden entscheiden. Wir sprechen also von einem wachsenden Marktsegment E-Commerce – das essenziell von guter, zunehmend grüner Logistik abhängig ist. Angesichts der gesetzlichen Anforderungen und sichtbar fortschreitender Auswirkungen des Klimawandels ist dies das Gebot der Stunde.

Dies erreichen E-Commerce-Player zum einen durch intel­ligente Einkaufstrategien wie Near-Shoring und robuste, zeitlich flexiblere Supply Chains. Zum anderen sind wir Logistikdienstleister gefordert.

Und: Wir werden als Logistiker zunehmend Aufgaben im After Sales-Segment übernehmen: Wer Kreislaufwirtschaft realisieren will braucht eines: intelligente Logistik am Ende der Wertschöpfungskette!

Green LogisticsIrmhild Killewald-Lorenz 
E-Commerce-Managerin DACH bei Smurfit Westrock

Bildquelle: Smurfit Kappa

Als Hersteller papierbasierter Verpackungen stehen wir an der Schnittstelle zweier zentraler Herausforderungen unserer Zeit: dem wachsenden Bedarf an effizienter Logistik und der dringenden Notwendigkeit, unseren Planeten zu schützen.

In einem Fachartikel habe ich folgendes Zitat von Franz Staberhofer, Dozent und Experte für Logistik, gelesen: „Logistik hat was Charmantes. Sie ist zur Ökologie verpflichtet, um ökonomisch zu sein.“ Genau hier setzen auch wir mit unseren Tools und unserer Expertise an. Stichwort Leervolumen: Wir können die idealen Maße einer Verpackung berechnen, um möglichst wenig Luft zu transportieren. Dieses Thema wird auch in Zukunft eine entscheidende Rolle spielen – in naher Zukunft konkret in Hinblick auf die Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben der PPWR (Packaging and Packaging Waste Regulation). Aber auch generell müssen wir noch besser mit Frachtraum haushalten: Denn wer Lkw-Ladungen einspart, spart ebenso Kosten wie CO2-Emissionen ein.

Natur in der Balance halten für Green Logistics der Zukunft

Die Frage, wie viel Logistik wir uns leisten können, lässt sich theoretisch schnell beantworten: Gerade so viel, wie die Natur tragen kann, ohne aus der Balance zu geraten. Wir als Wellpappen-Unternehmen wissen um unseren Auftrag, effiziente und nachhaltige Lösungen zu finden. Fest steht: Green Logistics der Zukunft muss nicht nur schneller, sondern auch smarter und grüner werden. Und wir, als Teil dieses Systems, tragen gerne Verantwortung dafür, dass dies gelingt.