Autonomous Flow Logistik bei Otto: „Synchronisation wird wichtiger als Geschwindigkeit“

Das Gespräch führte Heiner Sieger 4 min Lesedauer

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Schneller werden war gestern die Antwort auf Logistik-Krisen. Otto-Supply-Chain-Chef Martin Umland erklärt, warum bei Nvidia-Robotik und Digital Twin an 120 Lagerstandorten ein anderer Faktor entscheidet.

(Bild:  © Postmodern Studio/stock.adobe.com)
(Bild: © Postmodern Studio/stock.adobe.com)

DARUM GEHT'S

Warum ausgerechnet der Mann hinter Ottos Nvidia-Kooperation vor reiner Geschwindigkeit warnt – und was er stattdessen für entscheidend hält.

Der Stresstest Weihnachtsgeschäft: Wie Autonomous Flow zeigt, dass einzelne Top-Komponenten ein Gesamtsystem nicht retten.

Welche Rolle der Digital Twin in Löhne dabei spielt, dass Otto überhaupt erst erkennt, wo Synchronisation fehlt.

Die unbequeme Konsequenz für 120 Standorte: Wer nur auf Tempo optimiert, baut laut Umland an der falschen Stelle aus.

Herr Umland, wo steht die Otto Group heute beim Übergang zum „Autonomous Flow“?

Martin Umland: Die Otto Group bewegt jedes Jahr Millionen von Produkten über ein Netzwerk aus Handels-, Plattform-, Logistik- und Serviceunternehmen. In den vergangenen Jahren haben wir relevante Fortschritte bei Transparenz, Automatisierung und Datenverfügbarkeit erzielt.

Der eigentliche Wandel besteht für mich jedoch darin, dass wir nicht mehr nur einzelne Prozesse optimieren, sondern konsequent gesamte Wertströme betrachten. Die klassische Logik „Einkauf plant, Logistik transportiert, Vertrieb verkauft“ wird zunehmend durch ein gemeinsames, datenbasiertes Betrachtungs- und Steuerungsmodell ersetzt. Unser Ziel ist eine Supply Chain, die auf Veränderungen nahezu in Echtzeit reagieren kann und Entscheidungen dort automatisiert trifft, wo Geschwindigkeit wichtiger ist als Hierarchie.

Die Zukunft der Supply Chain wird nicht durch einzelne Technologien entschieden. Sie wird durch die Fähigkeit entschieden, Menschen, Daten und Prozesse zu einem lernenden Gesamtsystem zu verbinden. Wer das schafft, wird auch in einer zunehmend volatilen Welt erfolgreich sein.

Martin Umland, Group Vice President Supply Chain Management in der Otto Group

Wie sieht Ihre Vision für das Jahr 2030 aus?

Martin Umland: Ich glaube nicht an die vollautomatische Supply Chain ohne Menschen. Ich glaube an eine Supply Chain, in der Menschen und intelligente Systeme ihre jeweiligen Stärken optimal kombinieren. Bis 2030 werden viele operative Entscheidungen, beispielsweise bei Bestandssteuerung, Transportplanung oder Kapazitätsallokation, weitgehend autonom erfolgen. Der Mensch wird sich stärker auf Zielsetzungen, Ausnahmen und strategische Entscheidungen konzentrieren. Wir nennen dies "autonomous processes under human supervision". Das ist notwendig, weil die Komplexität im E-Commerce schneller steigt als die verfügbaren Ressourcen.

DER GESPRÄCHSPARTNER

Martin Umland ist Group Vice President Supply Chain Management in der Otto Group.

Otto – Logistik – Autonomous Flow
(Bild: Otto Group)

Wie bricht die Otto Group traditionelle Barrieren auf?

Martin Umland: Der größte Hebel liegt nicht in Technologien, sondern im Denken. Kunden erleben keine Abteilungen. Sie erleben eine Lieferkette, deren einzelne Glieder reibungslos ineinander greifen müssen für die beste Customer Experience. Deshalb müssen wir Verantwortung stärker entlang von Wertströmen organisieren und weniger entlang von Funktionen. Wenn Einkauf, Logistik, Technologie, Datenexperten und Vertrieb dieselben Ziele verfolgen und auf dieselbe Datengrundlage schauen, entstehen bessere Entscheidungen. Die Zukunft gehört Organisationen, die holistisch auf Prozesse schauen, End-to-End steuern können und über Bereichs- und Firmengrenzen hinweg optimieren.

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