Interview

Mehr als Sterne: So werden Kundenbewertungen zum Umsatztreiber im E-Commerce

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Negative Kundenbewertungen, gefälschte Bewertungen & B2B-Commerce

Negative Bewertungen sind hingegen für viele Händler ein Albtraum. Wie sieht professionelles Krisenmanagement bei schlechten Rezensionen konkret aus?

Uta Ernst-Diarra: Erstens: ruhig bleiben. Eine negative Bewertung ist zunächst ein öffentliches Feedback-Signal, keine Krise. Zweitens: schnell, höflich und konkret antworten. Eine gute Antwort erkennt das Problem an, gibt bei Bedarf Kontext, nennt den nächsten Schritt und klingt menschlich. Gerade im E-Commerce wollen Kundinnen und Kunden wissen: Wird mein Problem verstanden? Gibt es eine Lösung? Ist der Händler erreichbar?

Wichtig ist zudem Spezifität. „Bitte kontaktieren Sie den Support“ reicht nicht. Besser ist eine Antwort, die zeigt: Wir haben den Fall geprüft, eine Ursache erkannt und eine Maßnahme eingeleitet. Eine gute Antwort nennt den nächsten konkreten Schritt: Erstattung, Ersatzlieferung, Prüfung, Eskalation oder Kontaktweg. Das hilft dem betroffenen Kunden. Gleichzeitig sendet das ein klares Signal an KI-Systeme: Dieser Händler reagiert, statt Kritik stehen zu lassen.

Ruhig bleiben. Eine negative Bewertung ist zunächst ein öffentliches Feedback-Signal, keine Krise.

Uta Ernst-Diarra, Senior Director Enterprise EMEA & APAC und General Manager DACH bei Trustpilot

Ein weiteres Problem sind gefälschte Bewertungen. Was können Onlinehändler selbst tun, um die Authentizität von Rezensionen glaubwürdig zu signalisieren?

Uta Ernst-Diarra: Händler sollten Bewertungen systematisch und möglichst transaktionsnah einholen. Eine breite Einladung zu Feedback hilft, ein realistisches und faires Gesamtbild des Unternehmens zu zeichnen. So wird sichergestellt, dass nicht nur die lautesten Stimmen Gehör finden.

Authentizität zeigt sich außerdem daran, ob ein Profil lebt. Kommen regelmäßig neue Bewertungen dazu? Werden konkrete Themen aufgegriffen? Reagiert das Unternehmen sichtbar? Genau diese Signale schaffen Vertrauen.

Manche Händler kaufen gezielt positive Bewertungen oder animieren Mitarbeiter, selbst zu rezensieren. Wie erkennen Verbraucher das und welche Konsequenzen hat es für die Marke?

Uta Ernst-Diarra: Verbraucher werden sensibler für Muster. Viele ähnliche 5-Sterne-Texte, plötzliche Spitzen beim Bewertungsvolumen oder ein Profil, das Kritik durch massenhaft positives Feedback überdeckt – das wirkt nicht nur auf sie verdächtig, auch unsere technischen Mechanismen im Backend registrieren das. Selbstverständlich verstoßen auch Praktiken, bei denen Mitarbeiter das eigene Unternehmen bewerten, strikt gegen unsere Richtlinien.

Für Marken ist das extrem riskant. Wer Bewertungen manipuliert, verliert nicht nur das Vertrauen der Kunden. Auf Trustpilot selbst kann Missbrauch zu gelöschten Bewertungen, Verbraucherwarnungen, gesperrten Profilen oder weiteren Sanktionen führen. Kurz gesagt: Manipuliertes Vertrauen ist kein Vertrauensaufbau. Es ist ein Reputationsrisiko.

B2B-Händler können von B2C lernen, Feedback sichtbarer und strategischer zu nutzen. Nicht als nettes Add-on, sondern als Entscheidungshilfe für neue Kunden und als Signal für Verlässlichkeit.

Uta Ernst-Diarra, Senior Director Enterprise EMEA & APAC und General Manager DACH bei Trustpilot

Wie wirken sich KI-generierte Rezensionen auf das Vertrauen in Bewertungsplattformen aus? Und wie begegnen Sie dem als Trustpilot?

Uta Ernst-Diarra: KI-generierte Bewertungen erhöhen den Druck auf alle Bewertungsplattformen. Das Problem ist nicht neu, aber die Werkzeuge werden besser, schneller und günstiger verfügbar. Hier müssen wir jedoch differenzieren: KI kann auch ein positives Werkzeug sein, das Verbrauchern dabei hilft, ihre realen Erfahrungen in hilfreiche, gut strukturierte Bewertungen zu fassen. Problematisch wird es dann, wenn KI zweckentfremdet wird, um komplett gefälschtes Feedback zu generieren oder die Scores zu manipulieren.

Wir gehen gegen gefälschte Bewertungen mit einer Kombination aus Technologie, menschlicher Expertise und der Kraft der Community vor. Unsere Systeme analysieren nicht nur Texte, sondern auch Verhaltensmuster, technische Signale und Zusammenhänge zwischen Reviews, Profilen und Aktivitäten.

90 Prozent der identifizierten Bewertungen, die gegen unsere Richtlinien verstoßen, werden von uns entfernt, bevor sie veröffentlicht werden. Zusätzlich prüfen spezialisierte Teams komplexe Fälle manuell.

B2B-E-Commerce wächst stark, aber dort spielen Bewertungen bisher eine untergeordnete Rolle. Wird sich das ändern und was können B2B-Händler von B2C lernen?

Uta Ernst-Diarra: Ja, davon bin ich überzeugt. Im B2B dauern Entscheidungen oft länger, die Warenkörbe sind größer und mehrere Stakeholder sind beteiligt. Genau deshalb ist Vertrauen dort mindestens genauso wichtig.

B2B-Händler können von B2C lernen, Feedback sichtbarer und strategischer zu nutzen. Nicht als nettes Add-on, sondern als Entscheidungshilfe für neue Kunden und als Signal für Verlässlichkeit. Gerade im B2B zählt außerdem die Frage: Wer sagt das? Bewertungen werden stärker danach beurteilt, ob die Erfahrung zum eigenen Geschäftsszenario passt.

Sie erwähnten, dass Bewertungen mittlerweile auch ein starkes Signal für KI-Systeme sind. Ist Bewertungsmanagement damit auch zur SEO-Strategie für das KI-Zeitalter geworden?

Uta Ernst-Diarra: Das ist korrekt, aber ich würde eher von Answer Engine Optimization sprechen. Klassisches SEO fragt: Wie werde ich bei Google gefunden? AEO fragt: Wie werde ich in Antworten von ChatGPT, Gemini oder Perplexity berücksichtigt? Für Händler ist das hochrelevant, weil ein Teil der Produktsuche schon heute vor dem ersten Shop-Besuch stattfindet. Wenn KI-Assistenten Empfehlungen aussprechen, entsteht Kaufinteresse, bevor auf eine andere Website geklickt wird.

Die KI-Analyse von Seer Interactive zeigt: Bewertungsplattformen sind mit 14 Prozent aller Nennungen inzwischen die zweitwichtigste Quelle für KI-Antworten, direkt nach Unternehmenswebsites. Am Ende des Funnels steigt der Anteil der Bewertungszitate auf 24,3 Prozent. Bewertungen und das sichtbare Reagieren auf Feedback sind damit ein entscheidender Sichtbarkeitshebel im E-Commerce.

Zum Abschluss: Welcher Denkfehler in Sachen Bewertungen begegnet Ihnen im Gespräch mit E-Commerce-Entscheidern immer wieder und was antworten Sie dann?

Uta Ernst-Diarra: Der häufigste Denkfehler lautet: Bewertungen sind ein Ergebnis. Ich würde vielmehr sagen: Bewertungen sind ein System. Wer sie nur als Sterne am Ende der Customer Journey betrachtet, denkt zu klein.

Bewertungen beeinflussen Vertrauen, Conversion, Kundenbindung, Produktentwicklung, Media-Effizienz und inzwischen auch KI-Sichtbarkeit. Bewertungen zu sammeln, reicht im E-Commerce also nicht. Entscheidend ist, sie aktiv zu beantworten, Erkenntnisse zurück ins Unternehmen zu spielen und Vertrauenssignale systematisch für erfolgreichen Handel zu nutzen.

Konstantin Pfliegl
ist leitender Redakteur für das e-commerce magazin und das DIGITAL BUSINESS Magazin. Er verfügt über mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung als Journalist für verschiedene Print- und Online-Medien.

Bildquelle: Foto Marquart, Tutzing

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