Welche Rolle spielt der DPP im KI-basierten Handel?
Wie stark sich dieser Wandel bereits vollzieht, belegen auch aktuelle Studien: So nutzten laut einer Umfrage des ECC Köln rund 31 Prozent der befragten Konsumenten im Jahr 2025 KI-Chatbots zur Recherche nach Produkten und Produktinformationen – Tendenz steigend. Unter den KI-Nutzern wiederum griffen 35 Prozent häufiger auf KI-gestützte Systeme zurück als auf klassische Suchmaschinen oder Plattformen.
Was versteht man unter Agentic Commerce?
Mit Agentic Commerce bezeichnet man eine Form des digitalen Handels, bei der KI-gestützte Systeme Kaufprozesse aktiv unterstützen oder teilweise autonom steuern. KI-Agenten analysieren Nutzerbedürfnisse, vergleichen Produkte und treffen Vorauswahlen. Je nach Ausprägung können sie:
Kaufentscheidungen teilweise automatisiert auslösen
Produkte eigenständig nach definierten Kriterien auswählen
Nachkäufe oder Empfehlungen kontextbasiert initiieren.
Doch der Agentic Commerce, also der Einsatz KI-gestützter Systeme, die Kaufentscheidungen vorbereiten oder automatisieren, gewinnt nicht nur immer mehr an Bedeutung, sondern wird zugleich auch zur Herausforderung. Denn für Markenhersteller bedeutet das, strukturierte Informationen und saubere Daten bereitzustellen, um im KI-basierten Handel überhaupt gefunden und somit berücksichtigt zu werden. Emotionale Markenbotschaften treten in diesen Entscheidungsmomenten häufig in den Hintergrund.
Genau an diesem Punkt entfaltet der Digitale Produktpass seine strategische Relevanz. Als verlässliche Datenquelle für KI-Systeme erhöht er die Wahrscheinlichkeit, dass Angebote korrekt eingeordnet und passgenau empfohlen werden. Gleichzeitig eröffnet er einen direkten Kommunikationskanal zum Menschen hinter dem digitalen Agenten: Während KI vor allem rational optimiert, schafft der DPP Raum für Emotionalisierung – etwa durch Informationen zu Herkunft, Werteversprechen, Nutzungsszenarien oder personalisierte Services.
Klassischer E-Commerce
KI-gestützter Handel
Nutzer suchen und vergleichen selbst
KI-Systeme übernehmen Recherche und Vorauswahl
Sichtbarkeit entsteht über Rankings in Suchergebnissen
Sichtbarkeit entsteht über Datenqualität, Relevanz und Kontext
Fokus auf Oberfläche und Darstellung im Shop
Fokus auf strukturierte Produktdaten im Hintergrund
Kaufentscheidungen werden aktiv getroffen
Kaufentscheidungen werden vorbereitet oder teilweise automatisiert
9 Gründe für den Einsatz des Digitalen Produktpasses
Die Vorteile des DPP liegen auf der Hand:
1. Transparenz und Rückverfolgbarkeit Der DPP macht Materialien und Produktionsschritte transparent und erleichtert die Steuerung komplexer Lieferketten sowie die Einhaltung von Compliance-Anforderungen.
2. Effizienz und automatisierte Prozesse Strukturierte Produktdaten, wie sie im Produktpass enthalten sind, reduzieren den manuellen Aufwand, verbessern den Datenaustausch und optimieren Prozesse wie Rückruf, Qualitätsmanagement und Reporting.
3. Kostenvorteile und resiliente Lieferketten Durch bessere Datenverfügbarkeit unterstützt der Produktpass eine effizientere Nutzung von Ressourcen, reduziert Abhängigkeiten von Primärrohstoffen und macht Lieferketten widerstandsfähiger.
4. Schnellere Markteinführung, verbesserte Sicherheit Der Produktpass unterstützt die Einhaltung regulatorischer Vorgaben, beschleunigt den Marktzugang und erschwert Produktfälschungen durch bessere Nachverfolgbarkeit.
5. Wettbewerbsvorteile und Vertrauen Der Produktpass enthält transparente Informationen zu Nachhaltigkeit und Herkunft der Rohstoffe. Dies trägt zu einer stärkeren Positionierung und erhöhtem Vertrauen von Kunden und Partnern bei.
6. Innovation und neue Geschäftsmodelle Da der Produktpass datenbasierte Services wie Wartung, Rücknahme oder Second-Hand-Angebote ermöglicht, fördert er die Kreislaufwirtschaft und schafft zudem neue Erlösmodelle innerhalb des Produktlebenszyklus.
7. Fundierte Kaufentscheidungen Mit dem Produktpass erhalten Käufer eindeutige Informationen zu Herkunft, Zusammensetzung und Umweltwirkung des Produkts und können fundiertere Entscheidungen treffen – was auch Retouren reduzieren kann.
8. Produktqualität und -sicherheit Informationen zu Inhaltsstoffen, Qualität und Risiken wie etwa Allergenen sind direkt verfügbar und erhöhen Transparenz und Vertrauen.
9. Längere Nutzung und verbesserter Service Digitale Wartungs- und Reparaturinformationen erleichtern die Instandhaltung, verlängern die Produktlebensdauer und verbessern den Kundenservice.
Wie verändert der DPP die Kundenbeziehung?
Der Digitale Produktpass kann weit mehr sein als eine reine Datensammlung: Richtig in die Customer Journey eingebunden, wird er zum Ausgangspunkt für zusätzliche Services und Geschäftsmodelle von After-Sales-Services und automatisierter Bestandsauffüllung (Replenishment) bis zu Cross-Selling und Wiederverkauf (Re-Commerce). Dafür muss der Scan aus Kundensicht unmittelbar lohnend sein: durch relevante Informationen, konkrete Services oder echten Komfort. So entsteht eine neue Form der Kundenbeziehung. Der Markenhersteller begleitet den Kunden während der gesamten Nutzung des Produkts und schafft kontinuierliche Kontaktpunkte über dessen Lebenszyklus hinweg.
Der Digitale Produktpass als strategisches Fundament des Digital Commerce
Der Digitale Produktpass bildet den kompletten Produktlebenszyklus ab.
(Bild: Arvato Systems)
Der Digitale Produktpass ist weit mehr als eine gesetzliche Vorgabe. Für Markenhersteller und D2C‑Händler kann er sogar zu einem entscheidenden Faktor werden, wenn es darum geht, Produkte in datengetriebenen und KI-basierten Kaufprozessen sichtbar und relevant zu machen. Wer den DPP frühzeitig in seiner E-Commerce-Strategie integriert, schafft die Grundlage für neue Geschäftsmodelle, stärkere Kundenbeziehungen und nachhaltige Wettbewerbsvorteile. Im Digital Commerce, in dem KI zunehmend Kaufentscheidungen prägt, wird künftig ausschlaggebend sein, welche Produkte in diesen Systemen überhaupt berücksichtigt werden – und welche nicht. Der Digitale Produktpass kann genau hier den Unterschied machen. Wer den Digitalen Produktpass strategisch nutzen will, sollte sich frühzeitig mit Datenstruktur, Use Cases und technischer Umsetzung auseinandersetzen.
Kimberly Karambis ist Produktstrategin bei Arvato Systems mit Schwerpunkt auf digitaler Rückverfolgbarkeit, digitalem Handel sowie regulatorischen Anforderungen wie dem Digitalen Produktpass. Sie verbindet strategische Perspektiven mit operativer Umsetzungserfahrung und unterstützt die Entwicklung praxisnaher Lösungen – von der Prozessdigitalisierung bis zur Implementierung regulatorischer Vorgaben.
Bildquelle: Arvato Systems
Q&A: Digitaler Produktpass
Was bringt der Digitale Produktpass konkret? Der DPP erhöht die Transparenz, verbessert die Sichtbarkeit in digitalen Kanälen und ermöglicht neue Services innerhalb des Produktlebenszyklus.
Warum ist der DPP im KI-basierten Handel wichtig? KI-Systeme benötigen strukturierte Daten. Der Produktpass liefert diese und erhöht damit die Chance, dass Produkte in Empfehlungen berücksichtigt werden.
Wie profitieren Markenhersteller vom DPP? Sie können Kundenbeziehungen über den Kauf hinaus verlängern, neue Services anbieten und zusätzliche Umsatzpotenziale erschließen.
Wann wird der DPP verpflichtend eingeführt? Der Digitale Produktpass wird schrittweise eingeführt. Der genaue Startzeitpunkt hängt davon ab, wann die jeweiligen EU-Vorgaben für einzelne Produktgruppen verabschiedet werden. In der Regel folgt auf die Veröffentlichung eines delegierten Rechtsakts eine Übergangsphase von rund 18 Monaten, die Unternehmen ausreichend Zeit für die Umsetzung bietet.
Stand: 16.12.2025
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