Neue Strategien sind gefragt

Status quo im E-Commerce: Asiatische Marktplätze wachsen, deutsche Händler wanken

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Billigwaren und die EU-Zollfreigrenze

Ein zentrales Problem im deutschen E-Commerce sind die ungleichen Wettbewerbsbedingungen, die durch die EU-Zollfreigrenze von 150 Euro für Waren aus Drittstaaten entstehen. So stammten im Jahr 2024 laut der EU-Kommission über 90 Prozent aller E-Commerce-Sendungen, die einen Wert von weniger als 150 Euro hatten, aus China. Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 65 Prozent dieser Kleinpakete unterbewertet sind, um Einfuhrzölle zu umgehen. Dies hat massive Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Unternehmen.

Als Reaktion auf diese Problematik haben die EU-Finanzminister im November die Aufhebung der Zollfreigrenze beschlossen. Die neue Regelung tritt in Kraft, sobald der EU-Daten-Hub in Betrieb genommen wird – eine geplante zentrale Plattform der EU für die Zusammenarbeit mit den Zollbehörden. Das soll im aber erst Jahr 2028 der Fall sein.

Ein Termin, die für viele Onlinehändler in Europa und Deutschland deutlich zu spät kommt. Das haben zum Glück auch die EU-Kommission und die Mitgliedstaaten erkannt und nachgelegt: Ab Juli 2026 wird ein Zollsatz von 3 Euro pro Sendung für Waren aus Drittländern eingeführt. Der Zollsatz gilt für Pakete, die direkt aus Drittländern an Verbraucher versandt werden. Er soll die Zeit überbrücken, bis der EU-Daten-Hub in Betrieb genommen wird.

 „Mit dem rasanten Wachstum des elektronischen Handels verändert sich die Welt schnell – und wir brauchen die richtigen Instrumente, um Schritt zu halten“, erklärt Maroš Šefčovič, EU-Kommissar für Handel und wirtschaftliche Sicherheit. Deshalb sei die Entscheidung über Zölle für kleine Pakete, die in die EU eingeführt werden, so wichtig, um im heutigen Zeitalter des E-Commerce einen fairen Wettbewerb an den EU-Grenzen zu gewährleisten.

Die Umsetzung dieser neuen Maßnahme wird jedoch nicht ohne Herausforderungen sein. Die EU-Zollbehörden seien bereits heute mit der Kontrolle der Pakete aus Drittstaaten überfordert, so Alien Mulyk, Geschäftsführerin Public Affairs Europa & International beim Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland (BEVH). Durch die Aufhebung der Zollfreigrenze würde ihre Arbeit noch weiter zunehmen. Damit die Maßnahme wirken können, seien ihrer Ansicht nach daher eine schnellstmögliche Digitalisierung, eine bessere Ausstattung der Zoll- und Marktüberwachungsbehörden sowie ein einheitliches System im Binnenmarkt erforderlich.

Ausblick: Eine Chance zur Neugestaltung des Marktes

Der deutsche E-Commerce steht vor tiefgreifenden Veränderungen, die sowohl Chancen als auch erhebliche Herausforderungen mit sich bringen. Und die lokalen Händler sind gefordert, sich nicht nur an die veränderten Marktbedingungen anzupassen, sondern auch proaktiv neue Strategien zu entwickeln. Die Fähigkeit, sich an die neu definierten Marktregeln anzupassen und gleichzeitig den direkten Wettbewerb mit globalen Akteuren zu meistern, wird über den Erfolg oder Misserfolg der deutschen Händler im digitalen Zeitalter entscheiden. Der Schlüssel zum Überleben liegt in der Flexibilität, Innovationskraft und der Bereitschaft, neue Wege zu beschreiten – sei es durch das Umdenken in der Kundennähe oder durch die Entwicklung eigener Marktplatzstrategien. Der deutsche E-Commerce hat die Chance, sich neu zu erfinden – doch die Zeit drängt.

Die bevorstehenden Veränderungen im Zollrecht und die Einführung von Zollerhebungen könnten insbesondere dazu beitragen, den Druck auf EU-Unternehmen zu mindern. Dennoch bleibt die praktische Umsetzung der neuen Regelungen eine große Herausforderung. Die Zollbehörden benötigen dringend mehr Ressourcen und digitale Unterstützung, um den Anforderungen des wachsenden Onlinehandels gerecht zu werden.

E-Commerce – Deutschland – Status quo – EU-Zollfreigrenze – Billig-PlattformenKonstantin Pfliegl
ist leitender Redakteur für das e-commerce Magazin und Digital Business. Er verfügt über mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung als Journalist für verschiedene Print- und Online-Medien.

Bildquelle: Foto Marquart, Tutzing

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