Die Differenzierung im Onlinehandel wird in den nächsten drei bis fünf Jahren vor allem operativ entschieden: über Liefer- und Retouren-Prozesse. Wettbewerbsfähig bleiben Onlinehändler, die schnell, zuverlässig und transparent liefern – trotz wachsender SKU-Vielfalt, steigender Volatilität und kürzerer Reaktionszeiten.
Dafür braucht es eine hochgradig orchestrierte Lagerlogik mit Echtzeit‑Beständen, dynamischer Priorisierung und Prozessen, die über mehrere Standorte hinweg skalierbar sind. Gleichzeitig müssen Onlinehändler in der Lage sein, komplexe Automatisierungs- und Robotik-Technologien beherrschbar in ihre Lagerprozesse zu integrieren und sicher zu steuern – von klassischer Fördertechnik bis zu flexiblen, robotergestützten Kommissionier- und Verpackungslösungen.
Alexander Edelmann, Partner bei Logistics Reply.
(Bild: Logistics Reply)
WMS als zentrale Steuerung: Nicht zuletzt werden auch KI-Funktionen direkt innerhalb des Warehouse Management Systems (WMS) weiter an Bedeutung gewinnen: Sie unterstützen operative Entscheidungen datenbasiert, verbessern Prognosen und automatisieren wiederkehrende Aufgaben über intelligente Agents. Folglich werden moderne WMS ihre Rolle als zentrale Steuerungsinstanz im Fulfillment in den nächsten Jahren festigen. Sie bilden die Grundlage, um Prozesse zu standardisieren, Daten konsistent nutzbar zu machen und das Zusammenspiel von Mensch, Software und Maschine zuverlässig und skalierbar zu orchestrieren.
Gerridt Woesmann – Senior Sales Executive bei Manhattan Associates
Sie Lieferketten von Onlinehändlern müssen immer mehr leisten, vor allem hinsichtlich Resilienz, Skalierbarkeit und Nachhaltigkeit. Eine Studie von Manhattan Associates ergab, dass 74 Prozent der Befragten in Deutschland befürchten, dass ihr Transport Management System (TMS) den wachsenden Anforderungen bis 2030 nicht standhält. In Zukunft werden die Herausforderungen noch weiter zunehmen und den Druck erhöhen, Transportabläufe intelligenter und transparenter zu gestalten.
Gerridt Woesmann, Senior Sales Executive bei Manhattan Associates.
(Bild: Manhattan Associates)
Flexible Anpassungen an den Markt: Der Schlüssel dafür sind agile, miteinander verknüpfte TMS und Warehouse Management System (WMS) mit Microservices-basierter Architektur. Darin können einzelne Komponenten aktualisiert, aufgerüstet oder ausgetauscht werden, ohne dass dies den laufenden Betrieb beeinträchtigt. Das ermöglicht eine schnellere Anpassung an sich ändernde Marktbedingungen, Kundenanforderungen und technologische Fortschritte. Onlinehändler gewinnen dadurch die Fähigkeit, alle Lager- und Transportbewegungen zu koordinieren, zu optimieren und schnell auf unvorhergesehene Entwicklungen zu reagieren.
Zudem werden in der Lieferkette agentische KI-Lösungen immer mehr Aufgaben übernehmen. Die Tendenz geht weg von der einfachen Automatisierung und hin zu intelligenten Systemen, die Bedarfe vorhersagen und Probleme lösen, bevor sie die Kunden überhaupt bemerken. Die größte Hürde ist dabei die Integration in bestehende Systeme und Abläufe. Auch hier macht sich eine plattformbasierte Microservices-Architektur bezahlt: Die Agenten werden einfach in die bestehenden Systeme eingebunden, ohne langwierige Entwicklungszyklen oder kostspielige Anpassungen.
Florian Langer, Partner im Bereich Digital Sales & Customer Experience bei MHP.
(Bild: MHP)
Florian Langer – Partner im Bereich Digital Sales & Customer Experience bei MHP
Die entscheidende Fähigkeit in den nächsten drei bis fünf Jahren ist nicht Logistik im klassischen Sinne, sondern die Orchestrierung autonomer Entscheidungsprozesse entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Onlinehändler, die heute noch in Prozessen denken, werden morgen von Wettbewerbern überholt, die in Agenten denken.
Drei Kompetenzfelder sind dabei kritisch:
1. Predictive & Agentic Fulfillment: Bestandsdisposition, Routing und Retourenmanagement werden zunehmend von spezialisierten KI-Agenten gesteuert, die eigenständig entscheiden – vom dynamischen Warehouse Slotting bis zur CO2-optimierten Zustellung. Wer hier keine Datenbasis und keine Agenten-Governance aufbaut, verliert Marge.
2. Composable Logistics: Monolithische Systeme müssen modularen, API-first Architekturen weichen. Nur so lassen sich neue Fulfillment-Partner, Micro Hubs oder Same Day Services in Wochen statt Quartalen integrieren.
3. Customer Experience Logistics: Lieferung ist heute Marke. Transparenz, Flexibilität und emotionalisierte Post-Purchase-Erlebnisse entscheiden über den Wiederkauf – Logistik wird zum CX-Hebel, nicht zum „Cost Center“.
Unsere Empfehlung ist, dass Händler jetzt in eine „Agent-Factory“-Logik investieren – also in die Fähigkeit, Logistik-Agenten skalierbar und sicher zu bauen. Wer das beherrscht, verwandelt Supply Chain von einem Kostenblock in einen strategischen Wettbewerbsvorteil – von der Logistik zur agentengesteuerten Supply Chain.
Andreas Schellmann – Director Product Management bei PSI
In der E-Commerce-Logistik braucht es in Zukunft vor allem drei Fähigkeiten: hochskalierbare, standardisierte Fulfillment-Prozesse, die Fähigkeit, neue Anforderungen und Volumenspitzen schnell umzusetzen, sowie eine konsequent datenbasierte Steuerung und Optimierung der operativen Abläufe.
Andreas Schellmann, Director Product Management bei PSI.
(Bild: PSI)
Kern ist ein professionelles Warehouse Management, das Wareneingang, Einlagerung, Nachschub, Kommissionierung, Versand und Retoure durchgängig steuert. Entsprechend gewinnen standardisierte, cloudbasierte WMS-Ansätze an Bedeutung. Sie befähigen Logistiker, neue Standorte und Prozessvarianten zügig produktiv zu setzen, ohne monatelange Individualentwicklungen und hohe IT-Betriebslast. Vorkonfigurierte Best-Practice-Prozesse ermöglichen kurze Einführungszeiten und planbare Rollouts, bleiben aber erweiterbar, wenn Automatisierung oder Komplexität steigen.
Stand: 16.12.2025
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Konstantin Pfliegl ist leitender Redakteur für das e-commerce magazin und das DIGITAL BUSINESS MAGAZIN. Er verfügt über mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung als Journalist für verschiedene Print- und Online-Medien.