Der E-Commerce befindet sich in einem ständigen Wandel – und mit ihm die Anforderungen an die Logistik. Das e-commerce magazin fragt bei Experten nach: Wie bleiben Onlinehändler mit ihrer Logistik auch in drei bis fünf Jahren noch wettbewerbsfähig?
Die Logistik ist das Rückgrat des E-Commerce, denn nur durch effiziente Lager-, Versand- und Lieferprozesse können Onlinehändler die hohen Erwartungen der Kunden an schnelle und zuverlässige Lieferungen erfüllen. Eine leistungsstarke Logistik entscheidet maßgeblich über den Erfolg im Onlinehandel, da sie nicht nur die Kundenzufriedenheit und Wiederkaufrate steigert, sondern auch einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil in einem zunehmend umkämpften Markt darstellt.
Wer langfristig erfolgreich sein will, muss seine logistischen Prozesse kontinuierlich an neue Marktbedingungen, Kundenwünsche und technologische Entwicklungen anpassen. Das e-commerce magazin fragt bei Experten nach: „Welche logistischen Fähigkeiten müssen Onlinehändler heute beherrschen, um in drei bis fünf Jahren noch wettbewerbsfähig zu sein?“
Martin Klein, Geschäftsführer Contract bei BLG Logistics.
(Bild: BLG Logistics)
Martin Klein – Geschäftsführer Contract bei BLG Logistics
Für Onlinehändler wird Logistik zunehmend zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor – und damit zur Gemeinschaftsaufgabe von Handel und Logistiker. Aus Sicht eines Kontraktlogistikers heißt das: Wir müssen die Erwartungshaltung der Kunden mit der tatsächlichen Customer Experience in Einklang bringen. Lieferzeit, Zustelldauer, Qualität der Auslieferung und der Retouren-Prozess sind keine Marketingversprechen, sondern operativ zu beherrschende Fähigkeiten – über Unternehmensgrenzen hinweg.
Wiederverwertung und Refurbishment: Dabei entwickelt sich die smarte Retouren-Logistik vom reinen Kostenfaktor zum strategischen Wertschöpfungshebel. Richtig aufgesetzt, ermöglichen Wiederverwertung, Refurbishment und gezielte Weitervermarktung zusätzliche Erlösquellen und verbessern gleichzeitig die Nachhaltigkeitsbilanz. Als Logistikdienstleister bringen wir dafür skalierbare Prozesse, Flächen, Automatisierungstechnik und standardisierte Qualitätsprüfungen ein.
KI und Automatisierung werden zum Pflichtprogramm. KI-gestützte Bilderkennung, automatisierte Scantunnel, Predictive-Returns-Modelle und dynamische Produktbeschreibungen beschleunigen Prüfung, Sortierung und Gutschrift, senken Fehlerquoten und reduzieren Rücksendungen. Die enge Vernetzung dieser Lösungen mit den ERP- und Shopsystemen unserer Kunden schafft Transparenz in Echtzeit.
Logistikdienstleister, die diese Fähigkeiten gemeinsam ihren Kunden aufbauen, machen aus Retouren einen Wettbewerbsvorteil – und sichern so ihre Position im E Commerce der Zukunft.
Dirk Teschner – Senior Vice President & Managing Director bei Infios
Eine exzellente Logistik ist der Schlüssel zur Wettbewerbsfähigkeit, und das sicher nicht erst in drei Jahren. Die Entwicklung in der Automatisierung, Robotik und vor allem bei KI geben den Takt in anderen Zeiträumen vor. Der USP liegt nicht mehr in der schnelleren Kommissionierung oder der ausgeklügelten Retouren-Bearbeitung. Insellösung war gestern, heute zählt der ganzheitliche Blick auf die Supply Chain Execution als intelligentes Netzwerk von Standorten, Systemen und Prozessen. Deren Integration und Orchestrierung ist die mit Abstand wichtigste logistische Fähigkeit.
Dirk Teschner, Senior Vice President & Managing Director bei Infios.
(Bild: Infios)
Das Konzept der Intelligent Supply Chain Execution führt automatische und manuelle Tätigkeiten, Warehouse-, Order- und Transportmanagement zusammen und überwindet die Grenzen zwischen Hard- und Software. Natürlich kann ich hardwareseitig über weitere Autonome Mobile Roboter (AMR) oder Shuttles flexibel auf Nachfragespitzen reagieren.
Fragmentierte Netzwerke: Das bringt auch einen Wettbewerbsvorteil. Aber das ist nur der Übergang zu einer kognitiven Supply Chain, die Veränderungen antizipiert, anstatt auf sie zu reagieren. Das betrifft auch die Infrastruktur. Das Zentrallager verliert an Bedeutung gegenüber fragmentierten Netzwerken aus Hubs und Mikrolägern. Dort geht es nicht mehr um statische Mindestbestände, sondern um die KI-gestützte Vorpositionierung von Waren, im Idealfall, bevor die Bestellung überhaupt ausgelöst wird. Der „Kaufen“-Button wird damit sozusagen bald im Lager gedrückt, die Integration heterogener Systemlandschaften zur Kernkompetenz.
Stand: 16.12.2025
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Dr. Dirk Liekenbrock – Stellvertretender Leiter Vertrieb bei Klinkhammer Intralogistics
Wettbewerbsfähigkeit bedeutet für den Onlinehandel auch in Zukunft, neben einem attraktiven Warenangebot eine gute Lieferfähigkeit sicherzustellen und Nachhaltigkeit im Blick zu haben
Dr. Dirk Liekenbrock, stellvertretender Leiter Vertrieb bei Klinkhammer Intralogistics.
(Bild: Klinkhammer)
Entscheidend für das Fulfillment ist die Prognose von Warenbedarfen, um Beschaffungen, Bestände, Kommissionierung und Versand zu optimieren. In dieser datengesteuerten Logistik nimmt künstliche Intelligenz als Werkzeug für Predictive Analytics eine zentrale Rolle ein, sei es übergreifend als Bestandteil eines Hostsystems, in einem Warehouse Management System (WMS) oder auch, um Versandkonditionen zu optimieren.
Robotik in der Logistik: Auch Automatisierung steht nicht zuletzt wegen des Fachkräftebedarfs im Fokus. Um bei saisonal schwankenden Auftragsmengen und auch bei stetigem Wachstum gut agieren zu können, sind flexible und skalierbare Lösungen gefragt. Shuttle-Systeme und Autonome Mobile Roboter (AMR) bilden diese Anforderungen an Lagersysteme technisch gut ab, automatische Verpackungslösungen für volumenreduzierte Sendungen wirken sich durchsatzsteigernd und helfen, Versandkosten zu minimieren.
Prinzipiell können viele automatisierte Lagerlösungen dazu beitragen, die interne Logistik eines Onlinehändlers effizienter zu gestalten. Das frühzeitige Erkennen eigener Bedarfe in Bezug auf Lagergrößen und -durchsatz und ein Zielbild der Prozesse sind essenziell, um angesichts der Fülle möglicher Lösungen die individuell beste umzusetzen.
Thomas Reichmann – Managing Director bei Knapp Deutschland
Ich sehe zwei Fähigkeiten als entscheidend: End‑to‑End‑Transparenz und die Anpassungsfähigkeit an stark schwankende Nachfrage – intelligent orchestriert entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Thomas Reichmann, Managing Director bei Knapp Deutschland.
(Bild: Knapp)
Onlinehändler müssen jederzeit volle Transparenz über Bestände, Aufträge und Kapazitäten haben, vom Einkauf über das Fulfillment bis zur letzten Meile. Diese Sichtbarkeit ist auch die Voraussetzung, um künstliche Intelligenz im Handel sinnvoll und wirksam einsetzen zu können. Denn mit KI‑basierten Einkaufsagenten, dynamischer Preisfindung und automatisierten Kaufentscheidungen steigt auch die Markt‑ und Preistransparenz massiv. Das Geschäft wird deutlich volatiler und weniger planbar.
Weg von starren Infrastrukturen: Aus unserer Sicht bei Knapp liegt die zentrale Herausforderung dabei weniger in der KI selbst, sondern darin, logistisch auf diese neue Dynamik reagieren zu können. Logistiksysteme müssen künftig in Größe, Leistung und Durchsatz „atmen“ können. Statt starrer Infrastrukturen braucht es modulare, softwaregetriebene Systeme, die sich datenbasiert und in Echtzeit anpassen lassen. Gleichzeitig steigen die Erwartungen von Kunden und Endkunden an Liefergeschwindigkeit, Performance und Verlässlichkeit weiter. Wettbewerbsfähig bleibt, wer dieses Spannungsfeld meistert – indem er Logistik ganzheitlich denkt, die gesamte Wertschöpfungskette berücksichtigt und Prozesse mit KI intelligent vernetzt, vorausschauend steuert und konsequent vom Kunden her ausrichtet.