ECommerce Masterminds Podcast 

3 Euro, die vieles verändern: Das Ende der EU-Zollfreigrenze und die Folgen für den Onlinehandel

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Qualität von Produktdaten, EU-Bearbeitungsgebühr & die Wettbewerbssituation mit asiatischen Plattformen

Welche technologischen Lösungen bietet Descartes Händlern eigentlich an, um ihnen die neue Zollkomplexität abzunehmen, Stichwort Automatisierung von HS-Code-Klassifizierung, Zollanmeldungen und so weiter?

Shahab Wahdatehagh: Das lässt sich in zwei Ebenen unterteilen. Die erste Ebene, für die auch ich verantwortlich bin, ist die Produktklassifizierung. Hier bieten wir Lösungen an, mit denen Unternehmen ihre Produkte systemgestützt klassifizieren können – bis hin zu KI-basierten Klassifizierungsverfahren. Damit erhalten Unternehmen auch Informationen zu den relevanten Zolltarifen, selbst wenn diese aktuell noch nicht unmittelbar greifen, weil sie weiterhin Einzelsendungen importieren. Für die Zukunftsplanung ist das aber entscheidend: Wenn ich künftig Tausende dieser Produkte über ein Lager importieren würde, muss ich wissen, welche Zollsätze dafür gelten. Diese Daten haben wir für so gut wie alle relevanten Länder verfügbar. Über meinen Bereich hinaus bietet Descartes auch Lösungen für das Customs Filing, also die Vereinfachung von Zollanmeldungen, sowie eigene E-Commerce-Lösungen für Versand, Lagerlogistik und Warenwirtschaft. Von der Produktklassifizierung über Zollinformationen und Order Management bis hin zu Zollanmeldungen und Logistik – das sind alles Geschäftsprozessbereiche, die wir mit unseren Lösungen abdecken.

Apropos Produktdaten – wie steht es um das Thema Datenqualität? Ich kann mir vorstellen, dass gerade bei Kleinsendungen mit vielen unterschiedlichen Artikeln die korrekte Klassifizierung für Händler ohne eigene Zollabteilung eine echte Herausforderung ist, oder?

Shahab Wahdatehagh: Das ist definitiv der Fall. Die korrekte Produktklassifizierung ist ein wesentlicher Bestandteil der neuen Regelung. Man reduziert das Thema gerne auf die 3 Euro und die entfallene Zollfreiheit unter 150 Euro. Aber es geht um deutlich mehr, nämlich um das Gesamtbild. Und in diesem Gesamtbild ist die Qualität der Daten, mit denen ich mein Produkt klassifiziere, enorm wichtig. Gerade Importeure, die sich bislang mit vagen Angaben wie „Elektronikartikel“ oder „Damenoberteil“ begnügt haben, werden feststellen, dass das für eine korrekte Klassifizierung nicht ausreicht. Je besser die Produktbeschreibung, desto einfacher lässt sich der Prozess automatisieren. Ein gewisses Maß an Kontrolle wird aber immer beim Händler verbleiben, der ja letztlich verantwortlich ist. Je schlechter die Datenqualität, desto mehr Zollwissen muss der Importeur selbst mitbringen, um die Produkte korrekt für die Zollanmeldung vorzubereiten.

Blicken wir in die Zukunft: Ab November soll zusätzlich eine EU-Bearbeitungsgebühr kommen, die sogenannte Union Handling Fee. Die genaue Höhe steht noch nicht fest. Was wissen Sie über den aktuellen Stand der Diskussion, und worauf sollten sich Händler einstellen?

Shahab Wahdatehagh: Das Einzige, was man mit Sicherheit sagen kann: Diese zusätzliche Gebühr wird kommen. Es ist keine Frage des Ob, sondern nur noch des genauen Zeitpunkts. Spätestens zum 1. November soll diese EU-weite Handling Fee für Kleinsendungen eingeführt werden. Sie kommt zusätzlich zu den 3 Euro Zoll pro Warenkategorie, denn die 3 Euro sind ja lediglich der vorübergehende Pauschalersatz für den eigentlichen Zoll. Bei der Handling Fee geht es explizit darum, die enorm hohen Kosten abzudecken, die bei Milliarden von Einzelsendungen beim Zoll anfallen. Bislang sind diese Kosten irgendwo in den allgemeinen Ausgaben untergegangen, obwohl sie natürlich erheblich sind. Die europäischen Zollbehörden wollen diese Aufwendungen künftig über eine solche Abgabe mitfinanzieren. Sie wird also definitiv kommen – nur die genaue Höhe steht noch nicht fest.

Die korrekte Produktklassifizierung ist ein wesentlicher Bestandteil der neuen Regelung. Man reduziert das Thema gerne auf die 3 Euro und die entfallene Zollfreiheit unter 150 Euro. Aber es geht um deutlich mehr, nämlich um das Gesamtbild.

Shahab Wahdatehagh, Vice President Global Trade Intelligence EMEA bei Descartes

Und ab 2028 kommt dann noch der EU Customs Data Hub mit regulären, warenspezifischen Zollsätzen. Was bedeutet das für Händler, die sich jetzt für ein Modell entscheiden müssen – Direktversand, EU-Lager, ein Dienstleister oder eine neue Software? Lohnt sich eine Investition überhaupt, wenn sich die Regeln in zwei Jahren ohnehin wieder ändern?

Shahab Wahdatehagh: Das Argument, deswegen heute keine Investition zu tätigen, halte ich für falsch – im Gegenteil. Natürlich ist beim EU Customs Data Hub noch einiges vage, vieles muss noch spezifiziert werden. Aber er wird kommen, und er wird das aktuelle Pauschalverfahren mit den 3 Euro verpflichtend durch die regulären, produktspezifischen Zollsätze ersetzen. Diese Sätze sind ja bereits heute gängige Praxis bei Sendungen über 150 Euro Warenwert – und auch wenn die Masse der Kleinsendungen zahlenmäßig überwiegt, sind die höherwertigen Sendungen deswegen nicht unbedeutend.

Ich würde das Thema eher aus einer Drei- bis Fünfjahresperspektive betrachten und verschiedene Szenarien für das eigene Unternehmen durchrechnen: Was würde an künftigen Zollwerten auf mich zukommen, wenn ich meine historischen Importdaten zugrunde lege? Was bedeutet das, wenn ich über einen 3PL-Anbieter gehe oder selbst ein Lager aufbaue? Diese Simulationen sollte man jetzt schon anstoßen. Denn der Aufbau der Fähigkeit, Produkte sinnvoll zu klassifizieren, ist mit erheblichem Aufwand verbunden – das lässt sich nicht wie ein Lichtschalter umlegen, sobald das Gesetz greift. Diese Fähigkeit muss im Unternehmen erst aufgebaut werden.

Sie haben einen guten Überblick darüber, wie es bei Händlern draußen aussieht. Welche Fehler beobachten Sie am häufigsten bei denen, die versuchen, sich selbst durch die neuen Zollregeln zu navigieren?

Shahab Wahdatehagh: Das lässt sich auf ein paar Punkte zusammenfassen. Der wohl häufigste Fehler ist, das Ganze als reines Pricing-Thema zu betrachten. Natürlich ist zunächst offensichtlich, dass die 3 Euro abgeführt oder vom Verbraucher bezahlt werden müssen und die Kalkulation durcheinanderbringen können. Aber es geht weit über die reine Preisfrage hinaus – es ist vor allem eine Daten- und Prozessveränderung, und das wird häufig unterschätzt.

Ein zweiter Punkt, der zwar zunehmend besser verstanden wird, aber anfangs oft verwechselt wurde: 3 Euro pro Sendung ist nicht dasselbe wie 3 Euro pro unterschiedlicher Tarifposition. Eine Kleinsendung mit vier verschiedenen Produktklassifizierungen kostet nicht 3 Euro mehr, sondern viermal 3 Euro.

Ein weiterer Fehler ist, die eigenen Produkte gar nicht genau zu kennen – im Sinne von: Welche Klassifizierung würde eigentlich greifen? Häufig überlässt man das dem Logistiker oder dem Versender im Ursprungsland, der sich aber nicht zwingend um die korrekte EU-Klassifizierung kümmert. Denn Klassifizierung bedeutet auch, das richtige Regelwerk im Zielland anzuwenden – es gibt zwar die Grundklassifizierung nach der Weltzollorganisation, aber die EU-Klassifizierung geht über die ersten sechs Stellen hinaus und verlangt eine weitere Detaillierung.

Ein Fehler, der sich heute noch nicht in vollem Umfang bemerkbar macht, aber an Bedeutung gewinnen wird, ist die uneinheitliche Produktbeschreibung über verschiedene Systeme hinweg – vom Shop über das Warenwirtschaftssystem bis zur Logistik. Dass dieselben Produkte überall konsistent beschrieben sind, ist heute meiner Erfahrung nach oft nicht gegeben.

Und schließlich: Viele sind so fokussiert auf das, was zum 1. Juli in Kraft getreten ist, dass sie die kommende Handling Fee und vor allem die Tragweite von 2028 ausblenden – ab dann muss jeder Import korrekt klassifiziert und mit dem passenden Zollsatz verzollt werden. Das ist vielen noch nicht wirklich bewusst.

Nehmen wir an, ich bin Händler und setze noch auf Direktimport aus Drittländern wie China. Wenn Sie mir einen einzigen konkreten Rat für die nächsten sechs Monate geben müssten – wie würde der lauten?

Shahab Wahdatehagh: Mein Rat: Nehmt Eure Bestelldaten der letzten sechs bis zwölf Monate und simuliert damit ganz praktisch – nicht nur theoretisch –, welche Abgaben unter der heute geltenden Regelung angefallen wären. Und darauf aufbauend: Was kommt auf mich zu, wenn zum 1. Juli 2028 die vollständigen, produktspezifischen Zollsätze greifen? Diese Daten liegen praktisch jedem Importeur vor, oder sollten es zumindest. Diese Simulation jetzt schon durchzuführen, ist aus meiner Sicht der beste Rat, den ich aktuell geben kann.

Zusammen mit dem Wegfall der Zollfreigrenze müssen wir auch über die Wettbewerbssituation mit asiatischen Plattformen sprechen. Temu, Shein und Co. haben im vergangenen Jahr fast 500.000 Pakete täglich nach Deutschland geliefert. Erste Effekte sind schon messbar: Laut Euronews meldet der französische Zoll für Ende August einen Rückgang bei Kleinsendungsimporten von 30 bis 40 Prozent. Noch deutlicher zeigt es sich bei den Plattformen selbst – bei Temu gingen die Paketmengen von Juni auf Juli um 50 Prozent zurück. Wie verändern die neuen Regeln aus Ihrer Sicht den Wettbewerb? Können der deutsche und der europäische Handel jetzt aufatmen?

Shahab Wahdatehagh: Ein bisschen ja – und gleichzeitig auch nein, weil sich die großen Plattformen ebenfalls anpassen und ihre Geschäftsmodelle an die neuen Regularien ausrichten. Zunächst einmal verbessert sich die Wettbewerbssituation für europäische Händler tatsächlich. Das alte Problem war klar: Ein EU-Händler, der großvolumig importiert, zahlt kommerziell Zoll und muss diesen in seine Produktkosten einkalkulieren. Derselbe Produkttyp kam über den Direktversand aus Drittländern, solange er unter 150 Euro lag, in der praktischen Realität hingegen zollfrei an – der Verbraucher trug diese Differenz. Dieser Nachteil verschwindet nun für Importeure, die in Europa sitzen, ein eigenes Lager betreiben oder bereits vorher auf 3PL-Lösungen gesetzt haben und sich nicht allein auf Direktsendungen verlassen haben – die stehen jetzt besser da. Gleichzeitig verfügen die großen Plattformen aber über enorme Einkaufsvolumina und entsprechende Marktmacht, sowohl bei der Supply Chain als auch bei der Nutzung von Technologie und Skaleneffekten. Insgesamt sehen wir hier also definitiv Verschiebungen in den Strategien, die den Markt weiter verändern werden.

ECommerce Masterminds Podcast – EU-ZollfreigrenzeKonstantin Pfliegl
ist leitender Redakteur für das e-commerce magazin und das Digital Business Magazin. Er verfügt über mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung als Journalist für verschiedene Print- und Online-Medien.

Bildquelle: Foto Marquart, Tutzing

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